Johann Amos Comenius: Das Labyrinth der Welt und das Paradies des Herzens (1631) – Teil 1

Der vollständige Titel des Werkes, das 1908 von Zdenko Baudnik ins Deutsche übersetzt wurde, zeigt uns bereits, wohin diese Reise führen wird:

Das Labyrinth der Welt und das Paradies des Herzens, das ist eine klare Beschreibung, wie in dieser Welt und allen ihren Dingen nichts herrscht als Irrung und Verwirrung, Unsicherheit und Bedrängnis, Lug und Trug, Angst und Elend, und zuletzt Ekel an allem und Verzweiflung; und wie nur der, welcher zu Hause in seinem Herzen wohnet und sich mit Gott allein darin verschließet, zum wahren und vollen Frieden seiner Seele und zur Freude gelangt.

Der große Pädagoge des 17. Jahrhunderts, Johann Amos Comenius (1592 – 1670) verfasst während der Wirrnisse und des Elends des Dreißigjährigen Krieges eine fulminante Kritik der menschlichen Natur und der Gesellschaft, die keinen Stand, keine Religion und keine weltliche Macht ausnimmt. Dieser Kritik stellt er im dritten Teil eine große mystisch-fromme Utopie entgegen, bei der man, egal, wie man religiös oder weltanschaulich orientiert ist, zumindest ahnt, welche Wucht und Kraft in einem tatsächlich christlichen Leben liegen könnte.

Heute soll es aber erst einmal um den Einstieg in Comenius‘ Werk gehen. Und da die altertümlich-bildhafte Sprache entscheidend zum Reiz des Buches beiträgt, soll der Autor heute über große Strecken selbst zu Worte kommen.

Comenius wählt für seine Geschichte die Form der Pilgerreise: Als ein junger Mann erkennt,

dass es verschiedene Stände, Rangstufen, Berufszweige, Beschäftigungen und Ziele gebe, die sich die Menschen stecken, da schien es mir ein dringendes Bedürfnis, zu erwägen, zu welcher Gruppe von Menschen ich mich gesellen und mit was für Dingen ich mein Leben hinbringen sollte. (S. 13)

Um nun herauszufinden, welche Lebensweise ihm „möglichst wenig Mühen und Sorgen und möglichst viel Bequemlichkeit und frohe[n] Mut“ garantieren könne, will er zunächst „alle Dinge, die unter der Sonne sind“ in Augenschein nehmen, um dann in kluger Abwägung seinen Beruf zu wählen. Also begibt er sich auf eine große Reise, auf der er zwei Gefährten als Führer hat: zum einen den Überalldabei, der ihm – wie der Name schon sagt -, ermöglicht, in alle Schichten, Stände und Häuser Einblick zu nehmen, und zum anderen die Verblendung, die ihm eine Brille aufzwingt, sodass er leider das Meiste verzerrt wahrnimmt. Glücklicherweise sitzt die Brille ein bisschen schief, sodass er doch den ein oder anderen Blick auf die Realität, wie sie wirklich ist, riskieren kann.

Die Reise beginnt damit, dass der junge Pilger Zeuge dessen wird, wie jeder Mensch aus einem großen Kupfertopf, der von einem grimmigen Alten bewacht wird, ein Los ziehen muss; darauf ist sein zukünftiges Schicksal vermerkt. Es legt fest, ob man in seinem Leben herrschen, dienen, befehlen, gehorchen, das Feld bestellen, lernen, kämpfen, richten oder beten wird.

