Ruth Goodman: How to be a Victorian (2013) – Teil 1/4

I want to explore a more intimate, personal and physical sort of history, a history from the inside out: one that celebrates the ordinary and charts the lives of the common man, woman and child as they interact with the practicalities of their world. I want to look into the minds of our ancestors and witness their hopes, fears and assumptions, no matter how apparently minor. In short, I am in search of a history of those things that make up the day-to-day reality of life. What was it really like to be alive in a different time and place?  […]

So beginnt das Geschichtsbuch, das ich heute vorstellen möchte und das von einer britischen Historikerin geschrieben wurde:

Ruth Goodman: How to be a Victorian (2013)

Zur Autorin

Ruth Goodman, die u. a. Museen wie das Victoria and Albert Museum berät, ist eine begeisterte Befürworterin des sogenannten Reenactment, der Nachstellung historischer Ereignisse und Lebensbedingungen in möglichst authentischer Weise. So ist Goodman einem breiten britischen Publikum vor allem durch ihre Mitarbeit bei den BBC-Dokumentationen Victorian Farm, Victorian Pharmacy, Edwardian Farm, Tudor Monastery Farm und Wartime Farm bekannt geworden.

Zum Inhalt

Wie der Titel schon sagt, steht das Viktorianische Zeitalter (1837 bis 1901) im Mittelpunkt der Betrachtungen. Im Vorwort erläutert sie, auf was es ihr ankommt: nicht auf die großen geschichtlichen Ereignisse, sondern auf das Alltagsleben der Menschen, dem sie akribisch nachspürt, inhaltlich aufgefädelt an den Stationen eines Tages:

… there are many excellent books that relate in more detail the political, economic and institutional shifts of the period. I aim to peer into the everyday corners of Victoria’s British subjects and lead you where I have wandered in search of the people of her age.

I have chosen to move through the rhythm of the day, beginning with waking in the morning and finishing with the activities of the bedroom, when the door finally closes. Where I can, I have tried to start with the thoughts and feelings of individuals who were there, taken from diaries, letters and autobiographies and expanding out into the magazines and newspapers, adverts and advice manuals that sought to inform and shape public opinion. Glimpses of daily life can be found in items that people left behind, from clothes to shaving brushes, toys, bus tickets and saucepans. More formal rules and regulations give a shape to the experience of living, from the adoptions of white lines to mark out a football pitch to the setting of a standard of achievement for school leavers. (S. 3)

Erstes Kapitel: Getting up

Gleich auf den ersten Seiten erfahren wir, was es mit dem Berufsbild des knocker-upper auf sich hatte: Die meisten Arbeiter konnten sich keine Uhren leisten. Um trotzdem pünktlich zur Arbeit zu erscheinen, bezahlten sie dem knocker-upper einen kleinen Betrag für seine Dienste.

Armed with a long cane and a lantern, a knocker-upper wandered the streets at all hours, tapping on the windowpanes of his clients. (S. 6)

Warum empfahlen die Autoritäten der damaligen Zeit, dass man immer auf Durchzug und frische Luft im Schlafzimmer achten musste, egal wie kalt es war? Und wie und wie oft wuschen sich die Menschen überhaupt, so ohne fließendes Wasser?

Im vorviktorianischen Zeitalter war es übrigens nicht üblich gewesen, sich regelmäßig mit Wasser zu waschen, da man davon ausging, dass das die Hautporen öffne und so Krankheitsverursacher in den Körper gelangen würden. Stattdessen achtete man darauf, so oft wie (finanziell und zeitlich) möglich, die Unterwäsche zu wechseln.

Constant clean underwear absorbed the sweat and dirt of the body and, each time you changed, the accumulated dirt was taken away. Dry rubbing of the body with a clean linen towel also helped to remove dirt, grease and sweat from the skin and gave the added benefit of stimulating the circulation, thus promoting a healthy glow and a general tonic to the whole system.

Interessant hierbei ist, dass die Autorin viele dieser Methoden selbst ausprobiert. Sie kommt, was die Körperpflege anbelangt, zu dem Ergebnis:

It works. I know, because I have tried it for extended periods. Your skin remains in good health and any body odour is kept at bay. A quick daily rub-down with a dry body cloth or a ‚flesh brush‘ […] leaves the skin exfoliated, clean and comfortable. The longest I have been without washing with water is four months – and nobody noticed. (S. 15)

Zweites Kapitel: Getting Dressed

Hier erfahren wir nicht nur, was es mit den diversen Kleidungsstücken der verschiedenen Gesellschaftsklassen auf sich hatte, wie sich Modetrends entwickelten, weshalb Frauen Korsetts und Reifröcke trugen, sondern auch, dass die Arbeiterklasse bis ca. 1860 ihre Kleidung nahezu ausschließlich auf großen Second-hand-Märkten erstand. Die spärliche Kleidung der Insassen der Arbeitshäuser war uniformiert – also für Außenstehende ein sicheres Erkennungsmerkmal – und möglichst nicht auf den einzelnen zugeschnitten, sodass die Kleidungsstücke nach den Waschtagen wahllos ausgehändigt werden konnten. Es gab keine „persönlichen“ Stücke.

