Hans Sahl: Die Wenigen und die Vielen (1959)

Ich bin kein Held. Ich habe Angst vor Ratten und vor Schlangen. Ich gehe ungern durch einen dunklen Wald. Ich liebe es nicht, mißhandelt zu werden. Schlachtenlärm und Weltuntergänge sowie alle historischen Ereignisse, die sich geräuschvoll abspielen, sind mir unsympathisch. Ich liebe Bücher und Bilder, gute Musik und gute Weine. Ich esse gern gut. Ich lebe gern bequem. Unter normalen Umständen wäre ich gewiß ein nützliches Mitglied der Gesellschaft geworden.

Mit diesen fulminanten Sätzen beginnt das erste Kapitel des einzigen Romans von

Hans Sahl: Die Wenigen und die Vielen (1959)

Der Roman wurde 2010 im Luchterhand Verlag neu aufgelegt.

Zum Autor

Sahl (1902 – 1993) war während der Weimarer Republik ein wichtiger Literatur- und Theaterkritiker. Bereits 1933 emigrierte er über Prag nach Paris. Zunächst politisch links orientiert, verweigerte er sich schließlich dem Stalinismus, was ihn viele Freundschaften kostete. Nach einem längeren Aufenthalt in Marseille gelang ihm 1941 die Flucht nach Amerika.

Zum Inhalt

Das stark autobiografisch geprägte Buch Die Wenigen und die Vielen schildert in der Rahmenhandlung, wie sich Sahls literarisches Alter Ego Georg Kobbe 1941 ziellos durch die Straßen New Yorks treiben lässt. Dabei trifft Kobbe andere Emigranten, besucht seine ebenfalls emigrierte Schwester oder kommunistische Exilantenzirkel, versucht zu schreiben und wartet auf das Ende des Krieges.

In langen Rückblenden erzählt er seine Geschichte, die ohne den Terror und den von den Nationalsozialisten herbeigeführten Weltuntergang ja völlig anders verlaufen wäre. Kobbe erinnert sich an seine Kindheit in einem wohlhabenden jüdischen Milieu und den späteren Bruch mit seinem Vater, der ihm eine Schriftstellerexistenz verbieten will.

Die Welt war ein Taschentuch, das man zusammenlegen und auseinanderfalten und in Dreispitze, Königskronen, in Gebirgszacken und schneebedeckte Abhänge verwandeln konnte. Die Welt, das war auch das Badewasser, das zum Meer wurde, wenn man so tief lag, daß die Augen gerade über den Wasserspiegel sahen wie zwei untergehende Sonnen. Dann schlugen haushohe Wellen, Brandung wälzte sich heran, überschwemmte Mund, Nasenlöcher und Seifennapf, der wie ein Landungssteg an die Wann geklebt war, und Meeresungeheuer erhoben sich aus der Tiefe in Form von Knien, Zehen, Ellbogen und Handgelenken. Die Welt, das war auch all das, was man selbst nicht war, ein Tisch, ein Schrank, eine geputzte Messingklinke am Sonntag […] Die Welt, das war der Stuhl, in dem mein Vater am Abend zu sitzen und die Zeitung zu lesen pflegte. (S. 52)

Genauso setzt er sich aber auch mit dem deutsch-jüdischen Bürgertum auseinander, das sich das, was da noch kommen sollte, den Zusammenbruch jeglicher zivilisatorischer Normen, buchstäblich nicht vorstellen konnte, und sinniert über die Gründe für den Aufstieg der brauen Horden, die ihn schließlich auf ihre schwarzen Liste setzen.

Der einzelne hat aufgehört, für sich selbst zu denken. Er ruft nach der Gefangenschaft wie ein Verdurstender nach Wasser. Glücklich, einer Verantwortung enthoben zu sein, die ihnen längst aus der Hand genommen worden war, pflastern sie den Weg, auf dem der Eroberer einzieht, mit ihren Leibern, wollüstig die Schmach auskostend, erobert zu sein, Wachs, das darauf wartet, geformt und zu Stahl und Zement umgegossen zu werden. (S. 121)

