Giuseppe Tomasi di Lampedusa: Der Gattopardo (OA 1957; deutsche Erstausgabe 1959)

‚Nunc et in hora mortis nostrae. Amen.‘
Der tägliche Rosenkranz war zu Ende. Eine halbe Stunde lang hatte die ruhige Stimme des Fürsten an die schmerzlichen Mysterien erinnert; eine halbe Stunde lang hatten sich andere Stimmen zu einem wogenden Gemurmel verwoben, auf dem sich die goldenen Blumen ungewohnter Worte abhoben: Liebe, Jungfräulichkeit, Tod; und solange das Gemurmel andauerte, schien es, als hätte der Rokokosalon sein Aussehen verändert; sogar die auf den Seidentapeten ihre schillernden Flügel ausbreitenden Papageien wirkten eingeschüchtert; selbst die Magdalena zwischen den zwei Fenstern erschien wie eine Büßerin und nicht wie eine traumverlorene, üppige blonde Schöne, als die man sie sonst immer sah.

So beginnt einer der Klassiker der italienischen Literatur, der im Original 1957 – nach dem Tod des Autors – erschien und manchen vielleicht eher unter dem Titel Der Leopard bekannt ist.

2002 erschien eine Neuübersetzung von Giò Waeckerlin Induni, die sich auch für den geänderten Titel entschieden hat.

Giuseppe Tomasi di Lampedusa: Der Gattopardo (2002)

Einleitung

Die Geschichte beginnt 1860 und endet 1910. Der Autor, der aus einer der ältesten Adelsfamilien Siziliens stammt, bat vor seinem Tod einen befreundeten Baron, für die Veröffentlichung Sorge zu tragen, denn:

Mir scheint, daß der Text von gewissem Interesse ist, denn er zeigt einen adeligen Sizilianer an einem historischen Wendepunkt […], wie er darauf reagiert und wie sich der Niedergang der Familie bis zum fast gänzlichen Verfall zuspitzt; dies alles jedoch von innen gesehen, mit einer gewissen Mitbeteiligung des Autors und […] ohne jeglichen Haß. Überflüssig, besonders darauf hinzuweisen, daß es sich bei ‚Fürst Salina‘ um Fürst Lampedusa handelt, um meinen Urgroßvater Giulio Fabrizio…

Zum Inhalt

Die titelgebende Gestalt, Fürst Fabrizio Salina, ist klug, reflektiert, sinnlich und dabei passiv bis ins Mark.

Einerseits vom mütterlichen Ehrgeiz und verstandesmäßigem Denken getrieben, andererseits von der Sinnlichkeit und Leichtfertigkeit des Vaters, lebte der arme Fürst Fabrizio selbst unter Zeus‘ finsterem Blick in ständiger Unzufriedenheit und ließ den Niedergang seines Standes und seines Vermögens geschehen, ohne irgendwelcher Tätigkeit nachzugehen und noch viel weniger Lust verspürend, dem Abhilfe zu schaffen. (S. 15)

Salina mag seinen adoptierten Neffen Tancredi viel mehr als seine eigenen Söhne und bewundert ihn für dessen Fähigkeit zu erkennen, woher der politische Wind weht. Und so schließt sich Tancredi den Truppen um den italienischen Freiheitskämpfer Garibaldi an, um für ein vereintes, unabhängiges Italien zu kämpfen. Die Kampfhandlungen bilden jedoch nur eine Art Hintergrundmusik zur Geschichte.

Tancredi, der zunächst Concetta, der Tochter des Fürsten, Hoffnungen gemacht hat, entscheidet sich dann aber, mit voller Billigung Salinas, für Angelica, die wunderschöne junge Tochter des Bürgermeisters, die als einziges Kind eine beträchtliche Mitgift zu erwarten hat.

Wir lesen von Jagdausflügen, Bällen und den dort angebotenen Speisen – das kann schon mal zwei Seiten in Anspruch nehmen – oder vom riesigen Sommerpalast der Salinas, der so groß ist, dass selbst der Fürst nicht alle Zimmer kennt. Würde er sie alle kennen, wäre er keine angemessene Behausung. In diesem Sommerpalast tändeln Tancredi und Angelica glücklich und erwartungsfroh durch die Flure und Zimmer.

