Gertrud Leutenegger: Panischer Frühling (2014)

An jenem Morgen im April, als auf einmal vollkommene Stille im Luftraum über London herrschte, lief ich zum Trafalgar Square. Der Platz lag noch im Schatten, nur hoch oben auf seiner Säule, in unerreichbarer Einsamkeit stand Lord Nelson schon im Sonnenlicht. Sein Dreispitz wirkte schwarz vor dem Himmel, der von solcher Bläue war, daß es unglaublich erschien, wie eine Aschewolke dieses isländischen Vulkans den europäischen Luftverkehr lahmgelegt hatte.

So beginnt der Roman der 1948 geborenen Schweizer Schriftstellerin

Gertrud Leutenegger: Panischer Frühling (2014)

– erschienen im Suhrkamp Verlag

Herzlich bedanke ich mich bei Claudia vom Grauen Sofa und beim Verlag für die Bereitstellung des Buches, das dieses Jahr auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis steht.

Zum Inhalt

Eine ältere Frau hält sich auf unbestimmte Zeit in London auf. Auf ihren Streifzügen durch die frühlingshafte Stadt und ihre Parks und an der Themse entlang trifft sie eines Tages einen jungen Mann mit einer fürchterlich entstellten Gesichtshälfte, der auf der London Bridge die Obdachlosen-Zeitung verkauft. Sie kommen ins Gespräch und erzählen einander bei den folgenden Begegnungen aus ihrer Kindheit.

Für ihn war das Haus seiner Großmutter in Penzance in Cornwall ein behüteter Hafen, wo ihm die Quälereien der anderen Kinder nichts anhaben konnten. Sie hingegen erinnert sich immer wieder an das große alte Pfarrhaus, in dem sie jedes Jahr mit ihrer Familie die Sommerferien bei ihrem Onkel und den zwei unverheirateten Tante verbrachte.

Dabei verweben sich für die Ich-Erzählerin ihre London-Impressionen, die Geschichten des jungen Mannes und ihre eigenen Erinnerungen und Träume zu einem Teppich der schwebenden Gleichzeitigkeit.

Nicht mehr die Eicheninseln kreisten auf dem Fluß, sondern jenes lindengrüne Waldzimmer, und mit ihm der ganze Pfarrhof, der rote Saal, das blaue Kabinett, die Laube, Julihitze und helle Nächte. Allein in einer der am dichtesten bevölkerten Städte der Welt, war mir mit einem Mal, als sei ich vielleicht in jenem stets nur für einen Sommer geliehenen Haus, gerade wie kein anderes von der unerbittlich ablaufenden Zeit bedroht, am geborgensten gewesen. (S. 12)

Auch das London der Vergangenheit ist für die Frau gegenwärtig oder sollte man lieber sagen, sie ist empfänglich und durchlässig für die entsprechenden Schwingungen?

Ich versuchte, die Menschen am Südende der London Bridge zu erkennen, aber sie wirkten wie Scherenschnitte im Gegenlicht. Ihre Umrisse kippten ins Wasser und vermengten sich mit den Schatten derjenigen, die in früheren Jahrhunderten hier vorübergeeilt waren, betäubt vom Gestank des fauligen Flusses, in den alle Abwässer Londons gepumpt wurden, und bis zur Übelkeit erregt vom penetranten Fischgeruch, selbst die seidenen Taschentücher, welche sich die Parlamentsmitglieder auf ihrem Weg nach Westminster an die Nase preßten, waren nutzlos. (S. 24)

Der junge Mann wird für die Frau immer wichtiger, scheint er doch in London der einzige zu sein, mit dem sie so vertraute Gespräche führt.

Sein verschwenderisches Erzählen hatte eine solche Weite des Vertrauens geschaffen, in der ich mich nicht nur zugelassen, sondern sogar aufgenommen fühlte. Nie wie in solchen Augenblicken werden, wenigstens für kurze Zeit, die Gespenster der Welt beschwichtigt. (S. 46)

Allerdings bleibt dabei unklar, ob der junge Mann ihre Sicht der Dinge teilt. Wesentliches behält er für sich.

Fazit

Mein Leseeindruck ist zwiespältig. Eine ruhige und schön fließende Prosa mit Sinn für Details, die allerdings manchmal ein bisschen gekünstelt daherkommt. Wie soll man sich das vorstellen, wenn die Tochter der Frau sich aus dem Regenwald am Amazonas meldet? Brieftauben, Morsezeichen oder doch eine E-Mail? Und warum sollte die Tochter keine Regenjacke im Gepäck haben?

Regen floß jetzt wohl auch über Gesicht und Arme des Mädchens, das nun eine junge Frau war, verborgen in den Wäldern des Amazonas, gestern hatten mich ein paar Signale erreicht. (S. 58)

Es gibt unaufdringliche Querverweise zwischen dem Wogen der Themse, den Erinnerungen der Protagonisten und den Menschenströmen der Großstadt. Dabei bleibt die Erzählerin seltsam unberührt vom Gewusel und der Hektik der Stadt, als ob sie ein eigenes Zeitmaß gefunden hätte, langsamer, dem Menschen gemäßer. Entschleunigt. So nimmt sie sich die Zeit, ihren Kindheitserinnerungen nachzuspüren und ihre Beobachtungen während ihrer ausgedehnten Spaziergänge aufmerksam zu registrieren. Dazu die Erkenntnis, wie unerbittlich die Zeit vergeht. Und das alles in scheinbarer oder tatsächlicher Distanz von alltäglichen Pflichten und Zwängen.