Es liegt eine große Verführung darin, das Verbotene zur Staatsreligion zu erheben. Zwei Jahrtausende Christentum haben den Menschen gelehrt, sein schlechtes Gewissen mit Anstand zu verbergen. Jetzt fordert man ihn auf, sich öffentlich dazu zu bekennen. Sei schlecht, sagt man ihm, koste den Rausch der Schlechtigkeit aus, der uns zu Brüdern macht. Wie? Man hat dich gelehrt, du sollst nicht töten? Töte! Hier ist das Messer. Wir zeigen dir, wie es gemacht wird. Wir sind eine große Horde. […] Wie? man hat dir gesagt, daß die Leiden der anderen auch deine Leiden sind? Hier ist ein Mensch. Er ist schwächer als du. Er kann sich nicht wehren. Schlage ihn. Du wirst sehen, daß es schön ist, einen Menschen zu schlagen, der sich nicht wehren kann. Wir haben den Mut, unseren geheimen Neigungen zu leben. Wir sagen: Hasse deinen Nächsten wie dich selbst und sei unbesorgt – wir stehen hinter dir, wir schützen dich. […] Hast du nie davon geträumt, grausam zu sein um der Grausamkeit willen, zu verhöhnen, was du gestern angebetet hast? Dies alles bieten wir dir. Schlag ein. Es lohnt sich. (S. 123)

Menschen brauchen ein Ideal, um mit gutem Gewissen morden zu können. (S. 85)

Es folgen die Etappen seiner Flucht: Prag, Amsterdam, Paris, die Internierung, der grauenhafte Marsch bis nach Marseille, wo er auf Varian Fry trifft und vom Emergency Rescue Committee unterstützt wird, schließlich die Flucht nach Lissabon und die Schifffahrt nach New York.

Dann wieder schildert Kobbe den Abschied von seiner alten Mutter, die in Berlin zurückbleibt:

Sie hatte sich damit abgefunden. Sie machte keine Szenen mehr. Sie war ausgesetzt in diese Zeit, der sie sich mit Anstand gewachsen zeigen mußte. Niemand half ihr dabei. Niemand sagte ihr, was sie zu tun hatte. Sie mußte es selber wissen. Sie mußte ganz allein damit fertig werden. Sie mußte wissen, warum jetzt Menschen mit Holzlatten aufeinander losschlugen, warum man Herren aus guter Familie, mit deren Eltern sie noch zur Schule gegangen war, aus dem Fenster warf, warum dieser oder jener verschwand und warum ich jetzt verschwinden mußte. Es ging alles so schnell. Man hatte keine Zeit, es ihr zu erklären. Man erwartete von ihr, daß sie es von selbst verstehen würde. Ja, wir hatten sie gut erzogen. Wir erlaubten ihr nicht, sich an jene Zeit zu erinnern, da sie sich mit Schuberts ‚Wanderer‘ das Herz meines Vaters erobert hatte. (S. 162)

Er streift das Schicksal vieler Weggefährten, hinter denen man – wenn auch unter anderen Namen – unschwer Dichter wie Brecht und Roth erkennen kann. Kobbe versucht, sich seiner selbst zu vergewissern und das Gefühl fortwährender Fremdheit zu ergründen, das ihn auch nach Jahren in der amerikanischen Großstadt nicht verlässt. Ja, er fühlt sich selbst eher wie eine Romanfigur, der der eigene Sinn abhanden gekommen ist.

Kobbe erinnert sich an den Hunger in Paris, als man endgültig kein Geld mehr und kaum noch Kraft hatte, Treppen zu steigen, und an die zahlreichen lebensbedrohlichen Situationen, denen man ausgesetzt war, obwohl man doch ein Mensch des zivilisierten zwanzigsten Jahrhunderts war, dem die Eltern beigebracht hatten, mit Gabel und Messer zu essen, vor älteren Damen aufzustehen und den anderen ausreden zu lassen.

Wir nehmen Anteil an seinen Gedanken nach dem Warum und Wohin, den Fragen nach der Natur des Menschen und nach dem Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft und an seiner äußeren und inneren Heimatlosigkeit.

Fazit

Der Roman wird von diversen Kritikern als ein Hauptwerk der Exilliteratur angesehen. Zunächst ging es mir wie Mara, die kürzlich über ihr Problem, Lektüren abzubrechen, nachgedacht hat, und ich fand keinen Zugang zu dem Patchworkartigen, dem Hin- und Herspringen in der Chronologie, dem Wechsel der Perspektiven und Textsorten und vor allem die nüchterne Erzählweise sorgte für eine Distanzierung meinerseits.

Vielleicht ist es genau diese Gemengelage, die Sahl dazu bewog, seinem Buch den Untertitel Roman einer Zeit zu geben, denn gerade das Fragmentarische, das Unzusammen-hängende und das Zersplitterte ist wohl das Zeittypische und das Charakteristikum dieser Biografie. Nur muss man sich als Leser auf diese Sprünge einlassen und Aufmerksamkeit mitbringen, damit man den heimlichen Faden nicht verliert. Ich brauchte einen zweiten Anlauf, bis mich das Buch am Wickel hatte, dann aber richtig. Wow, was für ein Buch!