Im Trubel des menschlichen Durcheinanders stellt der junge Reisende zunächst einige Betrachtungen über die Natur des Menschen an und ihm wird rasch klar, wie

ein jeder, solang er in der Schar der anderen wandelte, eine Maske vor dem Gesichte trug, diese aber, sobald er allein war oder unter seinesgleichen sich befand, abwarf und, wenn er sich der Menge wieder zugesellen wollte, abermals anlegte. […]

Die menschliche Verständigung sei unvollkommen und vom gegenseitigen Nicht-Verstehen geprägt:

Ich bemerkte […], daß sie in verschiedenen Sprachen miteinander redeten, so daß sie zum größten Teile einander nicht verstanden, auch gar nicht antworteten oder aber über einen andern Gegenstand, als wovon die Rede war, Auskunft erteilten, jeder in anderer Art. Hie und da standen sie in großen Haufen beisammen und alle sprachen zugleich, jeder brachte das Seine vor, aber keiner wollte auf den anderen hören, wiewohl die einen an den anderen zerrten, um ihre Aufmerksamkeit zu erzwingen; doch das geschah nicht, eher kam es zu Zank und Streit. (S. 28)

Doch nicht nur die Kommunikation, auch die Einsicht der Menschen sei mangelhaft.

Ich nahm auch einen anderen Mißstand wahr, nämlich die Verblendung und Torheit der Menschen. Denn auf dem Ringplatz  […] gab es eine Menge Gruben, Löcher und Vertiefungen sowie auch Steine und Balken, welche kreuz und quer durcheinander lagen, und viele andere Hindernisse. Doch niemand dachte auch nur entfernt daran, sie wegzuräumen, auszubessern und die Ordnung wiederherzustellen. Es wich auch niemand einem solchen Hindernisse aus, noch nahm man sich auch nur die Mühe, es zu umgehen. Man ging wie blind darauf los, so daß bald dieser, bald jener anstieß, stürzte und entweder den Hals brach oder übel zugerichtet wurde […] Doch keiner kümmerte sich um den andern, nur wenn jemand zu Falle kam, lachte man ihn tüchtig aus. (S. 30)

Und wie bekannt kommt uns das Folgende vor?

Auch hatten sie, wie ich bemerken konnte, große Lust zu Neuerungen und Veränderungen, in Kleidung, Bauart, Sprache, Gang und anderen Dingen. So fand ich einige unter ihnen, die sonst nichts taten, als sich beständig umzukleiden und ein Kleid nach dem andern anzulegen; andere wieder sannen über eine neue Bauart nach, um dann nach einer Weile wieder abzubrechen, was sie soeben erst mit Mühe aufgerichtet hatten. Sie griffen bald zu dieser, bald zu jener Arbeit und ließen dann in ihrer Unbeständigkeit bald alles wieder liegen.

Wenn einer sich mit seiner Last zu Tode geschleppt oder sie auch im Stich gelassen hatte, fanden sich gleich andere, die sich, so unglaublich das klingen mag, um seine Bürde rissen, stritten und balgten. Indessen gab es keinen unter ihnen, der irgendetwas gesagt, getan, errichtet hätte, daß nicht gleich andere gekommen wären, die ihn verlästerten und sein Werk zerstörten. So manche hat mit großer Mühe und schweren Kosten ein Werk vollbracht, woran er seine Freude hatte, als andere des Weges kamen und es zerstörten und verdarben, so daß es auf der ganzen Welt wohl keinen Menschen gab, der irgendetwas schuf, das nicht von andern wieder vernichtet worden wäre. (S. 31)

Doch es gibt noch eine weitere menschliche Eigenschaft, die der Pilger tadelt, nämlich die maßlose Selbstgefälligkeit.

Ferner fand ich viele, welche einen Spiegel trugen und, während sie mit anderen sprachen, stritten oder sich prügelten oder während sie Steine wälzten, ja selbst wenn sie auf ihren Stelzen gingen, sich wohlgefällig drin von vorn und hinten und von beiden Seiten besahen, Worte der Bewunderung flüsterten, die ihrer eigenen Schönheit, ihrem Wuchs und Gang und ihren Taten galten, und ihren Spiegel auch anderen darreichten, mit der Bitte, sie gleichfalls zu betrachten. (S. 32)

Auch das folgende Zitat lässt sich – fast vier Jahrhunderte später – mühelos auf diverse Bereiche unserer Gesellschaft übertragen: Fassungslos beobachtet der Pilger das unnütze und alberne Treiben der Menschen, „das mit ihrer hohen Abstammung in grellem Widerspruche steht“:

