Lydia Tschukowskaja: Untertauchen (OA 1947; erste deutsche Ausgabe 1975)

Und nun war ich zu Hause. Aus dem Salon kam das tiefe, melodische Schlagen einer Uhr, und gleich darauf setzte das regelmäßige und emsige Tuckern des Generators ein. Endlich werde ich allein in einem Zimmer wohnen, zum ersten Mal seit dem Krieg. Wie zu Hause, in Leningrad. An einem Schreibtisch sitzen, den ich nicht dreimal am Tag in einen Eßtisch verwandeln muß. In der Stille arbeiten. Und der Gedanke oder der Einfall werden durch das Gerede in der Küche nicht überfahren, nicht verstümmelt … […] Zwischen diesen fremden Wänden kann ich zu mir kommen, mir selbst gegenübertreten. Aber offenbar steht mir keine ganz einfache Begegnung bevor, denn von Anfang an versuche ich, ihr auszuweichen. (S. 8/9)

So lernen wir die Ich-Erzählerin kennen, die uns auf gerade einmal 186 Seiten einen berührenden Einblick in die russische Gesellschaft von 1949 gibt:

Lydia Tschukowskaja: Untertauchen (1975)

Zunächst erschien der Roman in der Übersetzung von Swetlana Geier im Diogenes Verlag. Im Januar 2015 brachte der Dörlemann Verlag eine Neuausgabe heraus.

Zum Inhalt

Nina Sergejewna, Übersetzerin und Schriftstellerin, verbringt 1949 26 Tage in einem Erholungsheim für Schriftsteller, Journalisten und andere Künstler.

Hier also wird die Begegnung stattfinden. In Anwesenheit dieses Tisches, dieser dunklen Vorhänge und der weißen Gardinen vor dem Fenster, naiv wie die Tannenbäumchen dahinter. (S. 10)

Neben den ärztlichen Anwendungen bleibt genügend Zeit für ihre offizielle Übersetzertätigkeit und das heimliche Schreiben ihrer Erinnerungen, das nur im Zustand des „Untertauchens“ möglich ist. Dabei kreist ihr Schreiben immer auch um die Frage, wie man leben kann angesichts der Erinnerungen und Träume, die einen verfolgen.

Sie macht ausgedehnte Spaziergänge in der verschneiten Landschaft und es kommt zum vorsichtigen Kennenlernen und Abtasten der anderen Gäste. Immer ist da die Hoffnung, irgendwo Geistesverwandte, ja Bruderschaft im Menschlichen zu finden.

Viele haben Grauenhaftes während der letzten 16 Jahre erlebt und gehen nun ganz unterschiedlich mit den Traumata und Verlusterfahrungen um. Da ist ein Jude, dessen Kinder von den Nazis „verbrannt“ wurden, da ist Bilibin, ein Schriftsteller, der während seiner Lagerhaft herzkrank geworden ist.

Aber auch Nina selbst wird immer wieder von bösen Träumen heimgesucht, seitdem ihr Mann 1933 verhaftet und angeblich zu zehn Jahren Lagerhaft „ohne Briefkontakt“ verurteilt wurde. Seitdem hat sie nie wieder etwas von ihm gehört. Sie dürstet nach Wissen darüber, was mit ihm geschehen ist, nach einer Grabstelle, an der sie trauern könnte. Doch die Behörden sind ein kafkesker Alptraum an Unmenschlichkeit und verweigern jegliche Auskunft.

Die erholungssuchenden Gäste tauschen sich aus, doch Nina muss sich eingestehen, dass auch Künstler ganz unterschiedlich auf die Bedrohungen durch Zensur, ideologische Gängelung und Diktatur reagieren.

Diesen Verwundungen setzt sie die Sprache, die Lyrik entgegen. Aber auch der Wald, die verschneite Landschaft tun ihr wohl.

Fazit

Tschukowskaja verarbeitet hier eigene Erfahrungen, wie den tragischen Verlust ihres Ehemannes Bronstein, eines brillanten Physikers, der dem stalinistischen Terror zum Opfer fiel.

Entstanden ist eine Geschichte, die von einer feinen, nicht korrumpierten, dabei zerbrechlichen Erzählerin erzählt wird, die weiß, dass auch diese Ruhepause – wie alles andere auch – zu Ende gehen wird.

Dem Leser kommen sowohl die nicht heilenden Wunden des Terrors als auch der Trost der Natur, die Hoffnung auf eine wahrhaftige Sprache ganz nahe. Eine Sprache, wie sie sie in den Gedichten der von ihr geliebten Lyriker findet, dem inneren Kern, der von Zensur und Diktatur unbeschmutzt ist und sich weigert, Lügen zu erzählen.

Kommt die Liebe zu einem Dichter, die Abneigung oder die Indifferenz ihm gegenüber nicht aus der Tiefe unserer Seele, ist dies alles etwa ein bloßer Zufall? Verläuft hier nicht eine Wasserscheide, eine Grenze? Gibt es einen besseren Maßstab für Sympathie und Antipathie, für Nähe und Ferne als die Beziehung zu einem Gedicht und zu der einzelnen Zeile in diesem Gedicht? (S. 54)

Claus-Ulrich Bielefeld schreibt im Kulturradio: „Untertauchen zeichnet ein abgrundtief dunkles Porträt des ‚Jahrhunderts der Wölfe‘ (Nadeschda Mandelstam). Dennoch, und das ist das Paradox großer Literatur, geht von diesem Buch ein helles Licht aus, es ergreift durch seine radikale Humanität.“

Anmerkungen

Die Autorin hat an dem Roman zwischen 1949 und 1957 geschrieben. Doch erscheinen durfte er in der Sowjetunion erst 1988. Nachdem 1972 eine Ausgabe in Amerika erschien, wurde Tschukowskaja 1974 aus dem russischen Schriftstellerverband ausgeschlossen.

Und hier gibt es weitere Besprechungen:

10 thoughts on “Lydia Tschukowskaja: Untertauchen (OA 1947; erste deutsche Ausgabe 1975)

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