Das mag die Leserin oder den Leser anregen, sich einmal zu überlegen, welche Momente der Geborgenheit einen selbst begleiten und was man so an inneren Ablagerungen mit sich trägt. Und teilweise taugt der Kontakt zu Jonathan – zumindest von Seiten der Erzählerin – sicherlich als Modell, wie Kommunikation gelingen kann. Vorsichtig, tastend, respektvoll, hörend, schweigend oder redend, immer im Bewusstsein, dass schon das Einfachste einem anderen kaum mitzuteilen ist. Als er eher nebenbei seinen Namen erwähnt, ist sie außer sich vor Freude.

Und ich lief durch das nächtliche East End, ohne jeden Gedanken an Schlaf. Ich trug seinen Namen mit mir fort! Jonathan. Königliche Beute. (S. 80)

Nur unbedingte Offenheit konnte das dargebrachte Vertrauen erwidern. Es war wie ein Gehen über Wasser. Solange wir redeten, ertranken wir nicht. (93)

Oder geht es ihr doch eher um sich selbst und die Geschichten, auf die sie voller Neugier wartet, und weniger um den jungen Mann, dessen soziale und berufliche Stellung ja äußerst prekär sein dürfte?

Daß uns ein Fremder in sein Inneres einläßt, ist erregend, von solcher Wärme und ebenso unbegreiflich, wie von ihm umgebracht zu werden. (S. 63)

Die Gespräche mit ihm, ja, sie waren mir zu einem Glück geworden! Ein Glück, auf das ich völlig unvorbereitet war, das mich aber bald sicher über den Abgrund jeden Augenblicks gehen ließ. Redete ich mit Jonathan, waren auch die in der Ferne mir lieben Menschen nahe. (S. 109)

Die unaufdringlichen Parallelen zwischen den beiden doch so unterschiedlichen Hauptpersonen zeigen sicherlich etwas von dem, was Menschen eint.

Doch trotz der Freude an diesem Erzählton war mir die „Handlung“ – soweit man überhaupt von einer Handlung sprechen mag – zu konstruiert. Und das Ende? Ist es vielleicht nur deshalb offen gehalten, weil sonst der Eindruck des Schwebenden zerstört worden wäre? Mir allerdings hätte etwas mehr Erdung gut gefallen.

Jonathan fragte mich nie nach meiner Arbeit in dieser Stadt. Was hätte ich schon antworten können? Allem fern sein, um allem nah zu sein. Und beides, Ferne und Nähe, noch lange nicht durchdringend genug. (S. 111)

Anmerkungen

Hier geht’s lang zu einigen Rezensionen.

  • Ursula März in der ZEIT
  • Rainer Moritz in der NZZ

6 thoughts on “Gertrud Leutenegger: Panischer Frühling (2014)

  1. Liebe Anna,
    es geht mir mit dem „Panischen Frühling“ wie Dir. Ich habe den Roman gerne gelesen, bin aber auch etwas ratlos zurückgeblieben. Ich habe das nun erst einmal darauf geschoben, dass mir die Sprache, so schön sie zu lesen ist, vielleicht doch zu bildlich, metaphorisch, lyrisch ist, dass ich ihre BIlder zu schlecht deuten kann, ich ständig das Gefühl habe, etwas Wichtiges zu verpassen. Das ist vielleicht das Phänomen, das Du als fehlende „Erdung“ beziechnet hast. Du hast auf der anderen Seite ja den schönen und gut passenden Begriff des „Schwebens“ gefunden. Die Ich-Erzählerin scheint in so einem schwebenden Zustand zu sein, ihr Wandern durch ihr Viertel, durch die Innenstadt hat so etwas und die Beziehung zu Jonathan ist auch schwebend. Ja, der Begriff ist sehr schön passend. Trotzdem bleibt meine zwiespältige Einschätzung.
    Findest Du denn, dass der „Panische Frühling“ zu Recht auf der Longlist steht? Dass er auch auf die Shortlist wandern sollte?
    Viele Grüße, Claudia

