Stefan Krücken: Unverkäuflich! (2012)

Der Anruf, der alles verändert, der so furchtbar sein soll und so einschneidend, der alles aus der Bahn wirft und nichts mehr so sein lässt, wie es einmal war, erreicht mich im Paradies. Man nennt diesen Ort tatsächlich Paradies, jeder, der einmal dort war: Siargao, eine Insel im Archipel der Philippinen.

So beginnt

Stefan Krücken: Unverkäuflich! – Schulabbrecher, Fußballprofi, Weltunternehmer – Die völlig verrückte Geschichte von Bobby Dekeyser (2012)

Inhalt

Nun, der Untertitel nennt schon wesentliche Stationen im Leben des 1964 geborenen Robert „Bobby“ Dekeyser, der das international erfolgreiche Unternehmen Dedon leitet und der diverse soziale und kulturelle Projekte mitbegründete oder tatkräftig unterstützt.

Seine Firma Dedon, die hochpreisige Outdoormöbel herstellt, hat keinen der Produktionsbereiche aus der Firma „outgesourct“, wie das heute aus Kostengründen ja so beliebt ist, und für Dekeyser ist es selbstverständlich, dass in seinem Werk auf den Philippinen vergleichsweise hohe Löhne bezahlt werden, dass strenge Sicherheitsvorschriften eingehalten werden, die Mitarbeiter krankenversichert sind und dass das Kantinenessen für die Mitarbeiter umsonst ist.

Auch seine Firmenführung in Lüneburg entspricht nicht immer dem, was Managementberater und Banker als sinnvoll erachten. Überhaupt dürfte es schon ziemlich untypisch für einen Unternehmer sein, dass ihm Geld als solches relativ unwichtig ist. Geld taugt zum Ausgeben, nicht zum Horten. Und das Wesentliche, das Echte kann man ohnehin nicht kaufen.

Macht Konsum glücklich? Ich finde: nein, und will das an einem einfachen Beispiel erklären. Schon zu meiner Zeit als Fußballprofi fragte ich mich manchmal im Stadion: Haben die Leute nichts Besseres zu tun? Eine Familie kann am Wochenende mit dem Ball in den Park oder auf die Dorfwiese gehen. Man spielt, lacht, verbringt Zeit miteinander, hält sich fit und wird Energie los, ohne einen einzigen Euro auszugeben. Stattdessen schieben sich immer mehr Menschen in langen Staus in Stadien, sind gestresst, geben immer mehr Geld für Eintrittskarten, für Bier, Wurst und Parkplätze aus, um Spielern zuzusehen, die überbezahlt sind und wenig bis nichts mit dem Verein verbindet, in dessen Farben sie auflaufen. Meist sehen sie ein ödes Gekicke. Sie grölen, klatschen und pfeifen ein bisschen und glauben, das wäre ‚Miteinander‘, bevor es wieder mit dem Massenstrom zur großen Autosuche auf den Parkplatz geht, zurück in den Dauerstau. Ist das Unternehmungslust? Macht das wirklich Spaß? (S. 141)

Wir erfahren etwas über seinen Lebensweg, seine Anfänge als Kind, das oft sich selbst überlassen bleibt, zusammen mit anderen Jugendlichen Unfug treibt und die Schule schwänzt, bis Bobby schließlich als Fünfzehnjähriger die Schule hinwirft.

Irgendwann setzt er sich in den Kopf, Fußballer zu werden, und mit wahnwitzigem Trainingseifer schafft er das schließlich auch.

Doch als man ihn vertraglich auf die Rolle des Ersatztorhüters festlegen will, schert er aus. Trotz der Verantwortung für seine kleine Familie beschließt er, den Vertrag abzulehnen und stattdessen Unternehmer zu werden, eigentlich vor allem deshalb, weil er sich schlecht unterordnen kann und lieber seinem Bauchgefühl folgt als all den vernünftigen Ratschlägen. Seine ersten unternehmerischen Ideen floppen.

Was folgt, ist die manchmal wahnwitzige Erfolgsgeschichte von einem, der nie studiert hat und manchmal auch schmerzhaft auf die Nase fällt. Doch heute ist er mit seinen Outdoor-Möbeln, die mit einer in Lüneburg hergestellten Kunststofffaser, einem quasi witterungsbeständigen Rattan, auf Aluminiumrahmen geflochten werden, in über 80 Ländern vertreten. Zu den Kunden gehören Brad Pitt und andere Prominente.

Bis heute habe ich kein festes Büro, keine Sekretärin, keine Assistentin. Mich ruft auch kaum jemand an. Ich bin nicht greifbar, nicht fassbar, ich lasse mich nicht vereinnahmen. (S. 119)

2010 – er ist gerade auf Geschäftsreise – dann der Einbruch; er erhält den Anruf, dass seine geliebte Frau Ann-Kathrin eine Gehirnblutung erlitten hat. Sie stirbt, bevor er zurück in Deutschland ist.

Doch die Familie hält zusammen und lässt sich dauerhaft auch von einem solchen Schlag nicht unterkriegen. Die Geschichte geht weiter.

Fazit

Das Buch ist von der ganzen Aufmachung her so gar nicht meins. Dunkelblauer Hintergrund, helles Neon-Orange für die Überschrift. Dazu – weil Dekeyser gut aussieht – einfach ein Porträtfoto von ihm.

