Sigrid Undset: Frau Marta Oulie (OA 1907; deutsche Ausgabe 1998)

Ich habe meinen Mann betrogen. Diesen Satz schreibe ich und dann starre ich ihn an – an etwas anderes kann ich gar nicht denken.

So beginnt der Debütroman der späteren Literaturnobelpreisträgerin

Sigrid Undset: Frau Marta Oulie (1907)

Der Roman wurde 1998 von Gabriele Haefs aus dem Norwegischen ins Deutsche übersetzt.

Zum Inhalt

Vielleicht ist es ungerecht, aber die ersten beiden Sätze sagen schon das Wesentliche aus.

Marta schreibt 1902 und 1903, nachdem ihr Mann Otto lebensgefährlich an Tuberkulose erkrankt ist und sich im Sanatorium befindet, Tagebuch.

Ich versuche, wieder zu schreiben, weil ich meine Gedanken nicht mehr ertragen kann. Manchmal kommt es mir so vor, als habe eine übermenschliche Phantasie sich das alles aus den Fingern gesogen und es so unerträglich quälend und empörend werden lassen wie überhaupt nur möglich. […] Ich habe meinen Mann betrogen, meinen jungen, gutaussehenden, lieben, treuen, guten, noblen Mann, und das mit seinem besten Freund, der zugleich sein Geschäftspartner und mein Vetter ist, den ich seit meiner Kindheit kenne und der Otto und mich miteinander bekannt gemacht hat. (S. 12)

Marta hofft, mithilfe des Schreibens mit ihren Erinnerungen und Gefühlen zurande zu kommen.

Mit 22 hat sie den attraktiven Geschäftsmann Otto Oulie kennengelernt. Sie ist zum ersten Mal verliebt.

Jetzt, über zehn Jahre später, erkennt sie:

Ich hatte mich vollständig überrumpeln lassen. Aber nicht eigentlich von Otto. In meinem Inneren waren Quellen entsprungen, von denen ich vorher nichts geahnt hatte. Ich lauschte dieser neuen Musik wie verloren – an den langen Abenden, wenn wir einander gute Nacht gewünscht hatten, saß ich ganz still auf meinem Zimmer und lauschte. (S. 28)

Die Liebe war eher auf Leidenschaft gegründet, weniger auf das Verstehen des Partners.

Ich brauchte einen, den ich lieben konnte und der mich liebte – ich brauchte kein Mannsbild, das mich ‚verstand‘. Ach, wie recht hatte ich damals, wenn ich das schnöde, freche Frauenzimmergeschrei nach ‚Verständnis‘ verachtete – solche Frauen wollen nur einen Mann, der bei ihren langweiligen, verdrehten kleinen Gehirnen den Uhrmacher spielt und seine Zeit damit verschwendet, ihre Eitelkeiten zu befriedigen. (S. 30)

Doch irgendwann reicht ihr das nicht mehr. Sie möchte wieder als Lehrerin arbeiten, interessiert sich für das Wahlrecht der Frauen, für Kultur und tritt diversen Vereinigungen bei, was Otto irritiert, da seiner Meinung nach die Frau vor allem für Heim und Kindererziehung zuständig ist. Er befürchtet, dass ihre drei Kinder unter ihren diversen Interessen leiden könnten.

Ich kann mir nicht vorstellen, daß es so langweilig ist, sich um die eigenen Kinder und das eigene Zuhause zu kümmern. In der Hinsicht tut ihr mir also nicht leid. Und wenn du deshalb bis auf Weiteres deine Interessen in den Hintergrund schieben mußt, ja, Himmel, das müssen wir Männer doch die ganze Zeit. Meinst du, ich hätte so viel Zeit für meine eigenen Interessen? (S. 66)

Sie leben sich auseinander und fangen an, sich kritischer zu sehen.

Später kam eine Zeit, in der mich seine kritiklose Bewunderung für alles, was ihm gehörte, irritierte […] Sicher, er urteilte bisweilen, wenn er etwas nicht verstehen konnte, hart und ungerecht. Er war gesund und gut und stark, und dann sieht man von vielem nur die Oberfläche und hat kein Verständnis. (S. 32)

Marta ist sich nicht mehr sicher, ob sie sich überhaupt je für Ottos Seele interessiert hat.

Sie lässt sich – warum auch immer – auf eine Affäre mit ihrem Cousin Henrik ein, der schon seit Jugendzeiten in sie verliebt ist. Marta bekommt ein Kind von ihm, von dem Otto glaubt, es sei sein eigenes, und das er ganz besonders liebt.

Doch nachdem Otto an Tuberkulose erkrankt ist und seine Heilung immer unwahrscheinlicher wird, wird Marta von Gewissensbissen geplagt. Alles, alles möchte sie an Otto wieder gutmachen, wenn er denn nur gesund wird. Sie verliebt sich regelrecht neu in ihren Mann.

Und beim bloßen Gedanken an ihn [Otto] schien in mir eine alte Zärtlichkeit zu bluten, eine Zärtlichkeit, die körperlich ist und doch kein Begehren – der Wunsch, zu berühren, zu streicheln, seinen Kopf, seine Stirn, seine Augen, seinen Mund, seine Hände zu liebkosen – eine mütterliche Zärtlichkeit, die seltsam ängstlich und scheu war. (S. 90)

Fazit

Spätere Nobelpreisträgerin hin oder her, dieses Buch verschenkt seine Möglichkeiten. Das damals skandalöse Thema des Ehebruchs aus Sicht der Frau, eingebettet in die damaligen gesellschaftlichen Verhältnisse, das hätte ein großes Buch werden können oder auch eine lesenswerte Charakterstudie. Aber trotz einzelner gelungener Stellen ist es pathetisch, holzschnittartig, unausgegoren.

Und eine Protagonistin, die am Ende der Geschichte genauso unbedacht arrogant und selbstbezogen agiert, wie zu Beginn, macht die Sache auch nicht besser.

Alle die vergeudeten, öden Jahre, in denen ich nur in mich hineingestarrt habe, bis ich allein zwischen den Menschen blieb, weil ich nur ihre zufälligen, planlosen Spuren sah, nicht aber ihr Wesen. […] Vielleicht haben wir keine andere Seele als das Leben unseres Körpers – es lebt in uns wie die Flamme in einem Stoff, der brennt. (S. 93)

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2 thoughts on “Sigrid Undset: Frau Marta Oulie (OA 1907; deutsche Ausgabe 1998)

  1. Das Buch scheint dich zwar nicht zu überzeugen, aber eine Ehebruchsgeschichte hätte ich der Frau Undset auch gar nie nicht zugetraut🙂 Gut, dass Du das so besprichst – sollte ich jemals literarisch mich Norwegen annähern, lasse ich die Finger davon…

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