    • Liebe Claudia,
      auf der Longlist ist der Roman schon gut aufgehoben. Ich hätte ihn sonst gar nicht kennengelernt🙂 Und bereut habe ich die Lektüre sicherlich nicht. Ob er auf die Shortlist sollte, hängt ja auch davon ab, wie gut die anderen Romane sind, die ich aber nicht alle kenne. Das, was du das Lyrische, Metaphorische genannt hast, ist ein schönes Gegengewicht zu der Hektik oder Überdrehtheit manch anderer Bücher. Aber mich hat es fast ein bisschen geärgert, dass hier die Ich-Erzählerin so anscheinend ganz frei von Verpflichtungen agieren konnte – zumindest sind die keine Erwähnung wert – und dann den Kontakt zu einem armen Schlucker kultiviert. Auf der anderen Seite hat sie auch nicht gemeint, Jonathan erzählen zu müssen, wie er „mehr“ aus seinem Leben machen kann. Ihn so akzeptiert, wie er ist. Ich wünschte aber, sie hätte der Erzählerin etwas mehr Fleisch auf die fiktiven Rippen gegeben… Vielleicht war ich auch ein klein wenig eifersüchtig auf die Zeit, die die Protagonistin zur Verfügung hat. Zum Flanieren und London erkunden. Jonathan war insgesamt noch karger gezeichnet…
      Zwiespältig, ja ist mein Eindruck auch. Bin gespannt auf deine Einschätzung und auf die von Maren… Und die OLB hüllt sich in Schweigen, ich habe es befürchtet.
      Würdest du dem Buch denn einen Platz auf der Shortlist geben wollen?
      LG und einen guten Wocheneinstieg.
      Anna

  2. Liebe Anna,
    ich habe ja auch schon befürchtet, dass es mit dem Zusatzlesemonat so schnell nichts wird. Und jetzt auch noch eine Haushaltssperre beim OLB! –
    Bei der Darstellung der Beziehung zu Jonathan und auch der Darstellung der Figur Jonathans habe ich eigentlich nichts vermisst. Die beiden finden sich über das Erzählen ihrer (Kindheits-)Geschichten und kommen damit zu einer ganz besonderen, nämlich sehr engen, sehr persönlichen, Beziehung, wobei die Erzählerin ja das Verhältnis von Nähe und Distanz bestimmt. Den Gedanken mag ich sehr, dass über das Erzählen von Geschichten eine mindestens so enge Beziehung entstehen kann wie über körperlich Nähe.
    Und Jonathan erzählt ja auch sein „Geheimnis“, nämlich die Geschichte seiner großen Schuld. So denke ich, dass auch für ihn das Erzählen wichtig war, er sich seiner Geschichte fast ein wenig therapeutisch genähert hat.
    Aber mir bleibt der Zusammenhang mit den Geschichten der Erzählerin fremd, ich verstehe das Bild des weißgestrichenen und mit Binsen geschmückten Fahrrads nicht, nicht den Wunsch, die beiden Kindheitshäuser zu einem Doppelhaus zu verschmelzen. Diese Aspekte und – wie Du ja auch schreibst – das Wenige, das wir vom Leben der Erzählerin erfahren – wir sehen sie ja nur, wenn sie durch London streift, ohne ihren normalen Alltag, wie Du schreibst – macht den Roman so offen (einerseits gut), lässt in mir aber auch immer den Verdacht aufkommen, ich sollte die Bilder besser verstehen, sie, um noch eine Ebene mehr zu erfahren, übertragen können. Und ich kann so gar nichts damit anfangen.
    Vielleicht gehört Leuteneggers Roman zu den Büchern, die Kritiker der Longlist gerne als „zu verkopft“ beziechnet haben. Dem kann ich mich anschließen und wünsche mir für die Shortlist schon Romane, die auch über eine Handlung packen – wobei ich ja ein bisschen Deutungsoffenheit bei Romanen sehr mag und gerade solche besonders gelungen finde, die hinter der Ebene der Handlung noch eine weiteren Deutungsraum haben. Auch wenn ich nicht alle zwanzig Romane lesen werde und deshalb nicht alle kenne, würde ich den „Panischen Frühling“ also nicht auf die Shortlist setzen.
    Viele Grüße und Dir auch einen guten Start in die Woche, Claudia

    • Hallo Claudia,
      dass man sich über das Erzählen von Geschichten näher kommen kann, ist wirklich ein schöner Gedanke, wobei mir scheint, dass in unserer Gesellschaft leider niemand da wäre, der dann zuhört. Reden wollen alle gern… Wobei diese Ausnahmesituation (den leeren Luftraum fand ich dabei völlig unerheblich) – zwei völlig Fremde, unterschiedlich alt, unterschiedl. Nationalität und unterschiedl. soziale Stellung – das Sprechen vielleicht sogar erleichtert. Wenig Smalltalk.
      Die Kindheitshäuser zu einem Doppelhaus zu verschmelzen: Für mich habe ich das so gedeutet, dass die Erzählerin das verbinden möchte, was beide als menschliche Urerfahrung erlebt haben: einen Schutzraum in der Kindheit, ohne den diese ja kaum gelingen kann. Sie baut damit ein menschliches Haus, in dem Platz für alle ist und das doch unterschiedliche Häuser beherbergt. Das weiße Fahrrad… Hat Jonathan es dort abgestellt oder einer seiner Freunde? Ich glaube, Jonathan.
      Bin also gespannt, was anderen LeserInnen noch ein- und auffällt.
      Viele Grüße, Anna

  3. Pingback: Quirlender Stillstand | Von Orten und Menschen

  4. Pingback: Angelika Overath: Sie dreht sich um (2014) | buchpost

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