Alice McDermott: Someone (2013)

Pegeen Chehab walked up from the subway in the evening light. Her good spring coat was powder blue; her shoes were black and covered the insteps of her long feet. Her hat was beige with something dark along the crown, a brown feather or two. There was a certain asymmetry to her shoulders. She had a loping, hunchbacked walk. She had, always, a bit of black hair along her cheek, straggling to her shoulder, her bun coming undone.

So beginnt der Roman der 1953 geborenen amerikanischen Autorin

Alice McDermott: Someone (2013)

Zum Inhalt

Es scheint gerade eine gute Zeit für fiktive Lebensgeschichten einer Jedermann-Figur zu sein. Man denke nur an die Romane von Seethaler.

Schon der Titel zeigt die vorgebliche Durchschnittlichkeit der von McDermott gewählten Hauptperson:

Marie, Kind irischer Einwanderer, erinnert sich an Stationen ihres Lebens und erzählt fast chronologisch ihre Geschichte, die im New Yorker Stadtteil Brooklyn in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts begann. Dabei wird dem Leser keine brutale Zeit der Entbehrungen geschildert: Marie wächst in der Geborgenheit ihrer Familie auf. Besonders hängt sie an ihrem Vater. Die Mutter ist tüchtig, hält mit Strenge, Liebe und Sparsamkeit die Familie zusammen. Auch dass der Vater ein Trinker ist, reißt die Familie nicht auseinander. Ihr hübscher Bruder Gabe hockt immer über den Büchern und träumt davon, Priester zu werden.

Gleichzeitig nimmt man – schon bedingt durch die räumliche Nähe in den Mietshäusern – Anteil am Leben der Nachbarn, ihren Sorgen, Enttäuschungen und Krankheiten.

Zwischendurch springen Maries Gedanken zu ihrer ersten Liebe, ihren Augenoperationen und der traumatischen Erinnerung an die Geburt ihres ersten Kindes, bei der sie beinahe gestorben wäre. Auch die Erzählgegenwart des Alters wird mit den Erinnerungen verwoben.

Wir erfahren von dem Ende der Priestertätigkeit ihres Bruders und seinem späteren Zusammenbruch, ihrer Arbeit als Empfangsdame in einem Bestattungsunternehmen und ihrer langen und glücklichen Ehe mit Tom, einem Brauereiarbeiter. Kurzum, es geht um das ganz „gewöhnliche“ Leben einer einfachen Frau, die ihr bescheidenes Glück, über das sie nicht viele Worte verliert, gefunden hat. Und die, wie wir alle, den Lauf der Zeit nicht aufhalten kann.

Fazit

Das Buch enthält viele gelungene Stellen und ich mochte die Sprache, die Beschreibungen und vor allem die Gleichberechtigung, die zwischen den Erinnerungen herrscht, die die Illusion vermittelt, dass unsere Vergangenheit genauso da und lebendig sein kann wie der Moment der Gegenwart.

Und doch bleibt eine gewisse Konstruiertheit, eine Leere, da die Ich-Erzählerin vieles in sich verbirgt, nicht ausspricht, überhaupt sehr zurückhaltend mit Reflexionen und Gefühlsäußerungen ist. Und – dafür kann McDermott natürlich nichts – aber wer das großartige A Tree in Brooklyn von Betty Smith gelesen hat, der muss wohl zwangsläufig von Someone enttäuscht sein.

Als Marie von ihrem Freund Walter auf abscheulichste Weise den Laufpass erhalten hat, nimmt Gabe sie mit auf einen langen Spaziergang. Dort findet sich dann eine der Stellen, die mir sehr gefallen hat:

The heat was a reminder of what I had glimpsed when my father was dying, but had, without plan or even intention, managed to forget: that the ordinary days were a veil, a swath of thin cloth that distorted the eye. Brushed aside, in moments, such as these, all that was brittle and terrible and unchanging was made clear. My father would not return to earth, my eyes would not heal, I would never step out of my skin or marry Walter Hartnett in the pretty church. And since this was true for me, it was true, in its own way, for everyone. My brother and I greeted the people we knew walking by, neighborhood women, shopkeepers in doorways trying to catch a breeze. Each one of them, it seemed to me now that the veil was briefly parted, hollow-eyed with disappointment of failure or some solitary grief. (S. 80)

Letztendlich war mir das Buch zu gefällig. Ich las und blieb im Wesentlichen unberührt. Nichts weist über sich selbst hinaus.

Anmerkungen

1998 erhielt die Autorin für ihren Roman Charming Billy den National Book Award und 1999 den American Book Award.

Charles McNulty findet in der Los Angeles Times schöne Worte für das Buch, auch wenn ich ihnen nicht gänzlich zustimmen mag:

Just as McDermott manages to write lyrically in plain language, she is able to find the drama in uninflected experience. This is the grand accomplishment of „Someone,“ a deceptively simple book that is, in fact, extraordinarily artful, a novel that traces the arc of an unexceptional, almost anonymous life and, seemingly by accident though of course on purpose, turns a run-of-the-mill story into a poem.

14 thoughts on “Alice McDermott: Someone (2013)

  1. Eine sehr schöne Besprechung. Den Bezug zu Seethaler finde ich interessant und die Auszüge aus dem Roman sehr aufschlussreich. Zufällig lese ich hier auch über A Tree in Brooklyn von Betty Smith, den mir goodreads seit mehreren Tagen unaufhörlich als besondere Lektüreempfehlung nennt. Wenn das kein Wink des Schicksals mit dem Zaunpfahl ist. Du schreibst, dass du im Wesentlichen unberührt geblieben bist und nichts über sich selbst hinausweise. Ich sehe das auch so, dass sie in dem obigen Zitat (ich kann mich nur darauf beziehen) sehr existentiell auf das Wesentliche beschränkt beschreibt, aber damit bringt sie diese Erfahrung des „Nichts“ m.E. sehr gut auf den Punkt. Mich berührt das immer wieder.