Tancredi wollte Angelica den ganzen Palast zeigen, in seinem unentwirrbaren Ganzen aus alten Gästeflügeln und neuen Gästeflügeln, aus Repräsentationsräumen, Küchen, Kapellen, Theatern, nach Leder duftenden Remisen, Stallungen, schwülen Treibhäusern, Durchgängen, Fluren, Wendeltreppen, Balkonen und Arkaden, und vor allem aus einer ganzen Reihe nicht mehr genutzter, seit Jahrzehnten nicht mehr betretener Appartements, die ein geheimnisvolles labyrinthisches Gewirr bildeten. (S. 203)

Die Armut im Dorf gehört zur von Gott gegebenen Ordnung, der man sich durch reichliche Almosen verpflichtet weiß. Doch die Zeichen der Zeit stehen auf Veränderung, der Einfluss des Bürgertums nimmt zu. Der Fürst sieht das skeptisch, nicht nur, weil die Macht seiner eigenen Schicht schwindet, sondern auch weil er nicht glaubt, dass das Neue irgendetwas verbessern wird. Gelder und geplante Maßnahmen wie neue Rohrleitungen für das Dorf werden in Korruption und Bürokratie versickern. Als es bei der Volksabstimmung im Dorf zur Unterschlagung der Neinstimmen kommt, ist dem Fürsten klar, dass schon jetzt, zu Beginn der ’neuen‘ Zeit, das junge Pflänzchen Vertrauen mit Füßen getreten wird. Kurzum: Ändern wird sich nichts. Das entspräche auch gar nicht der sizilianischen Mentalität.

Doch nicht nur der Einfluss solcher Familien wie der Salinas schwindet, sondern auch deren ehemals unvorstellbarer Reichtum. Man speist zwar noch von edelstem Geschirr,

die Teller jedoch, jeder mit einer berühmten Signatur versehen, waren bloß Überlebende der von den Spüljungen angerichteten Verheerungen und stammten aus verschiedenen Gedecken. (S. 26)

Man kann auch Concetta, der eigenen Tochter, keine Mitgift mitgeben, die Tancredi überzeugt hätte.

Selbst die Liebe zwischen Tancredi und Angelica, die von Anfang an nicht völlig uneigennützig ist, wird vom allwissenden Erzähler schon an ihrem ersten gemeinsamen Ball, auf dem Angelica in die gehobenen Kreise eingeführt wird, unter das Motiv der Vergänglichkeit gestellt:

Sie boten das ergreifendste Bild überhaupt, das von zwei sehr jungen verliebten Menschen, die zusammen tanzen, blind für die gegenseitigen Fehler, taub für die Warnungen des Schicksals, arme Träumer, die glauben, ihre künftiger Lebensweg sei wie der spiegelglatte Fliesenboden des Ballsaals, ahnungslose Darsteller, die der Regisseur die Rollen Julias und Romeos spielen läßt, jedoch die Gruft und das Gift vergißt, die im Drehbuch bereits vorgesehen sind. (S. 294)

Doch eines kann der Adel: Seine verfeinerten Sitten, wie sie sich z. B. in der Ess- und Gesprächskultur zeigen, dienen den nach oben strebenden Bürgern als Vorbild. So wird dem ungepflegten und ungehobelten Bürgermeister, dem Vater Angelicas, bewusst:

wie angenehm ein guterzogener Mensch sein kann, weil dieser im Grunde genommen nichts anderes ist als ein Mensch, der die immer störenden Elemente eines wesentlichen Teils des menschlichen Daseins beseitigt hat […]. Nach und nach begriff don Calogero, daß ein gemeinsames Essen nicht zwingend ein Orkan aus Kaugeräuschen und Fettflecken sein muss; daß ein Gespräch sich nicht wie das Gebelle raufender Hunde anhören muß; daß einer Frau den Vortritt zu gewähren ein Zeichen von Stärke ist und nicht, wie er geglaubt hatte, von Schwäche; daß man bei einem Gesprächspartner mehr erreicht, wenn man ‚Ich habe mich nicht klar ausgedrückt‘ sagt, anstatt ‚Du hast einen Dreck verstanden‘; und daß für den, der geschickt mit solchen Taktiken umzugehen versteht, Speisen, Frauen, Argumente und Gesprächspartner beträchtliche Zinsen abwerfen können. (S. 180)

Fazit

Hilfreich für das Verständnis des Romans ist es, wenn man sich ein wenig Hintergrundwissen über die Zeit des Risorgimento anliest.

