Klaus Böldl: Der nächtliche Lehrer (2010)

Wer erinnerte sich nicht an jenen heißen Juni vor mehr als einem Vierteljahrhundert? Von Dublin bis Moskau, vom Mittelmeerraum bis in den hohen Norden Skandinaviens hinauf war nirgendwo eine Wolke am Himmel zu sehen. Schon in den letzten Maitagen hatte man die ganze Nacht hindurch das Schlafzimmerfenster offen stehen, obwohl es auch nach Sonnenuntergang kaum abkühlte. Es war die Zeit der verheerenden Waldbrände und der ersten Hitzetoten. An einem dieser Tage fuhr Lennart nach Sandvika, um sich dem Leiter des Gymnasiums vorzustellen, an dem er vom folgenden Schuljahr an als Lehrer für Kunst und Religion arbeiten sollte. Es würde Lennarts erste Stelle sein, denn gerade erst hatte er sein Studium mit dem Referendariat abgeschlossen. Es sollte auch seine einzige bleiben.

So beginnt ein ruhiger, feiner Roman von 126 Seiten des Professors für skandinavistische Mediävistik:

Klaus Böldl: Der nächtliche Lehrer (2010)

Zum Inhalt

Der junge Lennhart tritt also mit 25 seine erste Stelle in einer schwedischen Kleinstadt an, wobei ihn die Stadt und ihre Bewohner kaum interessieren. Stattdessen geht er auf lange Spaziergänge durch die angrenzenden Wälder und Felder. Manchmal wird er dabei von einem Kollegen begleitet. Gesprochen wird kaum.

Doch war der Zug schon verschwunden und hatte den Blick auf das in der Brise  leise knisternde Schilf geöffnet […] Kleine verschreckt zwitschernde Vögel sprühten unablässig daraus empor, als säße da jemand in den Binsen und werfe sie in die Luft. (S. 9)

Er richtet sich in diesem Leben ein, scheint nicht unzufrieden zu sein, legt aber keinen größeren Wert auf gesellschaftliche Kontakte, zumal er gern viel Zeit damit verbringt, Eindrücke und Erlebnisse für sich allein zu verarbeiten. Seinen Platz in der Welt stellt er nicht in Frage: Noch nicht einmal der radikale Ortswechsel von Stockholm in die tiefste Provinz bringt ihn ins Grübeln:

Lennarts bisheriges Dasein, so wie es sich in seinen Erinnerungen niederschlug, war ihm immer als Zusammenhang ohne größere Brüche oder Zwischenräume erschienen: von den allerfrühesten Kindheitseindrücken, einem unsicheren Gang an einem rasch dahinschießenden dunkelgrünen Wasser entlang, dem gellenden Pfiff einer Eisenbahn in einer rosa Abenddämmerung, der vollgepissten Hose: erst heiß, dann kalt-, bis zu dem gerade stattfindenden Augenblick im leeren Abteil des Zuges nach Sandvika, in dem Lennart ein Brandloch in dem braunen Fenstervorhang entdeckte: Alles jemals Wahrgenommene ging ihm stets als Teil einer freilich undurchsichtigen und möglicherweise schlecht erzählten, aber doch unbeirrbar dahinfließenden Geschichte auf. (S. 6 – 7)

In der Bibliothek des Ortes lernt er seine spätere Frau Elisabeth kennen. Auch dies undramatisch, fast wie durch ein umgekehrtes Fernglas erleben wir diese zwei Menschen, die vom trinkfreudigen Pfarrer Lukas verheiratet werden.

Elisabeth erzählte, dass der ferne Blick, den man von dort über die Stadt werfen könnte, ihr das Gefühl für den Geburtsort für immer verrückt hätte. […] Lennart nickte. Er kannte das, dass Plätze für immer ihre Selbstverständlichkeit verloren, von einem Tag auf den anderen unkenntlich wurden. Oftmals einfach so, nur weil man sie einmal wirklich angesehen hatte. (S. 45)

So ganz nahe kommen sie uns nicht. Bis das Unglück geschieht und die schwangere Elisabeth bei einem Autounfall ums Leben kommt. Auch jetzt hält der Erzähler zu Lennart in seiner Trauer einen diskreten, ja respektvollen Abstand. Gleichwohl findet er dabei berührende Bilder für die Trauer und den Verlust, ohne dass er dazu in der Seele seiner Hauptfigur herumkramen muss:

