Henri Alain-Fournier: Der große Meaulnes (OA 1913; deutsche Erstausgabe 1951)

Er kam an einem Sonntag im November 189… in unser Haus. Ich sage noch immer ‚unser Haus‘, obwohl es uns nicht mehr gehört. Vor fast fünfzehn Jahren sind wir aus der Gegend fortgezogen und werden sicher niemals dorthin zurückkehren.

So beginnt der unglaubliche Roman von

Henri Alain-Fournier: Der große Meaulnes (1913) – neu übersetzt von Cornelia Hasting und Otfried Schulze

Der Autor, der eigentlich Henri Alban-Fournier hieß, wurde 1986 geboren, war also bei Veröffentlichung seines einzigen fertiggestellten Romans erst 27 Jahre alt und starb 1914 nahe Verdun.

Zum Inhalt

Im Rückblick erzählt der Lehrer François Seurel von seinen Jugenderinnerungen, die im Wesentlichen um seinen früheren Kameraden Augustin Meaulnes kreisen. Dieser wurde als 17-jähriger Pensionsschüler in die Familie Seurel aufgenommen, um von Monsieur Seurel unterrichtet zu werden. Der lebhafte, immer in die Ferne schweifende und furchtlose Augustin wird das Vorbild und der Held des zwei Jahre jüngeren Francois. Francois selbst ist ruhig und zurückhaltend und ein wenig durch ein steifes Knie gehandicapt.

Eines Tages verirrt sich Augustin bei dem Versuch, die Großeltern von Francois vom Bahnhof abzuholen, samt dem Pferd, das er sich unerlaubt vom Nachbarhof ausgeliehen hat.  Während er schon völlig orientierungslos durch die Gegend irrt, stößt er auf ein Landgut, auf dem ein geheimnisvolles und märchenhaftes Kostümfest gefeiert wird.

Arm und Reich, Alt und Jung feiern für mehrere Tage die bevorstehende Hochzeit des jungen Herrn Frantz, der mit seiner Braut auf dem Hof erwartet wird. Während der Vergnügungen und Lustbarkeiten trifft Augustin auf Yvonne, die Schwester des Bräutigams, und verliebt sich in sie mit jugendlicher Unbedingtheit. Doch das Fest geht traurig zu Ende. Frantz kehrt ohne Braut zurück und verlässt bald darauf den Hof, ohne jemandem zu sagen, wohin er mit seinem Kummer fliehen möchte. Die Gäste verlassen das Anwesen.

Auch Augustin kehrt nach mehreren Tagen in seinen Alltag als Schüler zurück. Doch seit diesem Ausflug ist er ein anderer. Sein ganzes Streben geht nun dahin, das geheimnisvolle Gut und vor allem Yvonne wiederzufinden. Später wird Augustin dieses Erlebnis zu einem nahezu mythischen Ereignis verklären, ohne dass ihm der Leser das übelnehmen könnte:

Sicher wollte ich Mademoiselle de Galais einmal wiedersehen, nur sie wiedersehen …  Aber jetzt bin ich davon überzeugt, daß ich, als ich das namenlose Gut entdeckte, auf einer Höhe, auf einer Stufe der Vollkommenheit und Reinheit war, die ich nie wieder erreichen werde. Im Tod erst, wie ich dir einmal schrieb, werde ich vielleicht die Schönheit jener Zeit wiederfinden. (S. 174)

Francois macht sich die Sehnsucht des Freundes ebenfalls zu eigen und schmiedet mit ihm Fluchtpläne. Als ständiger Beobachter scheint er vor allem durch die Freundschaft zu Francois zu leben und seine Erfüllung  zu finden. Doch gerade in seiner halsstarrigen Suche nach dem einmal gesehenen Glück wird Augustin schuldig.

Für den Erzähler Francois verkörpert die Jugendzeit mit Augustin die Unbedingtheit, den für immer verlorenen Zauber der Kindheit.