Müßiggänger gab es nun allerdings wenige unter ihnen: fast jeder hatte irgendeine Beschäftigung. Aber es waren entweder kindische Spielereien oder fruchtlose Anstrengungen. So sammelten einige Kehricht und verteilten ihn untereinander; einige wälzten Balken und Steinblöcke heran, zogen sie mittels einer Winde irgendwohin in die Höhe und ließen sie dann wieder hinabgleiten; andere hoben das Erdreich aus und trugen oder schafften es von einem Ort zum andern; der Rest hantierte mit Schellen, Spiegeln, Bälgen, Schnarren und anderem Spielzeug; einige belustigten sich sogar mit ihrem eigenen Schatten, indem sie ihn maßen, von sich stießen und ihm nachjagten. Das alles taten sie mit solchem Eifer, daß sie bei ihrer Arbeit stöhnten und schwitzten, oft sogar zusammenbrachen. Fast überall gab es Beamte, die ihnen solche Dinge auferlegten und die, die Arbeit wacker unter sie verteilten, während es keineswegs an solchen fehlte, die ebenso wacker ihre Befehle ausführten. (S. 29)

Der letzte Punkt, den der Pilger den Menschen vorwirft, ist, dass sie „sich so gebärdeten, als ob sie ihrer Unsterblichkeit sicher wären“ (S. 34):

Zuletzt sah ich den Tod in ihren Reihen wandeln, der, mit einer scharfen Sense und mit Pfeil und Bogen ausgerüstet, sie mit lauter Stimme mahnte, nicht zu vergessen, daß ein jeder sterben müsse. Doch niemand achtete auf seinen Ruf, ein jeder blieb bei seiner Torheit und trieb unbekümmert seinen Unfug weiter. (S. 32)

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13 thoughts on “Johann Amos Comenius: Das Labyrinth der Welt und das Paradies des Herzens (1631) – Teil 1

  1. Liebe Anna,
    sich der Betrachtung der Merkwürdigkeiten der Menschheit über eine Pilgerreise zu nähern, ist ja eine grandiose Idee. Und dann noch diese beiden Begleiter zu wählen, die überall hin führen, und der verzerrten Sicht auf die Welt doch eine kleine Öffnung für das „wirlkiche“ Sehen lassen, ist es ebenfalls. Und wenn ich dann die Zitate lese, die Du uns hier notiert hast, dann denke ich, dass irgendwie schon alles erkannt und geschrieben worden ist – und wir trotzdem in jeder Generation wieder staunend stehen und meinen, gerade die neueste und tollste Erkenntnis zu haben. Dabei hat die auch schon der wahre Pilger vor – ach Du liebe Zeit! – fast fünfundert Jahren gehabt.
    Ich bin schon gespannt auf die weiteren Comenius-Lektüren.
    Viele Grüße, Claudia

    • Hallo Claudia,
      ja, manche Bücher ruckeln einen wieder ein bisschen zurecht, wenn wir glauben, die Probleme der Gegenwart ein Stück weit zu erkennen, kommt auf einmal ein Buch, ein Text daher, der zeigt, dass die Generationen vor uns kein bisschen dümmer oder einfältiger waren, sie haben die gleichen Fehler und Ablenkungsmanöver durchgeführt und manche haben’s gemerkt. Vermutlich ist der erste Teil mein Lieblingsteil, sieht man schon an den vielen Zitaten. Aber mal sehen, manchmal ändert oder weitet sich der Blick auf ein Werk ja auch noch, während man darüber schreibt und die passenden Zitate auswählt🙂
      Liebe Grüße, Anna

  2. Liebe Anna,
    zunächst und vorab: Wie schön, dass Du auf Deinem Blog einem Buch Raum gibst, das wohl alles andere als Mainstream ist…und das so ausführlich vorstellst. Ich muss gestehen, dass ich mit dem Namen Comenius überhaupt nichts verbunden habe. Aber beim Einlesen jetzt in Deine Zitate freue ich mich ebenso wie Claudia auf die kommenden Folgen. Es gibt ja einige berühmte literarische Pilgerfahrten, Dante kann man sicher so verstehen, die Tales of Canterbury, John Bunyan….ich denke, dass da in Worte gefasst wird, was man selbst beim Wandern erlebt: Der Kopf wird frei und man beginnt sich damit auseinanderzusetzen, was einem wirklich wichtig ist im Leben.

