Fundstück: Thoreau über die Einsamkeit und das Gespräch

Ich finde es gesund, die meiste Zeit allein zu sein. Gesellschaft, selbst mit den Besten, wirkt bald ermüdend und zerstreuend. Ich bin unendlich gern allein. Noch nie fand ich den Gesellschafter, der so gesellig war wie die Einsamkeit. Wir sind meistens einsamer, wenn wir hinausgehen unter die Menschen, als wenn wir in unserm Zimmer bleiben. Der denkende und arbeitende Mensch ist immer allein, sei er, wo er wolle. Die Einsamkeit wird nicht nach den Meilen der Strecke gemessen, die zwischen uns und unsern Mitmenschen liegen. […]

Gesellschaft ist gewöhnlich billig zu haben. Wir treffen uns nach zu kurzen Zwischenräumen, als daß wir Zeit genug gehabt hätten, neuen Wert füreinander zu erlangen. Wir kommen dreimal täglich bei den Mahlzeiten zusammen und lassen den andern immer wieder von dem schimmeligen alten Käse kosten, der wir sind. Wir mußten übereinkommen, eine Reihe gewisser Regeln zu beobachten, die wir Etikette und Höflichkeit nennen, um diese häufigen Zusammenkünfte erträglich zu machen und nicht zu offenem Krieg zu kommen. Wir treffen einander auf der Post, bei ‚gesellschaftlichen Anlässen‘ und am Kamin jeden Abend; wir wohnen dicht zusammengepfercht, sind einander im Weg, stolpern übereinander und verlieren, meine ich, einigermaßen den Respekt voreinander. Gewiß würde weniger große Häufigkeit für jeden bedeutenden und herzlichen Verkehr genügen. (S. 202 ff)

Eine Unbequemlichkeit empfand ich oft in meinem kleinen Haus, nämlich die Schwierigkeit, in genügende Entfernung von meinem Gast zu gelangen, wenn wir anfingen, umfangreiche Gedanken in umfangreicheren Worten auszudrücken. Man braucht Platz für seine Gedanken, um sie zum Segeln zu bringen und ein paar Schwenkungen machen zu lassen, ehe sie den Hafen anlaufen. Die Kugel des Gedankens muß ihre seitliche und ihre Prallbewegung erst überwinden und in ihre eigentliche Flugbahn  getreten sein, ehe sie das Ohr des Hörers erreicht, sonst kann sie sich eventuell wieder an der Seite seines Kopfes hinauswühlen. So brauchen auch unsere Sätze Platz, sich zu entfalten und im Zwischenraum ihre Perioden zu bilden. Individuen wie Völker brauchen angemessen breitgezogene und natürliche Grenzen, selbst einen beträchtlichen neutralen Grund zwischen einander. (S. 209)

H. D. Thoreau: Walden oder Leben in den Wäldern (1854)

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6 thoughts on “Fundstück: Thoreau über die Einsamkeit und das Gespräch

    • Hallo Peggy, schön von dir zu hören. Ja, das ist ganz bestimmt kein Buch, wo man allem zustimmen möchte. Aber ich fand diese wilde Mischung faszinierend. Diese Freiheit, noch mal ganz vieles radikal auf den Prüfstand zu stellen. Auch dir herzliche Grüße, Anna

  1. Liebe Anna,
    die Zitate gefallen mir sehr. Offensichtlich ist Thoreau doch im tiefsten Herzen ein Einsiedler. (Wie würde er in unserer heutigen ständig vor sich hin quaselnden, immer lauten Gesellschaft mit so wenig Rückzugsmöglichkeiten leben können?). Aber Recht hat er auf jeden Fall, wenn er die Einsamkeit einfordert, die es nur ermöglicht, Gedanken und Ideen zu entwickeln, die nämlich ihrerseits Platz brauchen, damit sie „ihre Segel“ entfalten können, die wie eine Kugel in Parallel- und seitlichen Bewegungen rollen müssen, um sich entwickeln zu können (tolle Bilder findet er). Es lebe also der Hundespaziergang, der an manchen Tag solche Gedankenabschweifungen ermöglicht (bis mir wieder ein Stock vor die Füße geschmissen wird: Hey, spiel mit uns!).
    Viele Grüße, Claudia

    • Hallo Claudia,
      ja, Spazierengehen oder Wandern sind bestimmt gute Möglichkeiten, sich zu erden! Ob er wirklich so einsiedlerisch war, weiß ich gar nicht. Aber seine Hütte im Wald ermöglichte ihm, ziemlich genau zu dosieren, wie viel Gesellschaft er haben wollte. Auf der einen Seite ein Luxus, auf der anderen Seite würden das viele wohl gar nicht wollen und die Stille nicht aushalten. Warum sonst wird man in Wartezimmern, im Restaurant, beim Friseur etc. ständig beschallt? Ja, und die Bilder, die Thoreau manchmal findet … Meine Schüler würden vermutlich sagen: Was hat der denn genommen🙂
      Dir viel Freude beim Lesen und Stöckchenwerfen. LG Anna

  2. Irgendwie amüsiert mich die Vorstellung, wie T. in seiner Hütte in einem Eck sitzt und vielleicht Emerson vor der Tür oder Hawthorne in der anderen Ecke, damit sie genügend Platz für ihre Gedanken haben (natürlich nur bei extrem schlechten Wetter, bei Sonne saßen sie rund um den Teich und schrien sich ihre Philosophien zu). Sorry, wollte das jetzt nicht veralbern…aber seine guten Gedanken führen manchmal auch so zu Abseitigem, dass ich Claudias Schüler verstehen könnte, wenn sie ihm den Genuß von zuviel Waldpilzen oder Kräutern unterstellen🙂

    • Ja, ich kann dich schon verstehen🙂 Aber ich mag auch dieses Abseitige, weil es so eigen ist, so mit dem Mut zur eigenen Sicht auf die Dinge. Und ich glaube, er hätte nichts dagegen, wenn wir dann auch mal grinsen, wenn die Metaphern und Bilder außer Rand und Band geraten.🙂

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