Drittes Kapitel: A Trip to the Privy

Es folgt ein Kapitel zu den Plumpsklos, die gerade in den Arbeitervierteln der rasant wachsenden Städte zu Gestank, grauenhaften hygienischen Bedingungen und zur Kontamination des Erdbodens und damit des Grundwassers führten, da sie nicht regelmäßig geleert wurden.

As towns and cities became larger and ever more populated, the problems grew. Pools and puddles of filth  from overflowing and inadequate privies became increasingly common in the poorer districts, where people could ill afford to thave them cleaned. Similarly, unscrupulous landlords were loath to spend money on their slum properties. The sharing of facilities only exacerbated the problem. One survey carried out in Sunderland in the 1840s recorded one privy for every seventy-six people, while, in Worcester, one privy was recorded as being shared between fifteen families. (S. 98)

Ab 1848 war es verboten, Häuser zu bauen, die nicht an die öffentliche Kanalisation angeschlossen waren. Das hieß im Klartext, dass in London alles in die Themse geleitet wurde.

It took the Great Stink of 1858, when sacking soaked in chloride of lime had to be hung at the windows of parliament to combat the nauseating smell rising from the river, before the politicians were sufficiently convinced that a solution to the problem had to be found. (S. 100)

Außerdem gibt es einen Exkurs über die technischen Probleme bei der Etablierung von WCs, die ab 1851 vermehrt ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückten, aber ohnehin für Jahrzehnte auf die Häuser der reichen Oberschicht begrenzt blieben.

Als Toilettenpapier dienten lange Zeit Zeitungen, Werbeprospekte und ausgediente Briefumschläge, die in Quadrate geschnitten und mit einem Loch für eine Kordel versehen wurden, an der man sie auffädelte. Erst als man befürchtete, mit verschmutzem Papier auch Krankheiten zu übertragen, entwickelte man in Amerika 1857 die erste Toilettenpapiersorte.

Viertes Kapitel: Personal Grooming

Dem Kapitel habe ich nicht nur entnommen, dass man sehr wohl über Wochen auf Shampoo beim Haarewaschen verzichten könnte, sondern auch, dass arme Frauen sich manchmal Geld damit verdienten, ihr langes Haar zu verkaufen. Weil der Bedarf an langen Haaren für Perücken und Haarteile jedoch so groß war, schreckten einige Bestatter auch nicht davor zurück, das Haar von Leichen zu verkaufen.

… one of the reasons many working-class people preferred open-casket funerals. (S. 116)

Dazu gab es einen florienden Handel, besonders mit Haar aus Indien.

Once the hair had arrived in England, it was bleached and sorted before being sold on to a host of hair workers in small workshops, mostly based in London. Finally, it would appear on the head of a society lady. (S. 116)

Es folgen die Kapitel Morning Exercise und Breakfast.

Hier erfahren wir beispielsweise eine Menge über die Essgewohnheiten der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen, Armut, die quasi dauerhafte Unterernährung der ärmeren Bevölkerungsschichten und furchtbaren Hunger.

Victorian commentators themselves noticed a difference in height among the contemporary population, with many people noting how much smaller, at every age, working-class people were than the upper classes. (S. 170)

Passend dazu empfehle ich den Beitrag auf Entdecke England über Charles Dickens‘ London: The Great Stink.

Morgen geht’s weiter…

15 thoughts on “Ruth Goodman: How to be a Victorian (2013) – Teil 1/4

  1. Liebe Anna,
    ich habe Deine ausführlichen Anmerkungen zum Leben im 19. Jahhrundert mit großer Begeisterung und einem zum Teil ganz breiten Grinsen gelesen (die Plumps-Klos und ihre Folgen, die Zeit des Great Stinks (das Wort alleine ist schon wunderbar), die Überflüssigkeit von Shampoo) und bin mal wieder ziemlich froh, genau heute zu leben. Ich glaube, in unseren Städten riecht es – trotz Diesel-PKW🙂 – heute deutlich besser. Bin schon auf Deine weiteren Ausführungen gespannt und bitte: auf keinen Fall kürzer fassen!
    Viele Grüße, Claudia

    • Ach, das ist ja schön, dass ich mich nicht kürzer fassen soll. Ich habe hier gerade wie ein Rohrspatz geschimpft, dass ich das leider ja auch gar nicht schaffe, mich kürzer zu fassen. Es kostet halt eine Menge Zeit, aber wenn’s ich es nicht aufschreibe, vergesse ich ja wieder die Hälfte🙂 Ja, man sieht seinen eigenen Alltag danach doch anders und hoffentlich ein wenig dankbarer… Viele Grüße und einen tollen Sonntag, Anna

  2. Alles sehr interessant!! Besonders die Abwasserdetails. Ich habe gleich weiterführende links gefunden und mich fest gelesen. Ich musste nämlich im Studium mal Abwässerkanäle und Kläranlagen berechnen … die Historie ist aber viel spannender.🙂

    • Oh, dann hast du ja noch einen ganz anderen Blick auf dieses Kapitel! Mir ist schon noch ein bisschen unklar, wie das möglich gewesen ist, eine solch riesige Stadt im Nachhinein mit einem Abwassersystem zu versehen…

  3. Schließe mich Petra an: Bitte nicht kürzer fassen, sondern noch mehr Details aus dem Leben dieser Epoche. Den florierenden Handel mit Echthaar gibt es übrigens immer noch…jetzt sind es Haare aus China etc., soviel ich weiß, die begehrt sind.

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