Arthur Schnitzler: Später Ruhm (1894)

Herr Eduard Saxberger kam vom Spaziergang nach Hause und schritt langsam die Stiege zu seiner Wohnung hinauf. Es war ein schöner Wintertag gewesen, und gleich nach Schluss der Amtsstunden hatte sich der alte Herr, wie er es gerne zu tun pflegte, auf den Weg gemacht und war in der frischen Luft herumgebummelt, recht weit über die Vororte hinaus zu den letzten Häusern. Er war müde geworden und freute sich auf sein freundliches, warmes Zimmer.

So beginnt die erst posthum veröffentlichte Novelle des österreichischen Dramatikers und Schriftstellers

Arthur Schnitzler: Später Ruhm (1894)

– veröffentlicht im Zsolnay Verlag

Zum Inhalt

Herr Saxberger, ein älterer, noch im Arbeitsleben stehender Beamter um die 70 Jahre, bekommt eines Tages Besuch von einem jungen Mann. Dieser stellt sich vor als der Schriftsteller Wolfgang Meier. Er sei der Gesandte des literarischen Zirkels Begeisterung.

‚Es ist ein Kreis junger Schriftsteller, die sich seitab von der großen Heerstraße halten. Wenn ich Ihnen die Namen derselben sagte, würde Ihnen nicht viel geholfen sein. Man kennt diese Namen heute noch nicht. Wir sind einfach Künstler, nichts weiter als das, und unsre Zeit wird kommen.‘ Herr Meier sprach diese Worte ruhig, aber entschieden aus. (S. 10)

Die Mitglieder dieses Kreises würden sich glücklich und geehrt schätzen, wenn sie denn einmal die Bekanntschaft des von ihnen so verehrten Meisters Saxberger machen dürften.

‚Das junge Wien bittet Sie, durch mich seine ehrfurchtsvollen Grüße und seinen Dank entgegenzunehmen. (S. 11)

Saxberger hatte vor mehreren Jahrzehnten eine Gedichtsammlung, die Wanderungen, veröffentlicht und ist nun verwirrt, gerührt und geschmeichelt, dass seine Texte tatsächlich noch gelesen werden, die er selbst schon fast vergessen  hatte. Denn berühmt war er nie und geschrieben hat er schon Jahrzehnte lang nichts mehr.

Im Grunde war er bis zu dem Erscheinen Meiers mit seinem Leben als rüstiger Junggeselle und seinen Abenden im Gasthaus, die er mit alten und künstlerisch desinteressierten Freunden verbringt, völlig zufrieden gewesen, doch dieser unerwartete Besuch bringt ihn ganz durcheinander.

Noch nie hatte er so tief empfunden, dass er ein alter Mann war, dass nicht nur die Hoffnungen, sondern auch schon die Enttäuschungen weit hinter ihm lagen. Ein dumpfes Weh stieg in ihm auf. Er legte das Buch weg, er konnte nicht weiterlesen. Er spürte, dass er schon lange auf sich selbst vergessen hatte. (S. 19)

Doch nun lässt er sich überreden, die jungen und allesamt unbekannten hoffnungsvollen Kaffeehaus-Schriftsteller aufzusuchen. Sie schmeicheln ihm und bald schon fühlt sich der alte Herr bei ihnen, denen die Kunst so wichtig zu sein scheint, wohler als mit seinen prosaischen Freunden. Über Arroganz, Dünkel und Eifersüchteleien, die ihn hellhörig machen müssten, geht er hinweg. Zu sehr gefällt ihm die Rolle des Meisters, des unerkannten Genies, die ihm die anderen quasi auf den Leib schneidern.

Ein Lesungsabend wird geplant, um den Zirkel bekannter zu machen. Auch Saxberger wird gebeten, ein neues Werk beizusteuern, das dann von einer Schauspielerin gelesen werden soll.

Der alte Mann muss sich eingestehen, dass seine dichterische Ader versiegt ist, nichts, aber auch gar nichts fällt ihm ein. Also vereinbart man, dass eines seiner alten Gedichte vorgetragen wird. Der Abend der Lesung wird in mancherlei Hinsicht anders für Saxberger verlaufen als geplant und gehofft.

Fazit

Das mit „Novelle“ bezeichnete Werk umfasst nur 135 Seiten. Es entstand 1894 und wurde 40 Jahre später ins Reine geschrieben und doch erst 2014 veröffentlicht. Wie schön, dass es jetzt doch noch seinen Weg zum Leser gefunden hat. Manche Happy Ends sind billig, das Happy End im Späten Ruhm jedoch nicht. Ich habe dem alten Mann, der noch einmal ungeschoren davongekommen ist, das herzhafte Lachen am Schluss gegönnt.

Es geht hier keineswegs nur um die Probleme, als junger Künstler wahrgenommen zu werden, oder um die egoistische und berechnende Speichelleckerei der jungen Möchtegerndichter, sondern auch um die grundsätzliche Verführbarkeit des Menschen, der gern manches übersieht, was nicht stimmig und echt ist, wenn man nur seiner Eitelkeit schmeichelt, seinem Bedürfnis, zu den „Erwählten“, den Besonderen, zu gehören.

Die Warnung in den Worten Meiers, die in ihrer Überheblichkeit jeden Gruppendünkel entlarven, gilt heute wie damals.

Talentlos […] nennen wir im Allgemeinen diejenigen, welche an einem andern Tische sitzen als wir. (S. 39)

Geschrieben in einer zarten, altmodisch eleganten Sprache. Alles in allem: Gern gelesen.

Anmerkungen

In diesem Fall lohnt sich ein Blick in den Wikipedia-Artikel, der einen guten Einstieg in die umstrittene Veröffentlichungsgeschichte und Rezeption des Werkes ermöglicht. Keineswegs handele es sich bei der Novelle um einen Sensationsfund, die Geschichte war seit Jahrzehnten in der Nachlassforschung zu Schnitzler bekannt (siehe dazu das Interview mit Konstanze Fliedl).

Daniela Strigl legt in der Welt dar, dass der Zolnay Verlag die Werbetrommel womöglich ein wenig unlauter gerührt habe, was nichts daran ändert, dass das Werk selbst durchaus lesenswert sei.

Das meint Hans-Jost Weyandt im Spiegel und das sagt Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau.

Hier stellt Iris Radisch das Buch in ihrer Video-Reihe vor.

Auch auf Philea’s Blog findet sich eine Besprechung.

5 thoughts on “Arthur Schnitzler: Später Ruhm (1894)

  1. Hat dies auf Hauptsache Bücher rebloggt und kommentierte:
    Ein „neuer“ Schnitzler, wie schön. Ich überlege und suche, ob der Text wohl gemeinfrei ist, wie alles von Schnitzler. Dunkel erinnere ich mich, dass der Verlag in solch einem Fall (neuer Text von schon gemeinfreiem Autor) ein spezielles Urheber- oder Verwertungsrecht von 20 oder 25 Jahren erhält, kann aber nichts dazu finden.
    Die Rezension von Anna macht auf jeden Fall neugierig auf die Novelle.

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