Geert Mak: Amsterdam: A brief life of the city (1994)

The people who lived through Amsterdam’s history have vanished. Nobody can tell their stories; nevertheless, dumb witnesses to what happened still exist in their thousands. Time and again small fragments are released from this silent archive. Beneath the foundations of an old house in the Warmoesstraat, next to the red-light district of the Oudekerksplein, building workers found a barely deteriorated layer of fourteenth-century cow dung and straw, and a pair of bone skates, remnants of the time when the Warmoesstraat was still a dyke, and Amsterdam a little village on the IJ. […] Again, by the Herengracht, […] excavations for a new bank laid bare a bizarre combination of objects: the lower beams of an old mill; a silver medallion bearing a rose-shaped cameo; several skeletons in almost totally disintegrated coffins; a horn ointment press; smelling bottles […] a mediaval stone wall lamp; a single lady’s shoe. The builders had chanced upon the site of the provisional pesthouse from the seventeenth century; a place where thousands of victims of the Black Death spent their last days.

Mit diesem Zitat von Seite 1/2 bekommen wir schon einen guten Eindruck von dem wunderbaren Reiseführer in die Geschichte Amsterdams von

Geert Mak: Amsterdam: A brief life of the city (1994)

Die englischsprachige Übersetzung stammt von Philipp Blom. Die deutsche Ausgabe mit dem Titel Amsterdam: Biografie einer Stadt, übersetzt von Isabelle de Keghel, erschien im btb Verlag.

Zum Inhalt

Eine großartige Reise in die Geschichte und Kultur einer wunderschönen Stadt. Mak, der mich schon mit Das Jahrhundert meines Vaters begeistert hat, zeichnet hier auf 338 Seiten die Entwicklung Amsterdams nach. Dazu benutzt er u. a. Tagebuchaufzeichnungen eines Mönchs aus dem 16. Jahrhundert, archäologische Funde, Recherchen in Archiven und Interviews.

Er geht ein auf die Anfänge als kleines Dorf:

When all is said and done, Amsterdam was an impossible city. Everything that was built sank into the mud, especially in later centuries when the harbour could only be reached by a complicated route made more difficult by sandbanks and headwinds. (S. 20)

Wir erleben die Bedeutung der Religion in der Stadt und den allmählichen Siegeszug der Reformation:

In the year 1500, Amsterdam had no fewer than 20 convents and monasteries, roughly one for every 500 inhabitants. (S. 44)

Und dieses Dorf steigt zu einer europäischen Großmacht auf, die die Meere und den Handel, u. a. mit Sklaven, beherrscht, sodass man das 17. Jahrhundert als das Goldene Zeitalter bezeichnet, in der die Künste florierten. Es geht um die Entdeckung neuer Handelsrouten und darum, dass nur ein Bruchteil der Schiffsmannschaften wieder heil nach Hause kam.

One in ten deck hands would not even survive the outward-bound journey. One in every 25 ships would sink on its way back from the West Indies. Of the 671,000 men who travelled out from Amsterdam, only 266,000 were to return. (S. 161)

Er beleuchtet die spezifische Regierungsform der alten Kaufmanns- und Handelsstadt, das lärmige und internationale Treiben am Hafen, die kriegerischen Auseinandersetzungen, in die die Stadt verwickelt war, das (grauenhaft brutale) Strafsystem im Mittelalter, die Lebensbedingungen der einfachen Leute und die entsetzlichen Hungerwinter, in denen die Grachten zufroren, die Stadt deshalb kein sauberes Trinkwasser mehr hatte und Menschen in ihren Häusern oder auf den Straßen erfroren.

Mak beschäftigt sich mit Architektur und Transport:

The building of the Central Station was the largest construction project in nineteenth-century Amsterdam, and the city’s greatest planning blunder ever. (S. 207)

Doch auch Wirtschaft, Politik, die Entstehung der Grachtenlandschaft und die Mentalität der Bewohner wird unter die Lupe genommen. Wir erfahren, warum Rembrandt ein Armengrab bekam und dass besondere Tulpenzwiebeln wie die der Semper Augustus schon mal so viel wie ein großes Haus samt Garten kosten konnten.

