Edward St Aubyn: Never Mind (1992)

At half past-seven in the morning, carrying the laundry she had ironed the night before, Yvette came down the drive on her way to the house. Her sandal made a faint slapping sound as she clenched her toes to prevent it from falling off, and its broken strap made her walk unsteadily over the stony, rutted ground. Over the wall, below the line of cypresses that ran along the edge of the drive, she saw the doctor standing in the garden.

So beginnt das Buch des 1960 geborenen britischen Autors

Edward St Aubyn: Never Mind (1992)

Zum Inhalt

Die Geschichte spielt an einem einzigen Tag in der Provence, wo die reichen Melroses Gäste erwarten, die z. T. extra aus England anreisen.  Der Vater David ist ein ca. 60-jähriger Sadist, der früher einmal als Arzt gearbeitet hat. Seine reiche amerikanische Ehefrau Eleanor ist wesentlich jünger und eine Trinkerin, die ihren fünfjährigen Sohn Patrick durch den Nebel des Alkohols nur schemenhaft wahrnimmt.

Die Gäste sind auch keine Sympathieträger, sondern meist Speichellecker, die sich gern mit den reichen Melroses sehen lassen, oder intelligente und zynische Ekelpakete, die keinem Rock widerstehen können. Manche werden geradezu mit Wonne als Monster geschildert:

His wide, grinning mouth was at once crude and cruel. When he tried to smile, his purplish lips could only curl and twist like a rotting leaf thrown onto a fire. (S. 45)

Die Geschichte beginnt damit, dass das Hausmädchen Yvette hofft, ungesehen ins Haus zu gelangen, denn falls der Hausherr David sie mit dem schweren Wäschekorb sieht, würde er sich einen Spaß daraus machen, sie in ein Gespräch zu verwickeln, bis sie den Korb nicht länger halten kann. Auch seine Frau Eleanor, die ihm aus nicht nachvollziehbaren Gründen gehorcht wie ein geprügelter Hund, ist nie vor ihm sicher. Warum sie bei ihm bleibt? Man weiß es nicht.

Als David sein kleiner Sohn Patrick über den Weg läuft, hebt er ihn an den Ohren hoch. Im Laufe des Buches wäre ich froh gewesen, wenn das alles gewesen wäre, was Patrick von seinem Vater hat erdulden müssen.

Fazit

Nach zwei Dritteln habe ich das Buch abgebrochen. Nicht, weil es schlecht geschrieben gewesen wäre, nein, die Sprache ist messerscharf, der Blick auf diese zynischen und leeren Menschen unerbittlich, sarkastisch, eiskalt.

When she had first met David twelve years ago, she had been fascinated by his looks. The expression that men feel entitled to wear when they stare out of a cold English drawing room onto their own land had grown stubborn over five centuries and perfected itself in David’s face. It was never quite clear to Eleanor why the English thought it was so distinguished to have done nothing for a long time in the same place, but David left her in no doubt that they did. (S. 8)

Aber ich habe den nahezu unbeteiligten Blick auf die durch und durch kaputten Gestalten der upper class nicht länger ertragen. Und schon gar nicht, dass ein fünfjähriger Junge das Opfer dieser Eltern wird. Und da ich ihnen weder das Geld noch den Alkohol wegnehmen konnte, blieb mir nur das Zuklappen des Buches.

Anmerkungen

St Aubyn erzählt mit Hilfe seines Alter Ego Patrick Melrose im Grunde seine eigene, in weiten Teilen grauenhafte Lebensgeschichte nach. Die Demontage der adligen Familie – mit dem Familienoberhaupt als destruktivem Zentrum –  kam bei Kritikern extrem gut an. St Aubyn hat selbst an anderer Stelle über seinen Vater gesagt:

He had a small canvas, but he was as destructive as he could be. If he’d been given Cambodia, or China, I’m sure he would have done sterling work.

In einem Artikel im Guardian sagt der Autor:

The whole Melrose series is an attempt to tell the truth, and is based on the idea that there is some salutary or liberating power in telling the truth […] But I can still say what I think is true – that I have spent 22 years trying to transform painful lived experience into what I hope is pleasurable reading experience. The intention was to make a work of art rather than a confession.

Der zweite Band Bad News,

in der Patrick Melrose die Asche seines Vaters aus New York abholt, ist von Heroin-Abhängigkeit und Selbsttötungs-Momenten geprägt. Mit Some Hope schloss St Aubyn die Trilogie 1994 ab, erweiterte sie 2011 jedoch mit At Last, das während der Beerdigung von Melroses Mutter spielt, noch um einen Band. St Aubyns sechster Roman, Mother’s Milk, nimmt die Figur des Patrick Melrose wieder auf und zeigt ihn nun als Familienvater mit zwei kleinen Söhnen, denen er seine eigenen Kindheitserfahrungen zu ersparen sucht.(Wikipedia, abgerufen am 14. Oktober 2014)

Wenn jemand mehr erfahren möchte, hier geht es lang zu einer Besprechung in der Frankfurter Rundschau und zu einem Artikel von Jens-Christian Rabe in der ZEIT.

Und hier wäre noch ein interessanter Bericht von Stephen Moss im Guardian.

 

10 thoughts on “Edward St Aubyn: Never Mind (1992)

  1. Der Autor wurde mir von mehreren Leuten schon ans Herz gelegt, ein Buch liegt angelesen hier herum – aber mir erging es nach den ersten Seiten ähnlich. Gute Sprache, aber irgendwie „kalt“. Vielleicht starte ich noch einen zweiten Versuch, aber ich bin doch ein wenig beruhigt – nachdem er von vielen so gelobt wird – dass es mir nicht alleine so erging.