Das Ganze in der Ich-Form erzählt und sprachlich schlicht. Aufgeschrieben von Stefan Krücken, der wohl mit Dekeyser befreundet ist.

An wichtigen Stellen war mir der Text zu sprunghaft, da fehlten mir plötzlich Zusammenhänge, um die Firmenentwicklung wirklich nachvollziehen zu können. Auch die Trauerzeit nach dem Tod seiner Frau wurde diskret gerafft.

An vielen Stellen hätte ich gern mehr gelesen oder auch andere Stimmen gehört, z. B. von seinen Mitarbeitern oder Familienmitgliedern.

Sein Lebenstempo ist rasant mit ständigen Orts- und Länderwechseln. Er sagt selbst von sich, er müsse immer in Bewegung sein, um so etwas wie Ruhe zu empfinden. Er hat die Ideen und das Talent, Menschen zu finden, mit denen er seine Ideen umsetzen kann.

Aber auch wenn das nun keine Autobiografie auf literarischem Niveau ist, der Mann selbst ist faszinierend, mit seiner Widerständigkeit, seinem Familiensinn, seinem Optimismus und natürlich seinem Erfolg, dem schließlich inzwischen über 3000 Menschen ihren Lebensunterhalt verdanken.

Und so sprachlich simpel seine Botschaften auf den ersten Blick wirken mögen, er hat sie umgesetzt und ich finde es spannend und mehr als nachdenkenswert, was ein Einzelner – auch ohne Schulabschluss – bewegen kann, wenn er sich etwas nur fest genug vorgenommen hat.

Ich möchte jedem, der meine Geschichte liest, Mut machen. Ich möchte raten, auf das eigene Herz zu hören. Den Plan, den man schon lange hegt, endlich umzusetzen, etwas zu wagen, etwas zu riskieren. Aber um das klarzustellen: Diese Geschichte ist kein Ratgeber. Ich glaube nicht an Ratgeber und ich halte generell nichts von Beratern, denn sie sind für mich wie dicke Männer, die einem Diäten verkaufen wollen. Patentrezepte? Gibt es nicht. Erfolg ist so individuell wie ein Fingerabdruck, denn jeder Mensch hat andere Talente; jeder Mensch geht seinen eigenen Weg, und wer behauptet, die Weisheit zu kennen, ist so vertrauenswürdig wie meine Labradorhündin Anouschka, wenn sie auf eine Fleischwurst aufpassen soll. (S. 17)

Anmerkungen

Hier geht es lang zu einem Artikel in der ZEIT und zu einem Talkshow-Auftritt des sympathischen Unternehmers, schon sein Redetempo ist phänomenal …

10 thoughts on “Stefan Krücken: Unverkäuflich! (2012)

    • Ja, interessant unbedingt, dieser Mut zum eigenen Weg auch, wenn natürlich auch nicht ohne Widersprüchlichkeiten, er verkauft Luxusgüter, die man streng genommen nicht benötigt. Aber er bewegt was, das hat mich schon sehr beeindruckt. LG, Anna

  1. Ja, der Bobby Dekeyser ist ein sehr spannender Mensch. Schade, dass die Biografie offenbar ein bisschen seicht geraten ist. Da hätte man mehr draus machen können. Liebe Grüße!

    • Nicht wirklich viel mehr. Ich hatte vor Jahren mal überlegt, über ihn zu schreiben – und bin immer etwas traurig, wenn ich den Eindruck habe, eine Geschichte sei verschenkt worden.

      • Also, solltest du irgendwann doch mal über ihn schreiben, würde ich das sehr gern lesen! Vielleicht ist es manchmal von Nachteil, wenn sich derjenige, der porträtiert werden soll, und der Schreibende (zu) gut kennen? Ein Außenstehender stellt möglicherweise noch einmal ganz andere Fragen… Einen schönen Tag wünscht Anna

  2. Liebe Anna,
    das Buch und das erzählte Leben hören sich ja sehr interessant und spannnend an. Wie schön, und wir finden es tatsächlich schon fast ungewöhnlich, wenn da mal ein Unternehmer etwas nicht nur mit Blick auf seinen Gewinn tut, sondern auch anderen Menschen einen vernünftigen Lohn, eine Krankenversicherung und ein Kantinenessen (alles Kosten, alles völlig unnötige Kosten, belastet nur die Rendite, grrr) gönnt. Wobei ich denke, dass es viele dieser Unternehmen gibt, sie sind das, was wir deutschen Mittelstand nennen und die Unternehmen, die nicht in jeder Zeitung oder in jeder Börsensendung im Fernsehen vorkommen, weil dort nur die großen börsennotierten Konzerne verhandelt werden. Trotzdem: Dein Buchtipp ist toll, habe ich wieder etwas zu entdecken.
    Viele Grüße, Claudia

    • Hallo Claudia,
      danke für deinen Kommentar. Ich weiß schlicht nicht, wie viele Unternehmenschefs so ein bisschen „außergewöhnlich“ sind, wobei Dedon ja – zumindest wenn man die Produktion auf den Philippinen mitrechnet – nicht mehr dem Mittelstand angehört. Dekeyser ist auf jeden Fall ein interessanter Mensch, der in eigenen Kategorien denkt. Und dass dies Beharren auf dem „Eigenen“ gerade ein Weg zum Erfolg sein kann, fand ich so spannend. Ob ich allerdings das Buch empfehlen würde, ist allerdings eine andere Geschichte… LG, Anna

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