Bartholomäus Grill: Um uns die Toten (2014)

Es sei ein kalter, sonniger Februartag gewesen, Tante Afra erinnert sich noch genau. Mir fällt niemand ein, den ich sonst noch fragen könnte, und es leben auch nicht mehr viele, die eine Antwort wüssten. Ich habe den Tag ganz anders im Gedächtnis: grau und frostig. Ein scharfer Westwind wehte durch den Halmberger Hof, als der Leichenwagen von Kirchreit her kommend in die Durchfahrt zwischen Getreidestadel und Bauernhof einbog, ein Gespann mit zwei kastanienbraunen Gäulen, auf dem Kutschbock saß ein Mann mit kantigem Gesicht. Kurz bevor das Gefährt vor der Haustür zum Stehen kam, riss eine Bö die Kappe von seinem Kopf.

Mit dieser Kindheitserinnerung an die Beerdigung des Großvaters beginnt das unglaubliche Buch des 1954 geborenen Autors und Journalisten

Bartholomäus Grill: Um uns die Toten – Meine Begegnungen mit dem Sterben (2014)
– veröffentlicht im Siedler Verlag

Zum Inhalt

Grill versucht in diesem Buch nichts weniger, als der Tatsache ins Auge zu schauen, dass unser Leben endlich ist. Dabei herausgekommen ist eine bewegende Mischung aus Autobiografie und Reportage, die sich streng auf das im Untertitel genannte Thema beschränkt.

Im Zentrum steht der Freitod meines Bruders Urban, sein langer Kampf gegen den Krebs, schließlich sein unwiderruflicher Entschluss, das Leiden und den endlos sich hinziehenden Prozess des Sterbens zu beenden. (S. 12)

Doch das stimmt nur bedingt. Hier wird das ganz Persönliche verwoben mit dem Weltpolitischen.

Am Beginn steht der Rückblick auf eine als idyllisch empfundene, gleichwohl streng katholisch geprägte Kindheit auf einem bayrischen Bauernhof. Dieser umfasst sowohl Erinnerungen an das kleine Schwesterchen, das mit schwersten Conterganschäden auf die Welt kam und ein Jahr lang starb, als auch an die Traditionen, Feste und Wallfahrten und an den Tod der Großeltern. Außerdem lesen wir von den verschwiegenen Selbstmorden in der Nachbarschaft. Dabei war der Selbstmord für die gläubigen Katholiken schändlicher als die Tatsache, dass da ein ehemaliger SS-Obersturmbannführer in den Freitod gegangen war.

Die Loslösung vom Elternhaus geht einher mit Drogenexperimenten, die – wenn auch ungewollt – beinahe tödlich enden und mit immer tieferen Rissen im katholischen Weltbild. Seinen Zivildienst absolviert Grill zunächst in einem Alterskrankenhaus, bevor er in ein Zentrum für behinderte Kinder wechselt. Diese Zeit ist geprägt durch die völlig irrationale Annahme, dass der wirkliche Tod ein lächerlicher Geselle sei, mit dem man ganz unbefangen kokettieren könne.

Zum Beispiel durch waghalsige Ski-Abfahrten auf lawinengefährdeten Hängen, durch Autorasereien ohne Fahrerlaubnis oder andere hirnrissige Mutproben, mit denen wir den Mädels imponieren wollen. […] Was würde ich schon verlieren? Nur das Leben, so what? Aber das konnte mir ohnehin nicht passieren. Ich fühlte mich bei solchen Torheiten so sicher wie ein afrikanischer Buschkrieger, der sich für unverwundbar hält, nachdem er sich mit Zauberelixieren immunisiert hat: Die Kugeln des Feindes prallen an ihm ab wie Wassertropfen. Nach neueren medizinischen Erkenntnissen ist das irrationale Verhalten männlicher Jugendlicher auf das hormonelle Chaos in ihrer Reifezeit zurückzuführen, da fallen Sicherheitsschaltungen im Gehirn manchmal einfach aus. (S. 58)

Nach einem Zeitsprung geht es schließlich weiter mit den Erfahrungen, die Grill in seiner Zeit als Auslandskorrespondent gemacht hat.