    • Hallo Birgit, ja die geradezu euphorischen Besprechungen hatten mich auch zu dem Buch greifen lassen. Beinahe hätte ich mir alle Bände gekauft. Aber ich kann die Protagonisten nicht nur als Papierwesen sehen. Dazu ist auch die Sprache zu wuchtig, der Blick zu kalt, vielleicht auch zu einseitig. Jedenfalls, meins war es nicht. Mir gingen diese reichen Gestalten, die jeglichen Kompass verloren haben, irgendwann gänzlich gegen den Strich. Solltest du doch noch einmal zu St Aubyn greifen, wäre ich auf deinen Eindruck gespannt. LG, Anna

      • Liebe Anna,
        das ergeht mir auch oft so (was wiederum für einen Roman spricht – weil er einen dann doch packt): Die Figuren werden „menschlich“, also mehr als reine Papierwesen – und wenn dann nur rein unsympathische Typen oder Menschen, deren Verhalten/Probleme man nicht mehr nachvollziehen kann, auftreten, reagiere ich oftmals genervt – als ob ich es mit einer realen Person zu tun habe…
        Muss mal schauen, aber derzeit sieht es nicht so aus, als ob ich ihn lese. LG Birgit

  2. Liebe Anna,
    mir haben sich schon beim Lesen Deiner Besprechung die Nackenhaare aufgestellt, so anschaulich hast Du beschrieben, was Du beim Lesen mehr und mehr unerträglich fandest. Das ist ja auch eine Form der Verwahrlosung, dieses Mal nicht am unteren Ende der sozialen Skala, sondern am oberen, mir fällt nur gerade nicht der richtige Begriff dafür ein. So kann ich gut verstehen, dass Du die Lektüre abgebrochen hast.
    Viele Grüße, Claudia

    • Hallo Claudia, ja, diese Wohlstandsverwahrlosung war gruselig, zumal die Protagonisten es ja eigentlich besser hätten wissen können. Zwischendurch flog mich der Gedanke an, ob es vielleicht doch interessant wäre zu erfahren, wie der junge Patrick sich dann später aus diesem Alptraum befreit hat, doch dazu hätte man ja mit ihm dann noch durch die Drogenhölle waten müssen. Und ich bin sicher, dass er auch das überaus anschaulich und klar auf den Punkt bringt. Allerdings dann doch ohne mich…
      Viele Grüße, Anna

      • Ja, Wohlstandsverwahrlosung war das gesuchte Wort. Ich habe auch überlegt, dass er, da er ja offensichtlich als Schriftsteller geschätzt wird, aus diesem Elend herausgekommen ist und dieser Weg vielleicht interessant ist (Stichwort Resilienz), aber wenn er den Weg über die Drogen genommnen hat, wird es ja auch erst einmal nicht besser mit dem Lesen.
        Viele Grüße, Claudia

  3. Ich habe „Never Mind“ im Frühjahr gelesen und gleich darauf die übrigen 4 Romane, die daran anschließen – und war sehr begeistert.
    Klar, die Geschichte – gerade in „Never mind“ – ist nicht „schön“, aber die Sprache, die Präzision, die Knappheit mit der die Innen- und Außenwelt des Protagonisten beschrieben werden fand ich großartig gut gelungen. Aber ich kann verstehen, dass die Handlung auch abschreckend wirken kann – ich fand allerdings, dass die distanzierte Erzählweise (wohl das was Du als „eiskalt“ empfunden hast) gerade dazu beigetragen hat, sich auf die Facetten der Charaktere & die verschiendenen Ebenen des Romans einlassen zu können.

    „Mother’s Milk“, der mittlere Roman der Pentalogie lässt sich übrigens auch sehr gut „allein“ lesen, also ohne die anderen Teile davor zu kennen. Den fand ich am besten – vielleicht einen zukünftigen Versuch wert?

    • Danke für deine Sicht der Dinge. Die Sprache, die Präzision hatten mir auch außerordentlich gut gefallen. Aber gerade bei so einer Geschichte finde ich es ganz schwierig, die Handlung sozusagen nur von außen, distanziert zu betrachten. Ich habe diese reichen Menschen, denen so viel offensteht, und die trotzdem nur Chaos und Destruktion verbreiten, dann nicht mehr länger in meinen vier Wänden haben wollen. Ob ich noch einen nächsten Versuch mit St Aubyn unternehme? Angesichts der ungelesenen Bücher zumindest nicht in absehbarer Zeit. Ein schönes Wochenende. Anna

  4. Pleasurable reading experience? Das glaub ich ihm nicht so ganz. Ich habe Never Mind irgendwann während des Studiums gelesen und war zwar fasziniert, war aber froh, als es vorbei war. Mir ist es mit St. Aubyn gegangen wie mit gutem Fremdschämhumor: Es hat mich beeindruckt, wie punktgenau er den Finger in die Wunde gelegt hat, aber es tat trotzdem weh.

    • Ja, bei den Worten „pleasurable reading experience“ habe ich mich auch gefragt, wie das angehen kann. Wobei viele Kritiker das anscheinend wirklich so empfunden haben… und der Autor diese distanzierte Erzählweise möglicherweise gebraucht hat. Aber ich hielte es als Leserin für ungut, wenn man über dem brillant-bissigen Stil den Inhalt in den Hintergrund rückt. Dein letzter Satz bringt es auf den Punkt. LG, Anna

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s