So heißt es schon auf S. 8, nachdem Francois den Bauplan des elterlichen Hauses geschildert hat:

… das ist knapp der Plan des Hauses, in dem ich die stürmischsten und kostbarsten Tage meines Lebens verbrachte – des Hauses, von dem unsere Abenteuer ausgingen und wohin sie zurückkehrten, sich zu brechen wie Wellen an einem einsamen Felsen.

Eine tiefe Melancholie liegt also von Anfang an über allem.

Fazit

Was man jedem anderen Schriftsteller übelnehmen würde, äußert seltsame Zufälle in der Handlungsführung und unklare Charakterbeschreibungen – Yvonne erinnert ganz fürchterlich an die schlimmsten Frauenfiguren bei Charles Dickens – sowie Pathetik und Ich-Bezogenheit, kommt mir beim Lesen dieses kleinen Romans (247 Seiten) als pedantische Krittelei vor.

Das Buch ist im Laufe der Zeit auf die unterschiedlichsten Arten gedeutet worden, sei es, dass man darin die romantische Suche nach dem unerreichbaren Ideal verkörpert oder den Verlust der Kindheit betrauert sah. Andere wiederum legten die Betonung auf die Unabwendbarkeit des Erwachsenwerden-Müssens, dem man sich nicht ungestraft widersetzen dürfe.

Überhaupt ist erstaunlich, wie wenig hier die Erwachsenen die Handlung beeinflussen. Verblendet von einer merkwürdigen Liebe sehen sie nahezu tatenlos zu, selbst wenn sich ihre Kinder zugrunde richten.

Ich selbst finde gerade Francois, den Erzähler, interessant. Auch er, der seinem Freund, dem ‚großen Meaulnes‘ in schwärmerischer Zuneigung zugetan ist, hätte vielleicht den Gang der Dinge noch zum Guten beeinflussen können, hätte er sich nicht selbst mit der passiven Zuschauerrolle zufriedengegeben.

14 thoughts on “Henri Alain-Fournier: Der große Meaulnes (OA 1913; deutsche Erstausgabe 1951)

  1. Liebe Anna,
    eine schöne und interessante Besprechung über ein Buch, auf das ich so schnell nicht gestoßen wäre. Zu den Punkten, die Du sozusagen unter ‚pedantische Krittelei‘ verbuchst: Vielleicht ist das so, bei einem Schriftsteller ‚im Werden‘. Wer weiß, ob es damals schon ein Lektorat gab, vielleicht war die Rezeption solcher Pathetik damals ganz anders, und wer weiß, wie und was er nach seinem Kriegseinsatz geschrieben hätte, hätte er ihn denn überlebt.
    Liebe Grüße, Kai

  2. Hallo Kai,
    ja, ich weiß auch gar nicht mehr, wie ich auf das Buch aufmerksam wurde. Vermutlich durch einen Blogbeitrag🙂 Das, was ich pathetisch fand, wurde damals sicherlich anders wahrgenommen. Wäre mal interessant, dem nachzugehen.
    Aber es gibt wohl eine Pathetik, die mir (heutzutage) zwar sprachlich nicht mehr gefällt, die aber so innig und mit echtem Gefühl daherkommt, so wie in diesem Buch, dass sie mich nicht wirklich stört. Und dann gibt es das Pathos, das letztlich über Ideenlosigkeit und die Unfähigkeit, Gefühle zu schildern, hinwegtäuschen soll.
    Auch dir liebe Grüße, Anna

  3. Ich habe das Buch vor ein paar Jahren in der Neuübersetzung des Thiele Verlags gelesen und liebe es sehr! Der ganze Roman liest sich wie ein Traum, aus dem man furchtbar traurig erwacht. Ich freue mich, dass du dieses vergessene Wunderwerk wieder einigen Lesern schmackhaft gemacht hast. (Petra, das musst du lesen)

  4. Eine tolle Anregung, das Buch (auf das ich vor gut 15 Jahren in Simone de Beauvoirs Autobiographie gestoßen bin) mal wieder zu lesen. Ich könnte zwar nicht mehr genau sagen, worum es darin ging, aber ich weiß noch, wie sehr es mich beeindruckt und im positiven Sinn „mitgenommen“ hat. Dankeschön!

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