Famously, in 1636, the trading index of tulip bulbs had rocketed in Amsterdam and throughout the rest of Holland. (S. 154)

Wir erfahren etwas über die relative Toleranz gegenüber Andersgläubigen, den Aufstieg des Schiffsbaus, die Rolle der jüdischen Einwohner, die Besetzung durch Nazi-Deutschland, die unvorstellbaren Gräueltaten der Besetzer. Dabei setzt sich Mak auch mit der Kollaboration seiner Landsleute auseinander.

Die rasanten gesellschaftlichen Veränderungen im Nachkriegsholland kommen ebenfalls zur Sprache bis hin zu den anarchistischen Ausschreitungen bei der Hochzeit der späteren Königin Beatrix.

Fazit

Zwar hätte ich mir eine üppigere Illustration gewünscht, die sich hier ja wirklich angeboten hätte, dennoch:

Ein tolles Buch, allen zur Vorbereitung oder Nachbereitung einer Reise nach Amsterdam dringendst empfohlen! Mak schafft es, übersprudelnd informativ und gleichzeitig unterhaltsam, spannend und interessant zu schreiben, da er immer ganz dicht am Leben der Menschen bleibt. Da finden sich dann so nette Passagen wie die folgende:

This specialization of trades [im 14. Jahrhundert] must have had momentous consequences, especially for women. Until the thirteenth century, they ground the grain by hand at home, made bread, wove garments and baked pots in the fire. By the end of the twelfth century, however, looms and potteries were beginning to be introduced, and soon these female tasks were taken over by male weavers and potters. This transition is clear from fingerprints found on earthenware dating from this time. With the help of fingerprint experts from the municipal police, Amsterdam city archaelogists were able to establish that the earliest pieces of earthenware were almost always handmade by women. Later, however, the pieces show the prints of men’s fingers. (S. 26)

IMG_0496Gemälde aus dem Het Scheepvaartmuseum in Amsterdam

14 thoughts on “Geert Mak: Amsterdam: A brief life of the city (1994)

    • Das freut mich. Es hilft, ein bisschen hinter die bezaubernde Fassade zu schauen, zu verstehen, dass sich Dinge über Jahrhunderte entwickelt haben, manches leider auch verloren gegangen ist und dass es beispielsweise gar nicht selbstverständlich ist, dass heutzutage keine vierspurige Autobahn durch die Innenstadt führt…

  1. Und führe mich nicht in Versuchung, liebe Anna!😉 Geert Mak ist wirklich ein begnadeter Reiseführer. Leider habe ich bisher weder „Das Jahrhundert meines Vaters“ noch die Amsterdam-Biografie gelesen, aber „In Europa. Eine Reise durch das 20. Jahrhundert“ (Vorsicht: 900 Seiten dick!) und „Die Brücke von Istanbul. Eine Reise zwischen Orient und Okzident“ (schmale 120 Seiten) kann ich sehr empfehlen. Hab einen schönen Sonntag!

    • Liebe Maren,
      das ist auch meine Befürchtung, dass die anderen Werke Maks ebenfalls das Lesen lohnen… Da sind wir also im selben Boot. Auch dir einen schönen Sonntag und viele Grüße, anna

    • Hallo Claudia,
      Amsterdam lohnt sich. Unbedingt. Und dann mit Mak als Einstieg. Vielleicht warst du ja schon da. Ansonsten Kultur, schöne Orte, Cafes und traumhafte Architektur und Grachtenzauber (und Touristen) im Überfluss. Für mich war es über Ostern die erste Begegnung mit dieser Stadt und hoffentlich nicht die letzte.
      Liebe Grüße, Anna

  2. Mir gefällt sein Stil sehr. Ich habe vor einiger Zeit „In Europa“ gelesen, ein wunderbares Buch über die Geschichte des Kontinents, die er mit den Erlebnissen und Erfahrungen seiner Reise zu historischen Stätten verknüpft.

    • Hallo Constanze, danke, du bist nun bereits die Zweite, die betont, dass auch andere Bücher von ihm lesenswert sind. Mir hatte schon „Das Jahrhundert meines Vates“ gut gefallen. Ich bin ganz sicher, dass ich noch mehr von ihm lesen werde. Es ist unglaublich, was für eine Bandbreite Mak abdeckt…
      Liebe Grüße und einen schönen Abend, Anna

  3. Pingback: BuchsaitenBlogparade 2015 | buchpost

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