Johann Amos Comenius: Das Labyrinth der Welt und das Paradies des Herzens (1631) – Teil 2

Nachdem ich im ersten Teil meiner Buchvorstellung aufgezeigt habe, was dem jungen Pilger am Wesen des Menschen missfällt, sollen heute der Ehestand, einzelne Berufe und das Wirtschaftsleben im Mittelpunkt stehen, die der Reisende näher kennenlernt und auf ihren Nutzen hin überprüft.

Zunächst ruft uns der barocke Erzähler aber noch einmal das Vanitas-Motiv, die Vergänglichkeit des Lebens, ins Bewusstsein:

Es war für mich ein wehmütiger Anblick, zu sehen, wie ein zur Unsterblichkeit berufenes Geschöpf so kläglich, so unerwartet und auf so mannigfache Art dem Tod verfiel; zumal als ich bemerkte, daß fast immer dann, wenn einer sich gerade anschickte, so recht sein Leben zu genießen, wenn er Freunde sich erworben, seine Angelegenheiten wohlgeordnet, sein Haus bestellt, Geld zusammengescharrt, kurz, alle Anstalten und Vorbereitungen getroffen hatte, der Tod ihn überraschte und allem ein jähes Ende bereitete, und wer sich auf dieser Welt aufs beste gebettet zu haben glaubte, plötzlich aus seinem Traum gerissen ward und sah, daß alle seine Pläne zunichte wurden; wenn aber nun ein andrer an seine Stelle trat, da widerfuhr ihm ganz genau dasselbe Schicksal, dem dritten ebensogut wie dem zehnten und hundertsten. (S. 33)

Als erstens wird die Ehe auf den Prüfstand gestellt. Allerdings wird von nun an alles einer didaktischen Schwarzmalerei unterzogen. Die Ehepartner würden eher nach dem Geldbeutel und der Mitgift ausgesucht. Es gäbe Konkurrenz und Rangeleien.

Wenn einer einen andern auszustechen suchte, da gab es Zank und Streit; auch Morde kamen vor. (S. 35)

Die Eheschließung ist für den Pilger nichts andres als das Anlegen schwerer und schrecklicher Ketten. Diese hatte man

heiß zusammengeschmiedet, geschweißt und fest verlötet […], so daß sie während ihres ganzes irdischen Lebens dieselben weder lösen noch sprengen konnten. (S. 37)

Die ehelichen Zärtlichkeiten wiegen für den Pilger nicht schwer genug, um ihn mit dem Verlust der Freiheit zu versöhnen. Außerdem müsse man sich dann noch mit missratenen Kindern herumärgern. Und am Ende, wenn die Eheleute, was selten genug vorkäme, einander tatsächlich liebhaben, hätten sie noch das Herzeleid, wenn einer von ihnen stürbe. So

weiß ich wahrlich nicht, […] ob in der Ehe, wenn sie gerät […], mehr Freude oder Leid zu finden sei. Doch so viel ist gewiß, daß sowohl das Leben an der Seite eines Weibes als auch ohne Weib trübselig ist und daß, auch wenn sie noch so gut gerät, der süße Kelch viel Bitterkeit enthält. (S. 41)

Als nächstes schaut sich unser Reisender im Handwerk um und überall findet er Gefahr, Neid, Hindernisse und mangelhafte Produkte.

Zunächst bemerkte ich, daß alle menschlichen Geschäfte nur eitel Mühe und Plage sind und daß ein jegliches von ihnen seine Unbequemlichkeit besitzt und mit Gefahr verbunden ist. So sah ich, daß die Menschen, welche mit dem Feuer sich zu schaffen machten, vom Rauch berußt und schwarz wie Mohren waren, daß ihnen stets das Pochen der Hämmer in den Ohren dröhnte und […] daß stets der Widerschein des Feuers ihnen in den Augen glänzte und ihre Haut, davon versengt, zersprungen war. Diejenigen dagegen, welche ihr Handwerk unter der Erde trieben, hatten mit Finsternis und Schrecknissen zu tun, und es geschah nicht selten, daß sie verschüttet wurden. Die, welche auf dem Wasser arbeiteten, waren naß wie begossene Pudel, zitterten vor Kälte wie Espenlaub, und ein nicht geringer Teil fand den Tod in den Wellen. Die, welche in Holz, Stein oder einem andern Material arbeiteten, hatten den Körper mit Schwielen bedeckt, stöhnten bei ihrer Arbeit und erschöpften ihre Kräfte. (S. 42)

