Hugh Walpole: Rogue Herries (1930)

A little boy, David Scott Herries, lay in a huge canopied bed, half awake and half asleep. He must be half awake because he knew where he was – he was in the bedroom of the inn with his sisters, Mary and Deborah; they were in the bed with him, half clothed like himself, fast sleeping. Mary’s plum naked arm lay against his cheek, and Deborah’s body was curled into the hollow of his back and her legs were all confused with his own. He liked that because he loved, nay, worshipped his sister Deborah.

So beginnt der Trumm von einem Buch (736 Seiten), der erste (!) von vier Bänden der opulenten Familiensaga des heute kaum noch gelesenen Schriftstellers

Hugh Walpole: Rogue Herries (1930)

Zum Inhalt

Um das Jahr 1730 bezieht die Familie Herries ein altes, vernachlässigtes Gutshaus im Lake District in der Nähe von Keswick, das sich seit Generationen in Familienbesitz befindet und ebenfalls Herries genannt wird. Da wären zum einen der Vater Francis Herries, ein schöner Mann und unverbesserlicher Frauenheld, ein Eigenbrötler und Tyrann, und seine ihn vergötternde Gattin Margaret, deren Ergebenheit ihm zuwider ist, auch wenn er ihre Mitgift wie selbstverständlich über die Jahre verschleudert.

Die beiden haben drei Kinder, Mary, Deborah und David. Nur zu dem Jungen hat Francis eine gute Beziehung und auch David liebt seinen wilden und unberechenbaren Vater von ganzem Herzen, obwohl sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Im Gefolge der Familie befindet sich aber – abgesehen von zwei Dienstboten – auch noch Alice Press, die aktuelle Geliebte von Francis. Für den äußeren Schein ist sie offiziell das Kindermädchen.

Als Alice anfängt, Francis auf die Nerven zu gehen, weil er so lange schon nicht mehr mit ihr geschlafen hat, verweist er sie kurzerhand des Hauses. Als sie sich weigert, die Familie zu verlassen, und es zu einem Treffen auf einem Jahrmarkt kommt, verkauft er sie – zumindest symbolisch – kurzerhand an den Meistbietenden. Spätestens da ist allen Leuten sowohl in Rosthwaite als auch in Keswick, wo die feineren Verwandten wohnen, klar, dass man Francis und seiner Familie besser aus dem Weg geht. Fortan heißt er nur noch Rogue Herries und ist ein gesellschaftlich Geächteter.

Allerdings könnte nichts ihm gleichgültiger sein. Francis ist sich selbst genug und erkundet die Täler und Berge und jeden Weg in seiner neuen Heimat, er verfällt der einzigartigen Landschaft des Lake District und weiß, dass er nie wieder woanders leben will.

Gleichzeitig prügelt er seinen Pferdeknecht blutig, treibt sich mit seinen Saufkumpanen herum und vernachlässigt seine Familie. Aber er weiß er um seine Natur, seine Verdorbenheit und ein immer wiederkehrender Traum erinnert ihn an seine Sehnsucht nach etwas Höherem, Reinem, nach etwas, dem sich seine starke Natur hingeben kann.

Und genau das passiert. Er sieht irgendwann die Frau, von der er sofort weiß, dass er sie bis zum Tode lieben wird, Miranda Starr. Diese Liebe wird sein Leben auf eine Art und Weise aus den Angeln heben, die weder er noch der Leser für möglich gehalten hätten.

So folgen wir nun den Geschicken der einzelnen Familienmitglieder und einiger Verwandter über viele Jahrzehnte, wobei die Fäden immer wieder zurück zu Francis, der Hauptfigur, führen, über den sein eigener Bruder sagt:

‚There is a wild loneliness in his spirit that no one can reach.‘ (S. 182)

Fazit

Eine für 1930 schon ganz und gar aus der Zeit gefallene Mischung aus Charles Dickens, Wuthering Heights und romantischem Schauer- und Abenteuerroman, der auch die geschichtlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sichtbar macht. Irgendwann sind wir sogar mitten in den Wirren um Charles Edward Stuart (Bonnie Prince Charlie), der mit seinen jakobitischen Anhängern 1745 Carlisle besetzt und versucht, die Krone für die Stuarts zurückzuerobern.

Haarsträubende Wendungen, unmotivierte historische Einsprengsel und Unglaubwürdigkeiten, dazu ein Schreibstil, den selbst ihm wohlgesonnene Kritiker als „sloppy“ bezeichnen. Walpole war bekannt dafür, drauflos zu schreiben und seine Texte nicht mehr zu überarbeiten, weil er viel lieber schon die neuen Geschichten aufschrieb, die ihm im Kopf herumschwirrten.

Und als Leser wünscht man sich dringend, dass er gekürzt, gestrichen, gerafft hätte, es hätte dem Buch und seiner innewohnenden Spannung sicherlich gut getan. Und wie schrieb The Quivering Pen so nett: „and he never turned away an adjective begging to be written.“

Doch wäre das alles, hätte ich wohl kaum die über 700 Seiten durchgehalten. Was also hielt mich bei der  Stange und sorgte letztendlich eben doch für ein großes Lesevergnügen?

Walpole schreibt so herzhaft, dass es eine Freude ist:

With his long protruding chin his face had the shape of a yellowpointed shoe, and his eyebrows looked as though they were made of horsehair and fastenend on with glue. (S. 498)

Und die Beschreibung eines Fußballspiels, bei dem bis zu 200 kampfeslustige Männer aus unterschiedlichen Dörfern gegeneinander antreten, war so anschaulich und aufregend, als wäre Walpole selbst dabei gewesen. Ein Rezensent hat deshalb seine Geschichten als Gute-Nacht-Geschichten für Erwachsene bezeichnet, da Walpole im Grunde ein (mündlicher) Erzähler gewesen sei.

