Graham Swift: Last Orders (1996)

It aint like your regular sort of day. Bernie pulls me a pint and puts it in front of me. He looks at me, puzzled, with his loose, doggy face but he can tell I don’t want no chit-chat. That’s why I’m here, five minutes after opening, for a little silent pow-wow with a pint glass. He can see the black tie, though it’s four days since the funeral.

So beginnt der 1996 mit dem Booker Prize ausgezeichnete Roman des 1949 geborenen Engländers

Graham Swift: Last Orders (1996)

Das Buch wurde von Barbara Rojahn-Deyk ins Deutsche übersetzt und erschien unter dem Titel Letzte Runde.

Zum Inhalt

Jack Dodd, Metzger in London, ist also vor vier Tagen beerdigt worden. Im Alter von 68 ist er an Magenkrebs gestorben, und das kurz bevor er seinen Plan, in Rente zu gehen und mit seiner Frau Amy einen Bungalow in Margate am Meer zu kaufen, verwirklichen kann.

Neben seiner Witwe Amy hinterlässt er eine 50-jährige Tocher namens June und einen im Zweiten Weltkrieg adoptierten Stiefsohn namens Vince. Vince ist inzwischen auch schon 40 und hat sich als Autohändler selbstständig gemacht statt die Metzgerei zu übernehmen.

Jacks letzter Wunsch ist es nun, dass seine Asche im Meer bei Margate verstreut wird. Aus Gründen, die der Leser später erfahren wird, möchte Amy, seine Frau, nicht dabei sein. Stattdessen erklären sich Vince und Jacks Freunde aus Kriegszeiten und jahrzehntelange Trinkkumpane bereit, den Wunsch des Verstorbenen umzusetzen.

Der ganze Roman spielt an diesem einen Tag. Am Morgen treffen sich Vince und die alten Männer in ihrer Stammkneipe: Ray, dessen Ehe schon vor 25 Jahren gescheitert ist und dessen Tochter genauso lange schon in Australien lebt, Lenny, voll Wut über das, was das Leben ihm und seiner Tochter angetan hat, und Vic. Vic ist der einzige, der mit sich und seinem Beruf – als Bestatter – im Reinen ist.

In vielen Rückblenden aus der Sicht Amys oder einer der Männer setzt sich nun mosaikartig die Lebensgeschichte dieser Männer und ihrer Familien zusammen. Wir erfahren, wie die Familiengeschichten zusammenhängen, welche schuldhaften und z. T. unbewussten Verbindungen es da gibt und natürlich auch, welche Fortschritte die Männer auf ihrer Tour nach Margate machen. Vince hat dazu extra einen eleganten blauen Mercedes aus seinem Geschäft organisiert.

He thought he should give Jack the best. But it’s not so bad for us too, for Vic and Lenny and me, sitting up, alive and breathing. The world looks pretty good when you’re perched on cream leather and looking out at it through tinted electric windows, even the Old Kent Road looks good. (S. 17)

Die Männer bemühen sich um eine dem Anlass angemessene Ernsthaftigkeit. Sie möchten ihrem verstorbenen Freund Jack ein würdiges Geleit geben, ohne dabei so recht zu wissen, wie das gehen könnte, und alte Ressentiments und nie sauber geklärte Konflikte sorgen dafür, dass es keineswegs immer würdig zugeht. Und dabei ist die Frage, ob man nun die Urne mit in die Kneipe nimmt oder nicht, noch das kleinste Problem.

Auf halben Wege kommt es zu einer Prügelei, man kehrt in Kneipen ein und findet sich irgendwann völlig ungeplant – und durch die Prügelei verdreckt und zerschunden – in der Canterbury Cathedral wieder, die noch keiner der Männer zuvor besucht hat.

… and it’s like we’re all thinking we might have lived all our lives and never seen Canterbury Cathedral, it’s something Jack’s put right. (S. 193)

Dabei gelingt es Swift, das Ganze immer in einer tiefen Menschlichkeit zu verankern, die allen Fallen von Sentimentalität oder Klamauk aus dem Weg geht. Als Ray seinen Freund Jack kurz vor dessen Tod noch einmal im Krankenhaus besucht, fällt ihm auf:

He (Jack) ought to look less like himself but he doesn’t, he looks more like himself. It’s as if because his body’s packed up, everything’s gone into his face and though that’s changed, though it’s all hollow with the flesh hanging on it, it only makes the main thing show through better, like someone’s turned on a little light inside. (S. 34)

Natürlich gehen den Männern auf dieser Fahrt auch Gedanken an die eigenen Versäumnisse und großen Lebensfehler durch den Kopf, man ist traurig und wenn keiner der anderen hinschaut, fließen auch ein paar Tränen.

Fazit

Ich habe drei Anläufe gebraucht, um in dieses Buch hineinzukommen. Zunächst fand ich es anstrengend, die Namen und Beziehungen zwischen den Charakteren zu entwirren. Und wechselnden Erzählerstimmen stehe ich normalerweise eher skeptisch gegenüber.

Doch als erst einmal alles sortiert war, konnte ich mehr und mehr nachvollziehen, wieso das Buch viele  begeistert hat. Es ist warmherzig, lebensbejahend, unsentimental, schnoddrig, derb, melancholisch, witzig, ehrlich, fragend und weise. All die Puzzleteile setzen sich schließlich zu einem Puzzle des menschlichen Lebens zusammen. Die Männer können über das Wesentliche nicht oder nur in Andeutungen reden, doch wir, die Leser, dürfen ihre Gedanken belauschen. Und das ist große Literatur.

Anmerkungen

2001 wurde der Roman verfilmt.

Interessanterweise entspann sich ein Jahr nach der Veröffentlichung eine Debatte darüber, ob Swift sich bei seinem Plot in ungebührlicher Weise bei William Faulkners Buch As I lay Dying  (1930) bedient habe. Chris Blackhurst schrieb darüber im Independent.

Dieser Vorwurf wurde letztlich als haltlos verworfen. Wer dazu in die Tiefe gehen möchte, dem empfehle ich diesen Link.

Eine schöne Besprechung von Reiner Luyken gibt es in der ZEIT.

6 thoughts on “Graham Swift: Last Orders (1996)

  1. Liebe Anna, mir scheint, gerade eile ich dir literarisch hinterher. Vielleicht schlurfe ich auch eher. Der Graham Swift steht – in deutscher Übersetzung – schon eine Weile im Regal, deine Besprechung motiviert mich, ihn nun wirklich einmal zu lesen. Vorsatz: Wenn ich mit Sylvain Tessons Sibirischen Wäldern fertig bin. Bisher (nach zwei Tagebuch-Monaten) stimme ich deiner Rezension sehr zu.🙂

    • Hallo Maren,
      freut mich sehr, dass Swift nun auf der Leseliste ein bisschen höher platziert wurde. Gerade bei dem Buch ist wahrscheinlich auch die Frage nach der Übersetzung besonders interessant, da das Original so viel Umgangssprache enthält. Bin also gespannt, ob es dir auch gefallen wird. Und was für eine schöne leichtschwingende Formulierung „jemandem literarisch hinterherzueilen“, aber schlurfen klingt so nett gemütlich und entspannt. Vor allem klingt es selbstbestimmt! Ich muss mich manchmal ermahnen, dass Lesen ein Hobby ist und keine Pflichtveranstaltung, bei der ich möglichst viel „schaffen“ muss…
      Entspannte Grüße aus dem Dauerregen, Anna

  2. Pingback: BuchsaitenBlogparade 2015 | buchpost

  3. Pingback: Früher… | Entdecke England

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s