    • Hallo Birgit, ja Mainstream ist so eine alte Pilgerfahrt sicherlich nicht🙂 Und diese alten Fahrten sind so viel radikaler und auch unduldsamer als diese Harold-Fry-Geschichten… Der Mensch soll sich tatsächlich hinterfragen, was für eine Zumutung. Und wie immer, der Wunsch jetzt auch gleich Bunyan und die Canterbury Tales wieder hervorzukramen, aber ach, immer wenn ich verkünde, nun keine Zeit mehr für meinen Beruf zu haben, lächelt mein Mann nur milde. Ob ich doch noch einen Kurs fürs Schnelllesen besuchen muss🙂 Liebe Grüße, Anna

      • Vielleicht sollten wir Deinen Mann auf eine Pilgerreise à la Bunyan senden (Anmerkung: Mich wundert nicht, dass Du ihn kennst – sehr „strenges“Buch, nicht?), damit er geläutert zurückkehrt, alle Pflichten übernimmt, wie es sich für einen Christenmenschen gehört, und dir dann den Rücken freihält füs Lesen und fürs Bloggen, auf das du uns arme Seelen läutern kannst :-)? Ja, radikaler, unduldsamer und natürlich auch nicht immer so, dass man alles unterschreiben, geschweige denn leben können wollte – aber dann wieder so nah an den wichtigen Fragen des Lebens, so eindeutig auf das Existentielle abzielend, dass man einfach damit konfrontiert wird und als Leser zum Nachdenken gezwungen ist.

      • Nun liegt meine Bunyan-Lektüre doch glatt so lange zurück, dass ich mich noch nicht einmal an meinen Eindruck erinnere. Das wäre mit Bloggen nicht passiert… Ja, das unterschreibe ich sofort, man kann und will da nicht alles übernehmen, doch die Konfrontation, dieses Schluss mit Spielerei und Tüddelkram hat auch was. Liebe Grüße, Anna

  3. Wow – wirklich spannend! Mich würde noch interessieren, wie Du auf das Buch gekommen bist. Ich finde es klasse, mal ganz abseits der Trampelpfade etwas zu entdecken. Danke dafür🙂

    • Hallo Sabine,
      das ist eine gute Frage. Ich hatte das Buch vor einigen Jahren, noch vor der Bloggerei, schon einmal gelesen und hatte Lust darauf, es noch einmal zu lesen. Wie aber das Buch vor Jahren den Weg in mein Regal gefunden hat, das weiß ich leider auch nicht mehr. Mich hat jetzt wieder fasziniert, wie aktuell bzw. zeitlos doch vieles ist, und dazu die bildhaft-barocke Sprache! Freue mich, wenn ich euch mit diesem Buch mal etwas ganz Unbekanntes vorstellen kann.

  4. Pingback: Vernetzung, die Erste. | Sätze&Schätze

    • Wie schön, dass es auch euch gefällt, einen alten Schatz zu heben. Und wer weiß, vielleicht haben Reisende wie du da noch einmal einen anderen Zugang. Die nächste Etappe gibt es, sobald ich Zeit und Ruhe dazu finde. Liebe Grüße, Anna

  5. Pingback: Johann Amos Comenius: Das Labyrinth der Welt und das Paradies des Herzens (1631) – Teil 2 | buchpost

  6. Pingback: Veit-Jakobus Dieterich: Johann Amos Comenius (1991) – buchpost

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