In der warmen Jahreszeit und besonders in den Sommerferien saß Lennart oft auf einem Klappstuhl in der Abendsonne vor Elisabeths Grab, die abgewetzte Aktentasche stand neben ihm im Gras. (S. 80)

Lennart wünschte sich, der Regen, den Elisabeth Minuten vor ihrem Tod, beim Überqueren der Straße und beim Einsteigen in den Wagen, noch gespürt hatte, möge nie aufhören, weil er sich durch ihn mit ihr verbunden fühlte. Am dritten Tag aber ließ der Regen doch nach, inmitten des noch immer tiefhängenden Gewölks zeigten sich fernblaue Stellen, und über die Fläche des Sees breitete sich auf einmal ein breiter Streifen Silberlicht. (S. 67)

Lennart wird in den Augen der Umwelt wunderlich, verschroben, zur Provokation, zum Einzelgänger, wenn man von den Kontakten zu Pfarrer Lukas und den gelegentlichen Spaziergängen mit seinem Kollegen einmal absieht.

Der Lehrer gibt seine Stelle auf, nachdem er ein überraschend erfolgreiches Buch über seine Naturbetrachtungen veröffentlicht hat, geht sogar auf eine internationale Lesereise, wandert weiterhin durch den Wald und oft genug kann man ihn abends und nachts im Schulgebäude, zu dem er den Schlüssel nie abgegeben hat, sehen. Dort steht er dann an der Tafel, scheint etwas anzuschreiben, wieder fortzuwischen.

Fazit

Das Einzige, was mich gestört hat, war, dass das Wort Wald gefühlte eintausendmal vorkam. Zwischendurch war ich versucht, eine  Strichliste zu führen. Auch Hummeln fliegen übermäßig häufig durch die Seiten…

Davon abgesehen, eine schöne Sprache:

Das rhythmische Poltern und Klopfen der endlosen, meist mit Fichtenstämmen beladenen Güterzüge, das die Stadt mit einem Mal weit und fern, nach allen Seiten hin offen machte, für die ein oder zwei Minuten, die es braucht, sich die Gleichzeitigkeit all der Orte, die man jemals aufgesucht hat, vor Augen zu führen. (S. 28)

Ein ganz ruhiges Buch, das mich so angesprochen hat, wie andere Leser wohl Ein Ganzes Leben von Seethaler. Ein Mensch, der gern für sich ist, einen Großteil seiner Zeit in der Natur verbringt und ihre jahreszeitlichen Veränderungen mitverfolgt, ja, sie schließlich schon erahnt.

Hier hat es mich nicht gestört, dass man der Hauptperson nicht wirklich nahe kommt. Auch wenn die Einsamkeit an einigen Stellen ein wenig herbeigeschrieben wird: Seine Mutter kann an seiner Hochzeit nicht teilnehmen, weil sie den senilen Großvater nicht allein lassen könne.

Manche Kritiker haben auch moniert, dass Böldl mit seiner Hauptfigur nichts anzufangen wisse. Ich fand eher, dass es dem Leser Freiräume für eigene Assoziationen eröffnete. Also, alles in allem:

Gern gelesen.

Im Traum war er dann einen Moment lang der Wald draußen vor den Fenstern. Ein Reh glitt lautlos durch die Dämmerung des Unterholzes. Ein Windstoß erzeugte ein Rieseln in den Birken. Er empfand, wie Wege in ihm verliefen, die sich kreuzten und auf sonnigen Lichtungen inmitten von Brombeergerank ihre Richtung änderten. (S. 51)

Anmerkungen

Hier geht es lang zu weiteren Besprechungen:

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2 thoughts on “Klaus Böldl: Der nächtliche Lehrer (2010)

  1. Das spricht mich sehr an, liebe Anna, auch wegen deines Querverweises auf Robert Seethaler. Ich glaube, ich habe gerade ein Faible für ruhige Geschichten in schöner Sprache, gern auch nicht allzu beleibt.😉 Das Foto passt wunderbar dazu.

    • Hallo Maren,
      falls du also Böldl lesen solltest, würde ich mich freuen, zu erfahren, wie es dir gefallen hat. Ruhig ist es auf jeden Fall und lässt auch manche Fragen offen. Das Foto wurde übrigens in Schweden aufgenommen🙂 Dir eine schöne Zeit und herzliche Weihnachtsgrüße, Anna

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