J. L. Carr: A Month in the Country (1980)

When the train stopped I stumbled out, nudging and kicking the kitbag before me. Back down the platform someone was calling despairingly, ‚Oxgodby … Oxgodby.‘ No-one offered a hand, so I climbed back into the compartment, stumbling over ankles and feet to get at the fish-bass (on the rack) and my folding camp-bed (under the seat). If this was a fair sample of northerners, then this was enemy country so I wasn’t too careful where I put my boots. I heard one chap draw in his breath and another grunt: neither spoke.

So beginnt das vermutlich erfolgreichste Werk des 1912 geborenen und 1994 gestorbenen Briten

James Lloyd Carr: A Month in the Country (1980)

Im Juli 2016 erschien das Werk in der Übersetzung von Monika Köpfer unter dem Titel Ein Monat auf dem Land.

Zum Inhalt

1920 kommt der junge Restaurator Tom Birkin in ein Dorf im Norden Englands. Im Ersten Weltkrieg hat er in Frankreich und Belgien gekämpft, u. a. in der Dritten Flandernschlacht (Battle of Passchendaele), und seitdem leidet er an den Folgen des sogenannten Shell Shock, was sich bei ihm durch Stottern und ein unkontrollierbaren Zucken einer Gesichtshälfte bemerkbar macht.

Tom hat für den Sommer den schlecht bezahlten Auftrag einer inzwischen verstorbenen Dame angenommen, ein vor Jahrhunderten übermaltes Deckengemälde in der Dorfkirche freizulegen. Seine Bedingung: Er darf im Glockenturm übernachten. So spart er Geld und hat gleichzeitig eine wunderbare Aussicht aufs Land, was seinem Bedürfnis nach Erholung und Frieden entgegenkommt.

The marvellous thing was coming into this haven of calm water and, for a season, not having to worry my head with anything but uncovering their wall-painting for them. And, afterwards, perhaps I could make a new start, forget what the War and the rows with Vinny had done to me and begin where I’d left off. This is what I need, I thought – a new start and, afterwards, maybe I won’t be a casualty anymore. Well, we live by hope. (S. 12)

Schon rasch findet er Anschluss an einen anderen Außenseiter: Moon, ebenfalls ehemaliger Soldat und vermutlich Archäologe, hat – von derselben Auftraggeberin – die Aufgabe erhalten, die Grabstätte eines Vorfahren zu suchen, der – so sagt es die Dorftradition – nicht innerhalb der Friedhofsmauern bestattet wurde. Die beiden Männer reden nicht viel, verbringen ihre Pausen gemeinsam und beschließen die Abende in der Dorfkneipe.

Tagsüber arbeiten die beiden, doch trotzdem bleibt genügend Zeit, in der Tom Anschluss an die Familie des Stationsvorstehers Ellerbeck findet. Ellerbecks gehören der „Chapel“, also einer evangelistischen Freikirche, an. Tom lässt sich sogar breitschlagen, in der Sonntagsschule auszuhelfen, obwohl er mit dem Glauben an einen guten Gott, spätestens seit der Hölle des Krieges, nichts mehr anfangen kann.

Alsdann wären da noch der unsympathische und abweisende Pfarrer Keach, der das Pech hat, eine jüngere, wunderschöne Frau namens Alice zu haben.

Mit dem Bruder seiner verstorbenen Auftraggeberin hat Tom, von zufälligen Begegnungen abgesehen, nichts weiter zu tun:

I never exchanged a word with the Colonel. He had no significance at all in what happened during my stay at Oxgodby. As far as I’m concerned he might just as well have gone round the corner and died. But that goes for most of us, doesn’t it? We look blandly at each other. Here I am, here you are. What are we doing here? What do you suppose it’s all about? Let’s dream on. Yes, that’s my Dad and Mum over there on the piano top. My eldest boy is on the mantelpiece. That cushion cover was embroidered by my cousin Sarah only a month before she passed on. I go to work at eight and come home at five-thirty. When I retire they’ll give me a clock – with my name engraved on the back. Now you know all about me. Go away: I’ve forgotten you already. (S. 19)

Tom erkennt, dass das Deckengemälde des Jüngsten Gerichts, das er nach und nach freilegt, von einem wahren Künstler geschaffen worden sein muss. Und auch er findet Befriedigung darin, seine Arbeit gut zu verrichten.

You know how it is when a tricky job is going well because you’re doing things the way they should be done, when you’re working in rhythm and feel a reassuring confidence that everything’s unravelling naturally and all will be right in the end. That’s about it: I knew what I was doing – it’s really what being professional means. (S. 28)

Fast scheint es, als wäre die Zeit aufgehoben. Und so tragen das Landleben mit seinen festen Abläufen, die Schönheit in ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen und der wunderbare Sommer viel zu Toms Genesung bei, sein Zittern lässt nach.

Doch wir wissen von Anfang an, dass auch dieser zauberhafte Sommer der Vergangenheit angehört, denn Tom Birkin erzählt seine nostalgisch bittersüße Geschichte als alter Mann, der sich noch einmal an seine schönsten Momente erinnert.

We can ask and ask but we can’t have again what once seemed ours for ever – the way things looked, that church alone in the fields, a bed on a belfry floor, a remembered voice, the touch of a hand, a loved face. They’ve gone and you can only wait for the pain to pass. (S. 85)

Fazit

Diese Erzählung mit gerade einmal 85 Seiten hat es in sich. Zwischendurch holperte sie zwar ein wenig, trotzdem ist sie ein Kleinod, das ruhig und unaufgeregt einen Sommer beschwört, den man als Leser vor den eigenen Augen sehen kann.

Dezente Ironie erdet das Ganze, beispielsweise in der liebevollen, aber nicht unkritischen Beschreibung der sonntäglichen Mittagessen bei den Ellerbecks, bei denen Tom große Gastfreundschaft erlebt.

Ein Buch für alle, die keine Lust haben auf immer stärkere, immer grellere Effekte. Hier passiert äußerlich nicht viel und doch alles. Eine wahrlich entschleunigende Lektüre.

Anmerkungen

Das Buch wurde für den Booker Prize nominiert und gewann 1980 den Guardian Fiction Prize.

Das sagt Natasha Tripney im Guardian und hiergeht’s lang zu einer feinfühligen Besprechung von Ingrid Norton auf Open Letters Monthly.

Friedhelm Ratjen in der NZZ titelte zu Recht „Klein, aber fein“.

1987 wurde das Buch verfilmt, und zwar mit Kenneth Branagh und Colin Firth.

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9 thoughts on “J. L. Carr: A Month in the Country (1980)

    • Ach, in den meisten Bücherregalen wird das ein oder andere Lesenswerte schlummern🙂 Freut mich aber, wenn jetzt die Chancen auf baldige Lektüre gestiegen sind (liest sich ja auch rasch), und wäre neugierig, wie es dir gefällt. LG, Anna

  1. Pingback: J. L. Carr: A Month in the Country | Entdecke England

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