Das wirtschaftliche Bemühen des Menschen erschöpft sich für ihn darin,

daß Geld aus einer Tasche in die andere wandere. (S. 42)

Nicht nur die modernen Verfechter eines minimalistischen Lebensstils könnten sich auf den Pilger berufen:

Siebtentens erkannte ich mit voller Klarheit, daß viele Dinge unnütz und überflüssig und die meisten menschlichen Beschäftigungen eitle Mühe und zwecklose Torheit sind. Denn da offenbar eine ganz einfache und schlichte Kost hinreicht, den Leib des Menschen zu ernähren, ein einfaches und schlichtes Gewand, ihn zu bekleiden, ein einfaches und schlichtes Obdach, ihn zu schützen, so folgt daraus, daß nur ein kleiner und bescheidener Aufwand von Mühe hiezu nötig ist […] Nun aber fand ich, daß die Menschen diese Wahrheit entweder nicht begreifen können oder nicht wollen, da sie gewöhnt sind, sich den Bauch mit so vielen ungewöhnlichen Dingen vollzustopfen und zu füllen, so daß allein, um sie herbeizuschaffen, schon ein großer Teil der Menschheit zu Wasser und zu Lande sich plagen muß. […] So sah ich viele Werkleute, deren ganzes Sinnen und Trachten darauf gerichtet war, kindischen Tand und anderes Spielzeug zu Belustigung und Zeitvertreib hervorzubringen. Andere verschwendeten ihre Mühe darauf, Werkzeuge der Grausamkeit, wie Schwerte, Dolche, Morgensterne und Gewehre, in möglichst großer Anzahl herzustellen. Wie nun Menschen mit ruhigem Gewissen und sogar mit Lust diese Geschäfte treiben können, ist mir unbegreiflich; doch das eine ist gewiß, daß, wenn man alles unnütze, zwecklose und sündhafte Tun aus ihrer Arbeit ausscheiden wollte, der größte Teil der menschlichen Gewerbe eingehen müßte. (S. 44)

Alsdann betrachtet der Reisende die „Gefahren des Seemannslebens“ und begibt sich unter die Gelehrten. Doch auch die können ihn nicht von ihrem Stand überzeugen, da viele von ihnen sich zwar mit Büchern den Bauch vollstopfen, doch dabei keineswegs einen gesunden Eindruck machen. Im Gegenteil, die unverdaute geistige Nahrung verursacht schlimmste Übelkeit, ja manche verfallen sogar dem Wahnsinn oder „siechten hin und starben.“ (S. 53)

Demnächst wird die Reise fortgesetzt… P1090703

6 thoughts on “Johann Amos Comenius: Das Labyrinth der Welt und das Paradies des Herzens (1631) – Teil 2

  1. Liebe Anna,
    was für eine fast zeitlose Betrachtungsweise: z.B. „doch das eine ist gewiß, daß, wenn man alles unnütze, zwecklose und sündhafte Tun aus ihrer Arbeit ausscheiden wollte, der größte Teil der menschlichen Gewerbe eingehen müßte.“ (S. 44)
    Ich bin beeindruckt von Deiner sorgfältigen Besprechung sowie vom Herrn Comenius, von dem ich dank Deiner Lese- und Schreibfleißarbeit nun allerlei erfahren habe.
    Sonnenuntergängliche Grüße
    Ulrike von Leselebenszeichen

    • Liebe Ulrike,
      ich bin auch wieder verblüfft, wie zeitlos sich manche Passagen lesen. Und ich mag die Sprache, deshalb lasse ich diesmal vor allem den Autor selbst zu Wort kommen, so erhält man doch einen besseren Eindruck. Freut mich, wenn auch dir das ein oder andere Zitat gefällt. Und die Schreibarbeit lohnt sich ja doch immer, auch für mich selbst, weil ich mich so auch noch Jahre später viel besser an ein Buch erinnern kann.🙂 Auch dir liebe Nachsonnenuntergangsgrüße🙂

