Johann Amos Comenius: Das Labyrinth der Welt und das Paradies des Herzens (1631) – letzter Teil

Nachdem der junge Pilger nun die ihm bekannte Welt durchreist hat und überall an der Unvollkommenheit aller menschlichen Einrichtungen schier verzweifelt ist, kommt er zu dem ernüchternden Fazit, dass er trotz aller Versuche, fröhlich zu sein, nicht in der Lage ist, sich mit dem äußeren Schein der Dinge zu begnügen. Er schaffe es nicht, ein zufälliges und nichtssagendes Lachen für wahre Freude und die Lektüre von ein paar alten Scharteken für echte Weisheit und ein Stückchen zufälligen Glücks schon für den Gipfel der Befriedigung zu halten (siehe S. 136).

Ihr habt mir Reichtum, Seelenruhe und Erkenntnis versprochen, aber was besitze ich von alledem? Nichts! Und was kann ich? Nichts! Wo bin ich? Ich weiß es nicht. Nur das weiß ich, daß ich nach so vielen Verirrungen, so vielen Mühen, so vielen überstandenen Gefahren und innerlich völlig ermattet und erschöpft nichts anderes gefunden habe als den Schmerz in meiner eigenen Brust, dazu den Haß der andern gegen mich. (S. 136)

Er weigert sich,

verblendet wie die andern in einem Wahn zu leben, haltlos umherzuschwanken, unter dem Joch des Lebens zu seufzen und zu stöhnen und schon krank, ja halbtot noch guten Mutes zu sein. Ich aber habe gesehen und erkannt, daß ich ebenso wie die andern nichts bin, nichts kann, nichts habe, sondern daß dies alles nur ein Schein ist. Wir alle haschen nach bloßen Schatten, während die Wahrheit uns überall entweicht. (S. 136 f)

Nach einem längeren Aufenthalt in der Burg der Weisheit, bei dem er auch Salomo begegnet, sieht der Pilger keinen anderen Ausweg mehr, als Gott um Erbarmen anzuflehen, und tatsächlich, da lässt sich eine Stimme vernehmen:

Kehre dahin zurück, von wo du ausgegangen bist, in deines Herzens Kämmerlein und schließe hinter dir die Tür zu. (S. 167)

Und der Pilger befolgt diesen Rat.

Ich sammelte also, so gut ich konnte, meine Gedanken, schloß Augen, Ohren, Mund und Nase und alle sonstigen Zugänge der Seele und hielt nun Einkehr in mein Herz; doch siehe! da war es finster.

Ein Licht kommt jedoch von oben herab und in tiefer Verzückung begegnet er nun Jesus Christus, der ihn freundlich als Bruder willkommen heißt.

Wo weiltest du, mein Sohn? Wo bliebst du denn so lange? Auf welchen Wegen wandeltest, was suchtest du? Trost in der Welt? Wo konntest du ihn finden außer in Gott? Und Gott wo anders als in seinem Tempel? Und in welchem außer dem lebendigen, den er sich selbst erwählet hat, in deinem Herzen? Ich sah dich, als du irrtest; doch ich wollte, mein lieber Sohn, nicht länger warten; darum habe ich dich zu dir selbst gebracht und in dein eigenes Herz geführt; denn dieses habe ich zu meiner Wohnstätte erkoren. Wenn du mit mir dort wohnen willst, dann wirst du finden, was du in der Welt vergeblich suchtest, Frieden, Trost, den wahren Ruhm und volle Sättigung. (S. 171)

Mit Anklängen an Augustinus, die Mystiker und die Bibel – man merkt, wie sehr Comenius auch Prediger war – gibt ihm der Gottessohn noch weitere Hinweise für ein weises und gottgefälliges Leben. Dabei werden auch viele der Bereiche gestreift, die der Pilger auf seiner Weltenreise vorher durchwandert hatte. Doch nun wird ihm gezeigt, wie Ehe, Kirche, weltliche Herrschaft, Arbeit und Gelehrsamkeit aussehen, wenn sie tatsächlich unter der Herrschaft Gottes stehen. Ein stilles, friedvolles und maßvolles Himmelreich auf Erden.

Du siehst auch, mit wieviel Gepränge und wie vielen Zwistigkeiten bei den Menschen die Ausübung der Religion verbunden ist. Laß du deinen Gottesdienst darin bestehen, in aller Stille mir zu dienen, ohne dich dabei um äußere Gebräuche zu kümmern: ich entbinde dich davon. Und wenn du mich, wie ich es wünsche, im Geist und in der Wahrheit anbetest, rechte mit niemand, ob man dich auch einen Heuchler, Ketzer oder wie immer nennen mag, sondern halte dich im stillen nur an mich und diene mir allein. (S. 174)

Fazit

Zwar war das Wandern mit dem Pilger durch das Jammertal der Erde manchmal ein wenig freudlos und das eher schematische Absolvieren der verschiedenen Etappen ermüdend, doch war diese Abtönung ins Dunkle und Unvollkommene aller menschlichen Einrichtungen für Comenius aus didaktischen Gründen wohl notwendig. Nur wenn sein Pilger sich nicht mit irdischen Genüssen abspeisen lässt, sucht er weiter nach dem, was ihm wirklich Frieden und Freude bringt.

Trotzdem habe ich das Buch sehr gern gelesen. Auch wenn man nicht überall zustimmen mag: Viele zeitlose Wahrheiten, der kluge Blick auf viele Bereiche der Gesellschaft und die wuchtige und dann wieder ganz zarte und innige Sprache gefielen mir ausnehmend gut.

 

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