    • Danke für deinen Kommentar. Da bin ich ja gespannt, ob du dem Wink des Zaunpfahls nachgeben wirst🙂 Das von dir angesprochene Zitat war auch eine der Stellen, die mir gefallen haben, wo eben doch etwas über sich „hinausweist“, aber das passierte relativ selten. LG und einen guten Sonntag, Anna

  2. Liebe Anna,
    ein gutes Neues Jahr wünsche ich Dir und freue mich, – endlich! – wieder von Dir zu lesen🙂. Und dass es keine Empfehlung ist, ist ja auch nicht sooo schlimm, es stehen noch genügend Ungelesene 2014er im Regal.
    Viele Grüße und einen schönen Sonntag, Claudia

    • Hallo Claudia,
      oh wie nett, danke für die Begrüßung! Auch dir ein frohes neues Jahr mit allem, was du dir wünschst! Ich hoffe, ihr habt eine richtig erholsame, schulfreie Zeit mit schöner Natur und Wanderungen in Südtirol verbracht! Nach 10 Tagen Teneriffa hat uns nun der Alltag wieder und ich stöbere durch die Blogs und hoffe, auf nicht allzu viel tolle Bücher aufmerksam gemacht zu werden🙂 Aber da machst du mir mit deiner Besprechung „Vielleicht Esther“ ja gleich wieder einen Strich durch die Rechnung. Klingt total gut, dabei wollte ich so gehypte Bücher doch jetzt gar nicht mehr lesen… Wie du schon sagst, auch hier steht noch viel rum, leider nicht nur aus 2014🙂
      Aber ich freue mich schon auf regen Austausch und gegenseitige Leseanregungen oder Warnungen bei dir und den anderen.
      Ich wünsche dir/euch noch einen schönen Sonntag! Liebe Grüße, Anna

      • Oh, Teneriffa! Da gab es ja bestimmt schon ganz viel Frühlingssonne! In Sürdtirol ist die Sonne auch ganz aktiv gewesen, es gab keinen Regen ganz unglaublich) und auf den hohen Bergen nur ganz wenig Schnee. Tagsüber fühlte es sich manchmal an wie im Herbst, aber wenn die Sonne flacher am Himmel stand, wurde es ganz schön kalt. Trotzdem: Wunderschön und soooo erholsam.- „Vielleicht Esther“ ist – im Unterschied zu anderen so vollmundig gelobten Büchern (dazu in den nächsten Wochen mehr) – zu recht so hochgelobt, finde ich wenigstens. – Und auf viele Tipps, Warnungen und Diskussionen freue ich mich auch, deshalb machte sich schon eine leise Sorge breit, weil es so lange so still auf buchposts Blog war.
        Viele Grüße, Claudia

      • Du machst mich richtig neugierig auf Südtirol, ich war noch nie dort, aber alle sagen, es sei dort wunderschön. Wer weiß, vielleicht kannst du ja mal ein Foto in eine Besprechung hineinmogeln? Ja, Teneriffa hat uns mit Sonne verwöhnt, auch wenn es davon abhing, wo man sich auf der Insel aufhielt. Auf dem Teide gab’s auch mal Schnee, und eine der Wanderungen haben wir bei 2 Grad begonnen, aber das wurde dann rasch wärmer🙂 Und es tat gut, den Kopf wirklich mal freizubekommen, nachdem ich die Herbstferien so vor mich hinkorrigiert hatte. Und so schön, wenn längere Blogpausen registriert werden! „Esther“ habe ich jetzt auf die Wunschliste gesetzt.
        LG, Anna

  3. Eine sehr schöne Rezension und da ich den Seethaler gerade kürzlich gelesen habe, bin ich ganz schön neugierig auf dieses Buch. Das wandert doch dann gleich mal auf meine Wunschliste😉
    Oh und happy happy New Year🙂

  4. Liebe Anna,

    danke für diese spannende Besprechung. Vor vielen Jahren habe ich mal „Theresas Sommer“ von der Autorin gelesen – das Buch gibt es mittlerweile nur noch gebraucht. Ich kann nicht behaupten, dass mir viel des Buches in Erinnerung geblieben ist. Auf die Wunschliste wandert dafür aber „A Tree in Brooklyn“ – das Buch klingt unheimlich spannend.

    Liebe Grüße
    Mara

    • Hallo Mara,
      ein frohes neues Jahr wünsche ich dir – natürlich mit vielen, vielen lohnenden Lesestunden, die wir – wie dein Artikel zu euren Urlaub auf Amrum ja sehr schön zeigt – an den richtigen Stellen unterbrechen muss, um um sich zu schauen und zu staunen über all das Schöne, das es auch außerhalb der Bücher gibt.
      Also, ich hab es jetzt auch nicht so eilig, noch etwas von der Autorin zu lesen. Das Buch war beileibe nicht schlecht, aber „A Tree grows in Brooklyn“ ist einfach um Längen lebensvoller, kräftiger, anrührender. Und man lernt noch etwas über die Einwanderer in Amerika zu Beginn des letztes Jahrhunderts. Bin gespannt, wie es dir gefallen wird.
      Liebe Grüße
      Anna

  5. Pingback: Die RABBIT-PENTALOGIE (1960-2001) // John Updike | bloglichter

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