Ich las das Buch während unseres Urlaubs im Lake District. Mit Walpole, der von 1924 bis zu seinem Tod 1941 neben seiner Wohnung in London auch ein Haus sechs Meilen von Keswick entfernt besaß und sich in die Gegend verliebt hatte, fand ich einen Gesinnungsgenossen in der Faszination für diese Landschaft. Mit Rogue Herries ist Walpole eine Hommage an ein Fleckchen Erde gelungen, die diejenigen sofort nachvollziehen können, die ebenfalls von diesem Virus befallen sind.

Der heutige Blick auf die wunderbare Landschaft mit ihren pittoresken Orten wurde durch die im 18. Jahrhundert angesiedelte Handlung nach und nach mit einer weiteren Dimension versehen. Plötzlich sah ich in hinter den – gerade zur Hauptsaison überfüllten und beengten – Marktstädtchen und herausgeputzten Dörfern und den einsam gelegenen Farmen Armut, Menschenleere, Krankheiten, karge und schmutzige Lebensbedingungen hervorschimmern und statt Kino und Bootstouren geisterten mir Hundekämpfe, Wrestling, Hahnenkämpfe und Bullenbeißen durch den Kopf oder Märkte mit allerlei zwielichtigen Gestalten, fahrendem Volk und Aberglaube sowie brutale Klassenschranken.

It was not so much that English society in the middle of the eighteenth century was snobbish, as that the members of it simply felt that those who were not members of it were not human. It was easy enough. A man who was not a gentleman was hanged for stealing a sheep or whipped at the public stocks until the blood ran, or a child would be imprisoned in a jail too filthy for rats for stealing a loaf of bread, or a woman who was not a lady would suffer the grossest of public indignities for no reason other than that she answered her mistress impertinently. (S. 613)

Darüber hinaus ist Walpole tatsächlich ein großartiger Geschichtenerzähler. Er hat selbst gewusst, dass seine Art des Erzählens im Gegensatz zu der zu seiner Zeit modernen Literatur stand, was ihn nicht daran gehindert hat, mit Virginia Woolf, Henry James und anderen gut befreundet zu sein. Trotzdem hat er darauf beharrt, dass eine gute Geschichte eine sei, bei der der Leser unbedingt wissen wolle, wie es weitergeht. Und genau das hat er hier auch geschafft, trotz der Ausuferungen, Melodramatik und mancherlei Unwahrscheinlichkeiten.

Und: Ich glaube ihm seine wilden Geschichten, denn sie werden mir mit so viel Begeisterung erzählt und seine Charaktere sind – in der Welt dieses Romans – trotz allem in sich stimmig.

But the devil was always around the corner with a remarkable knowledge of each individual’s weakness. (S. 644)

Wir verstehen die Unterwürfigkeit Margaretes, der Frau von Herries, und genauso verstehen wir, warum ihn gerade das so abstößt.

It was the most aggravating thing that she could have said. It called up in its train a thousand stupidities, placidities, nervousnesses, follies, that had, in their time, driven him crazy with irritation. Never a mind of her own, always this maddening acquiscence and sentimental fear of him. He drew his hand away. (S. 55)

Walpole schildert Menschen so, wie sie sind, manchmal mit einem freundlichen Schuss Bosheit, aber immer mit viel Anteilnahme. Über Pomfret, einen der Brüder von Francis, heißt es:

He was sixty-seven years of age now, a tun of a man with a floating hulk of a belly, and he was lonely as perhaps were all men of sixty-seven. Only with horses and dogs and a drinking parson and a swearing friend or two, killing, hunting those animals that he yet so dearly loved, only thus might he for a driving hour cheat himself of his loneliness. (S. 263)

Ja, als ich auf Seite 736 angekommen war, war ich froh zu wissen, dass der zweite Ziegelstein aus der Herries-Serie Judith Paris bereits sicher im Urlaubsgepäck verstaut war.

Anmerkung

Hier geht’s lang zu dem Beitrag The Walpole Chronicle von Eric Robson auf BBC 4.

Grevel Lindop bringt es am Ende seiner fairen Besprechung auf den Punkt: „As for Herries, there will be places in these massive blocks of paper where everyone will want to skip. But Walpole’s ham-fisted, messy and eccentric attempt at the Great Lakeland Novel still deserves to be read. The episodes – by turns gracelessly ornate and bleakly brilliant – remain often weirdly enthralling and memorable, their sheer self-indulgence a guilty pleasure for the reader too. In the Herries novels, Walpole confessed, he had allowed himself to be, for the first time in his adult life, ‘what I really am – a little boy telling stories in the dormitory.’“

7 thoughts on “Hugh Walpole: Rogue Herries (1930)

    • Ja, geschickt, oder? Ein Schmöker, für den man ein bisschen Geduld, einige Regentage und etwas Kopfschütteln braucht🙂 Walpole war vor dem Zweiten Weltkrieg ein richtiger Bestsellerautor und mit vielen hochkarätigen Kollegen befreundet. Aber trotz aller Einschränkungen, die man wirklich machen muss, traut er sich so richtig aus dem Vollen zu schöpfen🙂

      • Der Name war mir schon ein Begriff, schön, dass du uns etwas von ihm vorstellst. Ein Schmöker, na, der darf das, wenn er ansonsten gut ist : ) Birgit würde das vielleicht als „Flutschbuch“ titulieren : )

  1. Mir geht es wie Petra, irgendwo habe ich den Namen schon aufgeschnappt…und ebenso wie sie: Trotz deiner leichten Kritik scheint es ja ein echtes Flutschbuch zu sein. Und die MÜSSEN ab und an her🙂

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s