Mein Leseeindruck ist zwiespältig: Sowohl Thematik als auch Sprache des Romans waren eines Klassikers würdig, viele detailverliebte Schilderungen, die wunderbare wogende Sprache und eine Reihe von Szenen werden mir in Erinnerung bleiben.

Eine Stunde später erwachte er [Fürst Salina] ausgeruht und munter und ging in den Garten hinunter. Die Sonne stand bereits tief am Horizont, und da nun ihre Strahlen die Anmaßung abgelegt hatten, tauchten sie die Araukarien, die Pinien, die kräftigen Steineichen, die den Ruhm des Ortes ausmachten, in liebliches Licht. Die Hauptallee führte zwischen den anonymen Büsten nasenloser Göttinnen einrahmenden hohen Lorbeerhecken leicht abwärts; von zuhinterst hörte man den sanften Regen der Wasserfontänen, die in das Becken von Amphitrites Brunnen rieselten. Er lenkte den Schritt dorthin, eilig, begierig auf das Wiedersehen. Aus den Konchen der Tritonen, aus den Muscheln der Nereiden, aus den Nüstern der Meeresungeheuer ausgespien, schossen die Wasser in dünnen Fäden hervor, tüpfelten mit stechendem Plätschern die grünliche Oberfläche des Beckens, verursachten Aufspritzen, Blasen, Wellen, Erschauern, anmutige Wirbel; den lauen Wassern, den mit samtenen Moos überzogenenen Steinen, dem ganzen Brunnen entströmte die Verheißung einer Lust, die sich nie in Schmerz wandeln würde.

Interessant war die Person des Hausgeistlichen Pater Pirrone, eines Jesuiten, der ständig seine Rollen als Geistlicher, als Beichtvater, und gleichzeitig als komplett Abhängiger von seinem Fürsten ausbalancieren muss. Er kommt, wenig überraschend, zu dem Ergebnis:

Die vornehmen Herren waren zurückhaltend und unergründlich, die Bauern deutlich und klar; doch der Dämon wickelte sie um den kleinen Finger, die einen wie die anderen. (S. 274)

Und doch krankte das Buch – für mich – an einem großen Makel: Die Personen bleiben mir gleichgültig. Das lag nicht nur daran, dass hier einem Lebensstil, der auf der jahrhundertelangen Ausbeutung und Unterdrückung von anderen beruht, ein wehmütiger Abgesang gesungen wird. Letztlich wird angedeutet, dass auch die neue Gesellschaftsform nicht besser sein wird. Die Hauptfiguren blieben einem fern, so als habe der Fürst Salina eines seiner Instrumente in seinem Observatorium falsch herum gehalten. Ich habe das Schicksal der Fürstenfamilie ungefähr mit der Anteilnahme verfolgt, mit der ich die Gebrauchsanweisung für eine neue Spülmaschine lesen würde.

Was aber seltsamerweise dem Gedanken, das Buch irgendwann noch einmal zu lesen, keinen Abbruch tut…

Anmerkungen

Auf Deutschlandfunk gibt es einen längeren Artikel.

In diesem Fall empfehle ich bei Interesse auch den Wikipedia-Artikel zum Roman, der u. a. auf die wichtige Bedeutungsverschiebung in der Neuübersetzung des Titels eingeht.

1963 wurde der Roman von Visconti mit Burt Lancaster, Claudia Cardinale und Alain Delon verfilmt. Toskana 2004 (53)

14 thoughts on “Giuseppe Tomasi di Lampedusa: Der Gattopardo (OA 1957; deutsche Erstausgabe 1959)

  1. Liebe Anna,
    wie schön, mal wieder von dir zu lesen und zu hören – und dann noch von einem Ausflug in das „alte“ Sizilien. Du schreibst ja, dass Dir die Personen so fern bleiben, Du gar kein Mitgefühl entwickeln konntest. Spontan wollte ich dazu sagen, dass es vielleicht an der fernen Zeit und den fernen Lebensbedingungen liegen mag, dass sich so gar kein Beziehung herstellt. Aber das stimmt ja auch nicht, andere „alte“ und kulturell ferner liegende Figuren und Handlungen nehmen uns ja doch gefangen.
    Viele Grüße, Claudia

    • Hallo Claudia,
      ja, hier ist es zur Zeit recht ruhig. Ich nehme jede Winterinfektion mit, die hier so vorbeischaut …. Da hast du recht, es liegt nicht an Zeit oder Lebensbedingungen, die Personen bleiben ganz in sich. Eben wie von weit weg betrachtet. Auch dir liebe Grüße, Anna

      • So langsam wird es aber Frühling – und dann verziehen sich die blöden Infektionen. Bestimmt! Und dieses Jahr waren sie wirklich klein, fies und gemein. Aber wenn jetzt die Sonne erst einmal kommt und es wärmer wird, dann werden wir alle ruck-zuck gesunden!