      • Oh ja, ich stimme Dir vollkommen zu.
        Und das Rezensieren vertieft tatsächlich das Lesegedächtnis – sozusagen als neurologisches Poesiealbum zum Nachblättern …🙂

  2. Liebe Anna,
    was sich beim ersten Teil Diner Besprechung schon andeutete, dass verstärkt sich beim zweiten: dass nämlich doch alles schon einmal gedacht und geschrieben wurde. Insbesondere die konsumkritischen Anmerkungen Comenius´ sind ja wirklich sehr zeitlos. Auf der anderen Seite habe ich nun den Eindruck, dass Comenius aber auch an nichts ein gutes Haar lässt – und auch bilanziert (was ja auch schon wieder ökonomisches Denken ist). So ist mir seine Bilanzierung der Ehe doch zu negativ, seine Betrachtung der Gefahren aller Berufe scheint auch eher ein Schwergewicht auf den negativen Seiten zu haben und Spaß am Leben kennt er auch nicht. Dazu gehört für mich zum Beispiel auch schon einmal ein leckerer Apfelstrudel mit gaaaanz viel Sahne. Braucht kein Mensch, macht aber glücklich. Und so bin ich schon gespannt, auf welche Etappen Du uns bei der Reise durch die Welt des Herrn Comenius noch entführst, vielleicht wendet sich mein Eindruck ja noch.
    Viele Grüße, Claudia

    • Ha, der Apfelstrudel gefällt mir und vorher ein leckeres Nudelgericht mit Schafskäse und dazwischen ein Haselnusseis… Aber deine Hoffnung, dass Comenius das irdische Leben irgendwann ein bisschen positiver darstellt, wird sich nicht erfüllen. Er zielt ganz klar ab auf die Unvollkommenheit der Welt und der menschlichen Einrichtungen (womit er sicherlich recht hat), aber zum Zwecke seiner didaktischen Reise, die ja auf ein Ruhen der Seele in Gott abzielt, wird er alles Fröhliche und Schöne unerwähnt lassen bzw. sich bemühen, es dunkel abzutönen. Leider weiß ich noch zu wenig über sein eigenes Leben, ob diese Weltsicht eher fiktiver Natur ist oder – falls wirklich so gemeint – sie dem Hintergrundrauschen des Dreißigjährigen Krieges geschuldet ist. Zwischendurch ist dieses Schwarzmalen schon ein wenig ermüdend, aber ich freue mich an den zeitlosen Wahrheiten, die er immer wieder so schön auf den Punkt bringt. Dir sonnige Haselnusseisgrüße von der letzten zu korrigierenden Klassenarbeit! Anna
      PS: Eigentlich finde ich es ganz reizvoll, mir zu vergegenwärtigen, dass Bergbau und Seefahrt zu Beginn des 17. Jahrhunderts vermutlich wirklich nicht ungefährlich waren.

      • Liebe Anna,
        es stimmt, ich habe gar nicht mehr daran gedacht, wie alt Comenius´ Text ist, dass Seefahrt und vor allem der Bergbau zu der Zeit wahrlich keine Arbeitsbereiche waren, in denen man gut alt werden konnte. Und sicherlich muss beim Lesen solcher Texte immer die Zeit und der Zeigeist mitgedacht werden. Was mich noch beeindruckt hat bei Deinen Zitaten, das sind die Redewendungen, die wir ja bis heute so gern nutzen. Ist das nicht klasse, wie sich solche anschaulichen Wendungen über Jahrhunderte erhalten?! – Dann lass uns mal heute nNachmittag mit einem großen, leckeren Haselnusseis (mit Sahne? :-)) auf Deine letzte Klausur anstoßen! Hurra! Geschafft! Dann sind die Großen Ferien für Dich ja auch in Sicht. Auf dass sie bunt und froh werden und nicht so duster wie die Comenius-Lektüre!
        Viele Grüße, Claudia

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