Die ersten Einsätze in den achtziger Jahren führten mich nach Osteuropa, nach Polen, wo Geheimagenten der wankenden Jaruzelski-Diktatur regimekritische Priester entführten und umbrachten. Dann, Weihnachten 1989, nach Rumänien, als der Despot Nicolae Ceaucescu gestürzt und hingerichtet wurde und mir beim Anblick vermeintlicher Folteropfer des Geheimdienstes Securitate der Tod erstmals als furchtbarer Menschenschinder erschien. Drei Jahre später wurde ich von der ZEIT nach Afrika entsandt. Seither habe ich regelmäßig über Kriege, Staatsstreiche, Hungersnöte, Seuchen und Katastrophen berichtet. Den ersten Aids-Toten sah ich in einem Fischerdörfchen am Victoria-See in Uganda, ich ahnte damals nicht, dass mich diese Pandemie von schier unvorstellbaren Ausmaßen in zahlreichen Reportagen immer wieder beschäftigen würde. Kein Ereignis hat mich indes so erschüttert wie der Genozid und dessen Nachwehen in Ruanda. (S. 13/14)

Grill nimmt uns mit seinen Reportagen und Texten mit in die Gebiete der Welt, die uns sonst doch oft sehr weit weg zu sein scheinen und wo Folter, Hunger, unvorstellbares Leid, Grausamkeiten und der von Menschen verschuldete Tod Grill nicht nur an der Menschlichkeit, sondern auch an der Existenz Gottes zweifeln lassen. Doch genauso schildert er die ausgelassenen afrikanischen Feierrituale, die dort eine Beerdigung zu einem Fest des Lebens machen.

Und gegen Ende führt der Bogen wieder nach Hause zurück. Zum Sterben seines Bruders Urban, der unheilbar an Zungenkrebs erkrankt ist, und dessen Entschluss, die Hilfe der Schweizer Organisation Dignitas in Anspruch zu nehmen, um freiwillig aus dem Leben zu gehen. Grill schildert die Verzweiflung der Familie, die Vorbehalte der katholischen Mutter und schließlich die Fahrt in die Schweiz, den Ablauf, die letzten Stunden des Bruders in einem schäbigen Zimmer.

Dabei wird Grill nie sentimental, nie gefühlig, immer versucht er zu begreifen, zu verstehen, das überzeugende Argument zu finden. So wird auch ein Streitgespräch zwischen ihm und dem katholischen Denker Robert Spaemann abgedruckt, der sich gegen jede Institutionalisierung der Sterbehilfe ausspricht.

Dass Grill dabei seine eigenen (verlorengegangenen) religiösen Ansichten auf den Prüfstand stellt und versuchen muss, nun auch selbst mit dem Tod und der Endlichkeit unseres Lebens zurande zu kommen, versteht sich von selbst.

Letztlich spiegelt auch das vorliegende Buch das kollektive Bedürfnis, den verdrängten, verbannten und scheinbar gezähmten Tod wieder näher ans wirkliche Leben heranzuholen. Weil es aus einer sehr persönlichen Perspektive geschrieben ist, nimmt es in weiten Teilen autobiografische Züge an. […] Peter Weiss […] nannte das Schreiben den Versuch, “mit all unseren Toten in uns, mit unserer Totenklage, unseren eigenen Tod vor Augen, zwischen den Lebenden dahin zu balancieren.” Kein Satz könnte meine Beweggründe trefflicher ausdrücken.“ (S. 17)

Fazit

Klingt das trostlos? Ist es aber eigenartigerweise nicht, denn Grill schreibt reflektiert, oftmals gelassen, manchmal fast heiter. Ehrlich auch da, wo er über eigene Schuld spricht.

Zum anderen hat er etwas zu erzählen.

Interessant zum Beispiel sein Exkurs zu einigen Berufskollegen, den Mitgliedern des legendären Bang-Bang Clubs, preisgekrönten Katastrophenfotografen, die nahezu zwangsläufig ihrer derformation professionelle erliegen: Greg Marinovich, Kevin Carter, Joao Silva und Ken Oosterbroek.