  2. Liebe Anna,
    als ich sah, dass Du Dich dieses Romans annahmst, habe ich mich richtig gefreut – ich selbst habe ihn damals beim Lesen schon sehr genossen,. Wie schade, dass Du nicht „warm“ werden konntest mit dem heißen Sizilien. Vielleicht hat das Buch Dich auch zur falschen Zeit erwischt (hoffe ich). Ich fand gerade diese Apathie, die eine Klasse, die sich überlebt hat und auch weiß, dass sie keine Zukunft haben wird, sehr gut getroffen – als Zeugnis des Niedergangs des Adeltums finde ich das Buch sehr, sehr gut. Letztendlich ist der Leopard doch ein zahnloser Tiger…oder auch Rilkes Panther, der nur noch wie ein Gefangener herumstreifen kann in seinem Palazzo.
    Und: Ich liebe die Verfilmung…schmachte jeweils Alaing und Bört an.

    • Hallo Birgit, vielleicht muss ich meine Besprechung noch mal überarbeiten. Denn letztlich habe ich das Buch gern gelesen. Auch als Zeugnis einer sich überlebt habenden Klasse, auch die Sprache, oft ein Traum, aber die Personen, ja, die blieben mir trotzdem fern. Also höchste Zeit, mich mal meinen eklatanten Filmlücken zu widmen. Vielleicht klappt es dann ja mit den Personen, und Alaing und Bört (:-)) sind sowieso cool, leider hat Delon so seltsame politische Ansichten, aber das ist dann wirklich eine andere Geschichte. LG, Anna

      • Liebe Anna,
        es ist vielleicht Dein letzter Satz mit der Spülmaschine, der die positive Einschätzung zu Sprache etc. so überlagert – ich habe das auf den Gesamteindruck übertragen, den du vom Buch haben könntest. Wenn es sich nur um die Figuren handelt – ja, die bleiben einem fern, weil man ja auch ihre Erstarrung schlecht nachvollziehen kann (übrigens ein häufiges literarisches Thema – erstarrte überkommene Adelsklasse via den zwar dumpfen, aber umso tatkräftiger auftretenden Faschisten). Und das Sizilien dieser Zeit – so richtig archaisch – kommt ja schon sehr plastisch rüber. Von den politischen Ansichten des Delong weiß ich gar nichts – ist er LePöng? – aber: jetzt (also heute) ist er ja auch nicht mehr beau. Schönen Abend noch! Birgit

      • Hallo Birgit,
        gut, dass mit der Spülmaschine ist nicht nett, aber deutlich🙂 Diese Erstarrung, man möchte sie schütteln …
        Deine Vermutung stimmt, soweit Wikipedia da auf dem Laufenden ist, Delon ist ziemlich LePöng. LG, Anna

      • Birgit, da musste ich doch glatt kurz überlegen, was du mir mitteilen möchtest, und dann habe ich innerlich losgeprustet, als ich deinen besorgten Hinweis auf meinen kreativen Objektwechsel kapiert habe. Ich wollte eigentlich die Personen schütteln, weniger die Spülmaschine, und damit das klar ist, ich will auch niemanden IN der Maschine schütteln, versprochen. Das kommt dabei raus, wenn man mit Antibiotika gedopt, auf Kommentare antwortet. Zssszse.

      • Antibiotika? Oh, da schüttelt es mich gleich. Hoffentlich geht es Dir bald besser! Aber Lachen und Prusten soll ja helfen🙂 So, ich werf jetzt mal meine Bücher in die Waschmaschine und drück den Rüttelgang am Spüler🙂

    • Hallo Charlotte,
      dass du faul bist, mag ich nicht ganz glauben🙂. Und ich kenne den Film noch nicht, werde jetzt aber mal Ausschau halten. Auch dir liebe Grüße und Freude am weiteren Werkeln und Feinmachen eures Hauses. Und gönnt euch genügend Erholung und Ruhepausen. Liebe Grüße, Anna

  3. Pingback: Andy Miller: The Year of Reading Dangerously (2014) | buchpost

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