Fundstück: Thoreau über die öffentliche Meinung, Vorurteile und den Rat der Älteren

Die öffentliche Meinung ist, mit unserer eigenen Privatmeinung verglichen, ein schwächlicher Tyrann. Das, was der Mensch von sich denkt, das bestimmt sein Schicksal oder weist ihm den Weg. Wo ist der Wilberforce, der in den westindischen Provinzen der Phantasie und Einbildung die Selbstbefreiung herbeiführt? Man denke auch nur an die Damen des Landes, die bis zum letzten Tage Zierkissen sticken, um ja nicht ein zu lebhaftes Interesse an ihrer Bestimmung zu verraten! Als ob man die Zeit totschlagen könnte, ohne die Ewigkeit zu verletzen.

Die große Masse der Menschen führt ein Leben voll Verzweiflung. Was man so Resignation nennt, ist bestätigte Verzweiflung. […] Eine stereotype, wenn auch unbewußte Verzweiflung ist selbst unter dem versteckt, was man gewöhnlich Vergnügungen und Unterhaltungen der Menschen nennt. […]

Es ist nie zu spät, unsere Vorurteile aufzugeben; auf keine Ansicht, keine Lebensweise, und sei sie noch so alt, kann man sich ohne Prüfung verlassen. Was heute jeder als wahr nachplappert oder stillschweigend geschehen läßt, kann sich morgen als falsch erweisen – als bloßer Ansichtsdunst, den man für eine Wolke hielt, welche Wiesen und Felder mit fruchtbarem Regen erquicken würde. Was alte Leute für unmöglich erklären, das probieren wir und finden, daß es gemacht werden kann. […] In Wirklichkeit haben die Alten keinen einzigen wichtigen Rat bereit, den sie den Jungen geben könnten. Ihre eigene Erfahrung war dazu viel zu einseitig; ihr Leben – aus Privatursachen, wie sie glauben – ein erbärmlicher Mißerfolg. […] Ich habe dreißig Jahre auf diesem Planeten gelebt, hätte aber noch die erste Silbe wertvollen und ernstgemeinten Rats von den Älteren zu vernehmen. […] Da ist das Leben – ein zum großen Teil von mir noch nicht ausgeführtes Experiment. Was hilft es mir, daß sie es ausführten? Wenn ich irgendeine Erfahrung gemacht habe, die ich für wertvoll halte, so hatten, ich kann mich darüber besinnen wie ich will, meine Ratgeber mir nichts davon gesagt. (S. 29/30)

H. D. Thoreau: Walden oder Leben in den Wäldern (1854)

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