Es ist ohne Frage literaturgeschichtlich wichtig, aber auch erhellend, interessant und spannend, schildert es doch beispielhaft, was das eigentlich bedeutet, seine Heimat unfreiwillig hinter sich zu lassen:

Ich war allein. Wahrscheinlich ging es jetzt jedem so. Deutschland war ein feindliches Land geworden. Man war aus Versehen hinter die feindlichen Linien geraten und mußte sehen, wie man wieder herauskam. Es war nichts Heroisches an diesem Unternehmen. Es war kein von langer Hand vorbereitetes Abschiednehmen von den ‚Stätten der Kindheit‘. Man nahm ganz einfach seinen Hut und ging hinaus und wußte nicht, wann man wiederkommen würde. Vielleicht in zwei Stunden, oder in zwei Jahren, oder nie mehr, die Hauptsache war, daß es einem gelang, unbemerkt das Haus zu verlassen, einen Zug zu besteigen und die Grenze zu überschreiten. Alles andere war Nebensache. (S. 156)

Oft ist die Erzählweise nüchtern, ja geradezu lakonisch, was Kobbe auf die Erfahrungen zurückführt, die die Emigranten gemacht haben. Als der Erzähler während seiner Spaziergänge durch New York zufällig einen Bekannten aus Deutschland trifft, heißt es:

‚Wann sind Sie angekommen?‘ fragte Kobbe.
‚Vor sechs Monaten.‘
Kobbe fragte nicht weiter. Man hatte längst aufgehört, sich nach Einzelheiten zu erkundigen. Der eine war über Martinique, der andere über Lissabon gekommen; sonst war alles so ziemlich dasselbe. Lager, Flucht, falsche Pässe, der schmale Gebirgspfad über die Grenze, der Kampf um den Schiffsplatz – man konnte die einzelnen Etappen schon wie einen Rosenkranz herunterbeten. Individuelle Abweichungen verloren bei dieser Massenflucht an Interesse. Selbst die Todesangst wurde zum abgenutzten Gesprächsthema, das keinen Zuhörer mehr fesselte. Man lebte, man war da – das genügte. Wer nicht da war, hatte Pech gehabt. Im übrigen fingen die Schwierigkeiten erst an, wenn man überlebt hatte. (S. 23)

Immer wieder gab es Stellen, die ich am liebsten seitenlang zitieren würde, und die ersten Seiten waren mit die beeindruckendsten, die ich je an einem Buchanfang gelesen habe, auch wenn dieses messerscharfe, auf den Punkt genaue Formulieren, dieses geradezu Unerbittliche nicht auf Dauer durchgehalten werden kann.

Dem Erzähler gelingt es, all die vielen Facetten des Grauens und des Unfasslichen, das Traurige und die Auflösung der Selbstverständlichkeiten mit seinen Worten zu fassen. Ich bin froh, bei diesem Buch einen zweiten Anlauf unternommen zu haben. Es hat sich gelohnt.

Abschließend noch ein Zitat, das überall da gilt, wo das Recht mit Füßen getreten wird:

… und schlug dem anderen mit einer Holzlatte über den Kopf. Der andere bettelte: ‚Laß mich gehen. Ich habe dir nichts getan.‘ Der Stärkere lachte. Im ganzen Land wurde jetzt der Stärkere gegen den Schwächeren ausgespielt. Dieser hier spürte seine neue Macht und kostete sie aus. Zuerst hatte er nur im Scherz nach der Holzlatte gegriffen. Aber dann war da etwas in dem Gesicht des andern, das ihn aufbrachte, ein leiser, menschlicher Zug um den Mund, etwas, das er kannte, das nach Angst aussah – und Angst – das war man selber – Angst mußte totgeschlagen werden. (S. 92)

Anmerkung

Hier geht’s lang zu weiteren Besprechungen:

IMG_0347Mater Dolorosa, Pietro Torrigiani zugeschrieben, Anfang des 16. Jahrhunderts (eigene Aufnahme)

16 thoughts on “Hans Sahl: Die Wenigen und die Vielen (1959)

  1. Die Sprache ist ja einzigartig bildlich, zum darin Versinken schön. Aber es gibt Bücher, da ist man beim Lesen hin- und hergerissen zwischen nicht aufhören können und weglegen wollen. Ich gehöre auch eher zu denen, die ein Buch zu Ende lesen müssen. Wenn ich es also einmal angefangen habe, dann kämpfe ich mich auch bis zum Ende durch. Ich wähle aber vorher immer sehr genau aus und nutze auch gern die Möglichkeit der Leseproben, wenn mich ein Titel oder ein Autor reizen, obwohl auch das kein Garant dafür ist, dass man das Buch am Ende mit einem schönen Gefühl zuschlägt. Aber um auf das hier von Dir rezensierte zurückzukommen, bei manchen Büchern lohnt es sich wirklich, bis zum Ende durchzuhalten. Dieses scheint ein solches zu sein. Ich hab’s mir mal notiert.
    Liebe Grüße und einen schönen Sonntag wünscht die Silberdistel