Die Bang-Bang-Fotografen trieb eine Art Soldatenlust aufs Schlachtfeld, die prickelnde Erfahrung von Gewalt, gemischt mit Abenteurertum und ein bisschen Aufklärungsdrang – der Rest der Welt sollte die Grausamkeiten in den Ghettos der Schwarzen sehen. Aber viel wichtiger noch war den Fotografen, zu beweisen, was für harte, furchtlose Kerle sie waren und welche Mutproben sie bestanden. Stand-ups gehörten zu ihren obligatorischen Übungen: Sie gingen bei Feuergefechten aus der Deckung, richten sich auf und schossen ihre Bilder. Natürlich war es verpönt, dabei Splitterschutzwesten zu tragen, das war etwas für Hasenfüße. (S. 94)

Grills Erzählungen über die diversen Kriegs- und Katastrophengebiete sind informativ, anschaulich, fürchterlich und manchmal nur schwer auszuhalten. Wenn man in dieser geballten Form, quasi von Kapitel zu Kapitel, dem Autor auf seinen Reisen folgt und dabei sieht, was Menschen zu tun imstande sind, dann müssen einem Fragen kommen, Fragen nach dem eigenen Lebensstil, Menschenbild und Glauben und nach den eigenen Werten. Wobei man übrigens nicht zwangsläufig zu dem Schluss kommen muss, dass es angesichts des Irrsinns wohl keinen Gott geben könne.

Eine Aussage hielt ich allerdings für groben Unfug, dass nämlich die Heilserwartung des gottesfürchtigen Christen sich nicht von der des islamistischen Selbstmordattentäters unterscheide.

Angenehm ist, dass Grill meist darauf verzichtet, fertige Antworten anzubieten, es ist eher eine große Einladung an den Leser, mal aus dem Kreiseln auszusteigen, zur Ruhe zu kommen und auszuhalten, was der Autor schreibt.

Ich habe alle wichtigen Studien über die Ursachen des Völkermords (in Ruanda) gelesen, und dennoch kann ich bis heute nicht begreifen, wie Menschen zu Mordmaschinen mutieren. Wie kommt es, dass ein Arzt seine Patienten im Krankenhaus umbringt? Dass Lehrer ihre Schüler zerstückeln? Dass Pfarrer ihre Gläubigen mit Benzin übergießen und anzünden? (S. 104)

Kurz gesagt: Mit diesem Buch haut er alle unsere Versuche, mit Entertainment, Esoterikgesäusel oder pausenloser Beschäftigung vor der Tatsache der Endlichkeit wegzulaufen, in die Tonne.

Jeder von uns hat seine eigene Methode entwickelt, die Unausweichlichkeit des Todes zu verdrängen. Gemeinsam ist uns dabei die kognitive Dissonanz, die die Wahrnehmung der Wirklichkeit den Wünschen anpasst: Es mag andere erwischen, mich aber nicht. (S. 202)

Anmerkungen

Hier geht es lang zum Wikipedia-Artikel über den Autor.

Dem Blog der Kulturbuchhandlung Jastram habe ich es zu verdanken, dass ich überhaupt erst aufmerksam auf das Buch wurde.

P1060979Bergfriedhof Heidelberg

13 thoughts on “Bartholomäus Grill: Um uns die Toten (2014)

  1. „Mit diesem Buch haut er alle unsere Versuche, mit Entertainment, Esoterikgesäusel oder pausenloser Beschäftigung vor der Tatsache der Endlichkeit wegzulaufen, in die Tonne.“: Wow, das hast Du sehr engagiert geschrieben. Aber wird auch Zeit, dass da mal einer Esoterikgesäusel in die Tonne haut.
    Aber jetzt im Ernst – ich musste/durfte neulich Leute interviewen, die ehrenamtlich in einem Hospiz arbeiten. Erstaunlich ist, was die in ihrem Umfeld oft zu hören kriegen. Es ist, als betrachte unsere Gesellschaft das Sterben als Makel.

    • Hallo Birgit, nun den Satz, den du aus meiner Besprechung zitiert, ist nicht nur meiner Begeisterung geschuldet, sondern auch dem Autor, denn Grill nimmt an manchen Stellen wirklich kein Blatt vor den Mund, auch was Esoterik und Jugendwahn etc. angeht. Auf das, was du ansprichst, dass manche/viele Sterben und Tod als einen Makel betrachten, mit dem man sich doch bitte schön im Stillen und Privaten beschäftigen möge, geht er auch ein. Wer wolle denn Trauer sehen? In diesem Zusammenhang spricht er auch von der verlorengegangenen Ars Moriendi. Ich kann das persönlich nur bestätigen. Wenn man trauert, scheint man für manche zu einer Peinlichkeit zu mutieren, die man am besten weiträumig umschifft. Kann man dein Interview irgendwo lesen? LG, Anna

      • Liebe Anna,
        es ist ja inzwischen so, dass in vielen Kommunen Leichenwägen nicht mehr tagsüber verkehren dürfen…so sehr will man den Tod aus unseren Leben verbannen.
        Zum Interview: Lieber nicht…das Berufliche lasse ich beim Bloggen lieber weg…LG Birgit

