Fundstücke

Thomas, der Ich-Erzähler in dem Roman Die schöne Menschenliebe von Lyonel Trouillot, arbeitet als Reiseführer und Taxifahrer auf Haiti. In einem langen Monolog erzählt er seinem Fahrgast, einer jungen Frau aus dem Westen, die hier den Geheimnissen ihrer Familiengeschichte nachgehen möchte, was ihm so durch den Kopf geht und was er selbst über den Tod ihres Großvaters weiß.

Interessant fand ich, wie er den Blick des Einheimischen dem des „typischen“ Touristen entgegenstellt:

Es gibt Städte, die schreien, und solche, die flüstern. Es gibt Städte, die lächeln, und solche, die finster dreinschauen. Solche, die grell angemalt sind wie ein Straßenmädchen, das sich jeden Abend verkleiden muss, um in den Kampf zu ziehen. Und andere, die nichts zeigen, nichts verkaufen, weder angeben noch sich zur Schau stellen, sondern unbefangen lächeln, wenn jemand zu Besuch kommt. So ist meine Stadt am Meer. […] Dort habe ich meine Träume eingepflanzt. Und der Boden, in den du deine Träume pflanzt, gehört dir. Der, den du gern deinen Kindern vererben möchtest. (S. 20)

Wenn Touristen, die wie du aus schönen Städten kommen, mich anhalten lassen, um schnell ein Foto zu schießen, betrachten sie das Bauwerk von oben herab, obwohl sie zu dessen Füßen stehen. (S. 18)

In dem Land, aus dem du kommst, soll der Job eine Art Kaserne sein und Ferien so etwas wie Fronturlaub. Man muss ihn bis zum letzten Tropfen auskosten, bevor man zur Truppe zurückkehrt. Deshalb wollen die Touristen, wenn sie hier ankommen, die ganze Welt verspeisen und in ein paar Stunden ihren Appetit befriedigen. (S. 146)

Neben den Griesgrämigen, die auf der Fahrt zum Strandhotel über alles schimpfen und jammern, als würde ich sie zwangsweise zur Klagemauer bringen, gibt es das andere Extrem, die Lustigen, die für den Spaß bezahlt haben […] Wenn man ihnen zuhört, haben sie in jeder Sekunde ihres Aufenthaltes nur Glückliches erlebt. Alles finden sie schön. Die banalste kleine Felsenschlucht versetzt sie in den siebten Himmel. Sie haben bezahlt, also ist alles gut. Wenn sie die Nachrichten hören, halten sie die Bandenchefs für gute Wilde. In den Elendsvierteln sehen sie eine Form von Ästhetik, kurzum, sie haben hier ein Paradies am Meer gefunden. Sie sind wie jene Menschen, die im Restaurant alles bis auf den letzten Bissen aufessen, ob es schmeckt oder nicht. Das ist für sie eine Frage der Ehre oder eine Art Pragmatismus: Sie konsumieren, bis sie ihre Ausgaben wieder reingeholt haben. (S. 129)

Ehrlich gesagt, mir sind die heiteren Gäste lieber als die, die vor Angst stinken. Wahrscheinlich haben sie alle Kataloge des Schreckens studiert, einen Haufen Statistiken und ungewöhnliche Geschichten angesammelt, ihren Arzt konsultiert und eine Liste von Tropenkrankheiten mit der Beschreibung der ersten Symptome zusammengestellt, bevor sie auf der „verfluchten“ Insel landen. Sie kommen mit einer ganzen Batterie an Medikamenten und schmieren sich mit tausenderlei Salben ein. Wenn wir durch die Elendsviertel fahren, packt sie die Panik. Man könnte meinen, sie hätten ein unbewohntes, jungfräuliches Land erwartet, das sich bereitwillig vor ihnen ausbreitet. (S. 131)

2 thoughts on “Fundstücke

  1. Das sind ja tolle Blicke, liebe Anna, die Thomas, der Taxi-Fahrer, auf andere Städte und auf Touristen wirft. Gerade der Blick auf die Touristen, die ihre Jobs wie eine Kaserne empfinden (grau, eingesperrt, hart, ungemütlich) und die im Urlaub wie auf Fronturlaub wirken, gefällt mir gut. Ist zumindest zum Nachdenken, ob man selbst auch dazu gehört…
    Viele Grüße, Claudia

    • Ja, das ging mir auch so. Die potentielle Überheblichkeit eines Westlers, die man – ohne es zu wissen oder zu beabsichtigen, vielleicht doch zur Schau trägt… Und der Vergleich mit Kaserne und Fronturlaub gibt einem schon zu denken🙂 Das kann und darf es nicht sein… LG, Anna

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