    • Ich breche Bücher auch ganz ungern ab, tue es aber häufiger als früher. Ich muss nur für mich formulieren können, was mich zum Abbruch bringt. Meine Auswahl findet aber auch etwas spontaner statt, Leseproben nutze ich nie.🙂 Freut mich, wenn die Besprechung dich neugierig machen konnte. Inzwischen denke ich, dass es an mir lag, dass ich zunächst nicht in das Buch reinfand. Vielleicht war ich zu unkonzentriert, zu sehr auf einfachen Konsum aus. Dabei liest sich das Buch gar nicht schwierig. Beim zweiten Anlauf konnte ich es dann kaum aus der Hand legen. Auch dir einen schönen Sonntag.

  2. Ich habe das Buch vor x Jahren gelesen, es steht ziemlich zerfleddert als Taschenbuchausgabe in meinem Regal: Was etwas heißt, denn ich wohne in einer sehr kleinen Wohnung und die Regale ragen keineswegs unter die fast vier Meter hohe Decke: will sagen, da wird oft ausgedünnt und weggeschenkt. Neulich war wieder so eine Aktion und ich dachte, Hans Sahl unbedingt noch einmal lesen zu wollen. Danke für den Anstoß!

  3. Sehr schöne und interessante Rezi, bis jetzt ist mir das Buch entgangen, danke für den Tipp. Hans Sahl „Das Exil im Exil“ und den Vorgänger „Memoiren eines Moralisten“kennst Du sicherlich schon. Vor allem ersteres passt sehr gut zum Varian – Fry – Komplex.
    Sahl legt durchaus einen etwas distanzierten Blick auf die damalige Exilantenszene an den Tag, alles in allem aber sehr interessant.
    lg_eab

    • Es ist tatsächlich das erste Buch, das ich von Sahl lese. Danke für die anderen Titel. Nachdem ich nun drei Bücher, die sich mit dem Exil beschäftigen, relativ dicht hintereinander gelesen habe, werde ich wohl bei den nächsten Büchern mal wieder in andere Gefilde schweifen, auch wenn es faszinierend ist, wenn sich Bücher wie Puzzleteile nahtlos aneinander fügen und quasi ein neues Bild ergeben… Aber Sahl bleibt auf der Endlosliste. LG, Anna

      • Ja, besser ist es manchmal das Thema zu wechseln, man kommt vom hundertsten in tausende und verrennt sich dann allzu oft. Vor ca. 1/4 Jhd las ich vieles über die damaligen Exilanten. Eine Reise nach Frankreich auf deren Spuren war dann der Abschluss. Aber die Erinnerung verblasst mittlerweile, leider.
        Schöne Zeit.
        eab

  4. Ja, es kann sich dann ein Sog entwickeln, der sich irgendwie verselbständigt. Und dann gilt es abzuwägen, ist mir das Thema tatsächlich so wichtig, dass ich mich noch weiter hineinvertiefen möchte? Wie interessant, dass du diesen Bereich sogar als Leitfaden für eine Reise gewählt hast! Ich kenne das nur umgekehrt. Ich bin irgendwo und möchte dann etwas lesen, was zu dieser Landschaft, diesem Land gehört … LG, Anna

  5. Liebe Anna,
    die Zitate, die Du uns hier zu lesen gibst, sind wirklich sehr beeindruckend. Da kann ich verstehen, dass Dich die ersten Seiten gepackt haben und Du gerne seitenlang zitiert hättest. Alleine die Zitate schaffen es, eine ganz bestimmte Atmnosphäre zu schaffen. Und wie gut, dass Du beim Lesen durchgehalten hast und auch so eine gut passende Erklärung für die zersplitterte Art des Romans gefunden hast.
    Viele Grüße, Claudia

    • Hallo Claudia, im Nachhinein bin ich sicher, dass es in diesem Fall wirklich an mir und nicht an dem Buch lag, dass ich beim ersten Versuch gescheitert bin. Und ja, manche Stellen, da habe ich auch gedacht, da hat der Autor die bestmögliche Formulierung gefunden. Mal schauen, ob ich irgendwann noch mehr von Sahl lese. Es gibt so vieles … Einen guten Wochen (Schul?-)Einstieg! LG, Anna

  6. Pingback: BuchsaitenBlogparade 2015 | buchpost

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s