      • Ach, da hast du natürlich recht, dass man Berufliches und Bloggen meist nicht so gern vermischt. Sorry, darauf hätte ich selbst kommen können. Aber dass in manchen Kommunen tagsüber keine Leichenwagen mehr fahren dürfen… Ich habe irgendwie die Hoffnung, dass das nicht stimmt. Wie dämlich wäre das denn? Dazu passt der Brief einer aufgescheuchten Mutter auf einem Bestatter-Blog… Sachen gibt’s…

      • War schon klar, dass das nur Wunschdenken meinerseits war – mit dem Fahrverbot tagsüber. Aber eine Verdrängung diesen Ausmaßes finde ich schon gruselig. Dabei fällt mir ein, dass vor Monaten irgendwo auf irgendeinem Blog diskutiert wurde, ob Friedhöfe nicht viel mehr den Lebenden gehören sollten, mit Fahrradfahren und Joggen etc. Da wurde mir auch schon ganz blümerant. Dann können die Trauernden noch nicht mal in Ruhe auf den Friedhof gehen. Wie kommen wir denn jetzt aus dieser Nummer wieder raus? Ich glaub, ich brauche jetzt einen Portwein.

      • Ja, mehr als einen Portwein braucht’s dann ja auch nicht🙂 Klasse, jetzt sind wir schon bei der Musik angekommen. Höre ich mir sofort an. Friedhöfe – Orte der Stille, der Ruhe, aber auch des Nachdenkens. Jedenfalls, wenn sie entsprechend angelegt sind. Einen schönen Dienstag!

  2. Liebe Anna,
    Dein Beitrag ist eine „schöne“ (klingt komisch in diesem Zusammenhang, ich hoffe, Du weißt, wie ich es meine) Hinführung zum eigenen Lesen. Grill steht ja schon länger im Regal, irgendetwas kam immer dazwischen, das Thema ist nun ja nicht unbedingt so, dass es sich nach vorne drängelt. Das lässt sich nun ja ändern und ich weiß dann auch dank Deiner Besprechung schon, dass mich ein paar schweirige Seiten erwarten Jedenfalls erinnere ich mich noch sehr deutlich an seine Reportage in der ZEIT über die Bruder-Geschichte und die Reise in die Schweiz. Und lange habe ich beim Lesen gar nicht kapiert, wer den Text geschrieben hat, dass der Journalist eben der Bruder ist. Da fand ich dann die Haltung Grills, mit der er den Text verfasst hat, noch viel beeindruckender.
    Viele Grüße, Claudia

    • Hallo Claudia,
      das stimmt schon, das ist ein Thema, das sich wahrlich nicht nach vorne drängelt. Aber ich hatte mir für die Ferien vorgenommen und da passte es richtig gut. Ich sinniere immer noch (ohne Antwort), wie der Autor es geschafft hat, so viel Grauenhaftes und Trauriges zu schreiben, ohne dass man hinterher selbst völlig niedergeschlagen ist. Es kann eben auch als Weckruf gelesen werden, mal wieder Wichtiges und Wesentliches neu zu sortieren. Und durch die Verortung an der eigenen Biografie entlang kann der Leser zwischendurch auch immer mal wieder aufatmen und sich beschämt freuen über den Lebensstil, den wir hier haben. Siehst du, die Reportagen hatte ich damals nicht gelesen, aber das ließ sich mit diesem Buch ja auch prima nachhholen. Mach dir keinen (Lese-)Stress, dafür liegt hier der Kruso noch immer herum, ohne dass ich ihn wirklich noch mal angefangen hätte. Viele Rotstiftgrüße, Anna

  3. Ich hatte das Buch vor etlichen Wochen schon mal in der Hand, entschied mich dann aber für ein „leichteres“ Thema. Wie gut, dass du mich jetzt so fundiert an die Lektüre erinnerst, Anna! Das klingt tatsächlich nicht trostlos, sondern so, wie das Leben eben ist. Danke!

    • Hallo Maren, ja, der grundsätzliche Leseeindruck, der zurückbleibt, ist tatsächlich nicht der von Trostlosigkeit. Auch wenn einem das Cover da vielleicht etwas anderes suggeriert. Freut mich, wenn du das Buch nun vielleicht doch noch liest. Liebe Grüße, Anna

  4. Pingback: BuchsaitenBlogparade 2014 | buchpost

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