Nicolas Freeling: Liebe in Amsterdam (OA 1963; deutsche Erstausgabe 1983)

Er ging in der Zelle auf und ab. Es war eine geräumige und gute Zelle, dachte er, sauber und hell. Immer wieder betrachtete er das Mobiliar mit Sorgfalt und Interesse, ohne dabei recht zu wissen, was ihn daran interessierte. Es kommt daher, daß ich nichts zu tun habe, dachte er; und dann: Nein, das ist es nicht … Er interessierte sich immer für solche Dinge, wo er auch war. „Vernachlässige nichts“, sagte er laut; dann wiederholte er es noch einmal – in Gedanken. Es war nicht gut, wenn man laut vor sich hin sprach. Nicht, daß sich die Wärter darüber geärgert hätten; er hätte den ganzen Tag auf dem Kopf stehen können, ohne daß es sie im geringsten störte, aber so ein verfluchter Psychiater konnte ihnen den Auftrag gegeben haben, alles aufzuschreiben, was er tat, um dann blöde Schlußfolgerungen daraus zu ziehen.

So beginnt der erste Band um den niederländischen Kriminalinspektor Piet van der Valk:

Nicolas Freeling: Liebe in Amsterdam (OA 1963)

Die Übersetzung aus dem Englischen stammt von Hertha Balling und wurde 1983 veröffentlicht.

Zum Inhalt

Martin, seit mehreren Jahren glücklich mit Sophia verheiratet, steht unter dem dringenden Verdacht, seine ehemalige langjährige Geliebte Elsa in deren Amsterdamer Wohnung erschossen zu haben. Alle Indizien sprechen gegen ihn. Er wurde am Tatort gesehen und bei der Tatwaffe handelt es sich um ein Geschenk von ihm.

Doch Inspektor van der Valk, wenig an Autoritäten und Indizienketten interessiert, vertraut lieber seinem Bauchgefühl und schlägt Martin einen Deal vor.

… nehmen wir mal an, Sie seien schuldig. Es gibt bestimmt allerlei mildernde Umstände und so weiter. Wenn Sie erst einmal unter Anklage stehen, können Sie die Sache mit Hilfe Ihres Anwalts ausfechten und sich weigern, mir zu antworten. … Sie haben die Wahl. Entweder Sie erzählen mir alles so freimütig, wie Sie es eben taten, so, als ob ich einer von diesen albernen Psychoanalytikern wäre, dann komme ich mit einiger Wahrscheinlichkeit hinter die ganze Geschichte und kann Sie entlasten. Oder Sie sagen nichts mehr, und ich erhebe Anklage. Bis es zur Verhandlung kommt, vergehen sechs Monate, und selbst wenn Sie freigesprochen werden, werden die Leute sagen, daß Sie das nur einem geschickten Anwalt zu verdanken haben. Überlegen Sie sich’s gut. Hier, rauchen Sie. (S. 23)

Überhaupt wird in diesen Krimis noch geraucht wie bei Chandler, Zigaretten und Zigarren ohne Ende.

Ja, und so nimmt eine spannende und gut konstruierte Handlung ihren Lauf, bei der es auch nicht stört, dass sich Martin in einem längeren Exkurs an die gemeinsame Vergangenheit mit Elsa erinnert, die er nach Kriegsende in Holland kennengelernt hatte. So gewinnt der Krimi auch gleich an Zeitkolorit.

Fazit

Gern gelesen. Nicht alle der Figuren sind psychologisch feingemeißelte Charakterstudien, aber es gibt einen rundherum soliden Plot, der bis zum Ende spannend bleibt. Keine überflüssigen Brutalitäten. Die 200 Seiten lasen sich flott und unterhaltsam weg.

Auch der zweite Band Van der Valk und die Katzen – als Milieustudie düsterer angelegt – war überzeugend.

Der dritte Band jedoch Van der Valk und der Schmuggler hantierte mir zu heftig mit einer Reihe wild gewordener Zufälle.

Insgesamt gibt es elf Romane um Van der Valk und noch zwei weitere, bei denen seine Witwe die Ermittlungen führt. Anscheinend haben Kommissare irgendetwas an sich, dass bei ihren Schöpfern Mordgelüste weckt…

Der Autor Nicolas Freeling lebte übrigens von 1927 bis 2003 und soll angeblich mit dem Schreiben begonnen haben, nachdem er selbst eine dreiwöchige Haftstrafe wegen Diebstahls zu verbüßen hatte.

Obwohl Freelings Bücher sogar verfilmt wurden und der Autor diverse Preise und Auszeichnungen für seine Bücher bekommen hat, u. a. erhielt er 1967 den Edgar Allen Poe Award für The King of the Rainy Country und den Grand Prix de Littérature Policière für Gun Before Butter, sind seine Werke heute nur noch antiquarisch zu bekommen.

Hier geht’s lang zum Nachruf auf den kosmopolitischen Schriftsteller im Guardian.

3 thoughts on “Nicolas Freeling: Liebe in Amsterdam (OA 1963; deutsche Erstausgabe 1983)

  1. Liebe Anna,
    hast Du die Krimis für Dich entdeckt? Oder brauchtest Du ein wenig Aufregung, Spannung und Das-Gute-in-der-Welt-Wiederherstellen nach oder während der Korrekturen? Oder ganz viel Amsterdam, um zumindest in der Phantasie weit weg zu kommen vom Schreibtisch?
    Viele Grüße, Claudia

    • Hallo Claudia,
      nachdem ich zwei Bücher gelesen hatte, die mich nicht so angesprochen haben, und während der Korrekturen immer nur kurze Lesephasen möglich waren, schienen mir relativ kurze Krimis eine gute Idee🙂 Ja, und wie du so schön schreibst, da wird zumindest das Recht wiederhergestellt, der Böse überführt, alte Krimis fokussieren mich ganz wunderbar … Aber jetzt habe ich mir wieder etwas tiefgründigere Lektüre an Land gezogen, versprochen🙂
      Liebe Grüße, Anna

  2. Pingback: BuchsaitenBlogparade 2015 | buchpost

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