Ruth Goodman: How to be a Victorian (2013) – Teil 2/4

Nachdem wir uns gestern in unserem viktorianischen Tagesablauf immerhin bis zum Frühstück durchgearbeitet hatten, geht es heute weiter.

Siebtes Kapitel: The Main Business of the Day

Die Rolle und Entwicklung des öffentlichen Nahverkehrs wird – am Beispiel von London – genauso untersucht wie die entsetzliche Luftverschmutzung. Der Smog wurde durch die unzähligen Kohlefeuer und die Emissionen der Fabriken verursacht und von den Londonern meist verharmlosend als pea soup (Erbsensuppe) oder London particular bezeichnet, den man resigniert als unvermeidlich hinnahm, obwohl er sogar dafür sorgte, dass viele Pflanzen- und Gemüsesorten in London nicht mehr gediehen.

On bad days, you could hold your hand out in front of you, wave it about and not be able to see it at all. You didn’t see people coming, you heard them – coughing, as they approached. Delivery men had to use a boy, who walked along the kerb with one hand on the horse and one foot – invisible to him – knocking against the kerb at each step. When they got to a junction, the pair would slow down to a crawl as the boy felt his way across and tried to find the kerb on the other side. […] Street thieves and muggers could operate almost with impunity, disappearing entirely within feet of the crime scene, making the smogs even more dangerous. (S. 186)

Dieser Smog war ein Problem, das bis in die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts bestand: Erst als es im Dezember 1952 während des Great Smog wieder Tausende Todesfälle gab, kam es zu gravierenden Gesetzesänderungen.

Hatte man dann seinen Arbeitsplatz erreicht, waren die gesundheitlichen Gefahren noch nicht vorüber, ganz im Gegenteil:

The Victorian workplace was renowned neither for its healthy environment nor for its safety record. This held true if you were working  out in the fields just as much as if you were bent over a spinning machine in one of Lancashire’s mills or scrubbing floors in a stately home. (S. 187)

So schildert Goodman beispielsweise die üblen Folgen für die Atemsysteme, die vom Staub in den Textilfabriken verursacht wurden. Die Fabrikbesitzer mussten sich dann entscheiden, was ihnen wichtiger war, die Gesundheit ihrer Arbeiter oder die Kosten für bessere Ventilationssysteme. Dazu kam ein weiteres Problem:

Unfortunately, the cotton spun and weaved better in warm and damp environments, which meant that most owners kept the windows closed. (S. 189)

Natürlich geht die Autorin auch auf die zunächst aberwitzig langen Arbeitszeiten ein. Noch um 1850 betrug die durchschnittliche Wochenarbeitszeit eines männliches Arbeiters zwischen 60 und 65 Stunden. Erst ab den frühen 1870ern sank allmählich die Arbeitszeit und die Arbeiter sahen sich mit einer ihnen bisher unbekannten Frage konfrontiert: Was tun mit den ein oder zwei Stunden, die man nun womöglich nach Feierabend zur freien Verfügung hatte? Frauen und Kinder hingegen arbeiteten meist in nach wie vor unregulierten Industriezweigen.

1833 verbot der Factory Act die Beschäftigung von Kindern unter neun Jahren. Und Kinder zwischen neun und dreizehn Jahren durften offiziell nicht länger als acht Stunden am Tag arbeiten, Vierzehn- bis Achtzehnjährige nicht länger als zwölf Stunden. Aber das galt auch nur für die Textilfabriken; Kontrollen waren selten und Verstöße wurden kaum geahndet.

Some children as young as five were recorded as being in full-time labour, and few Victorian children over the age of twelve had the luxury of not being a paid employee. […] The first flush of the Industrial Revolution had created a new demand for child labour at a time when economic pressure made the extra few pence in the family budget the difference between survival and starvation. (S. 198)

Die meisten Kinder arbeiteten in der Landwirtschaft, in Textilfabriken und im Bergbau.

Children as young as five were known to be left alone in the darf for twelve hours at a time, merely to open and close trapdoors for ventilation and access. (S. 204)

Erst der Mines and Collieries Act (1842) untersagte Frauen und Kindern unter zehn die Arbeit in den Kohleminen. Um 1900 hatten sich die Verhältnisse so weit „verbessert“, dass in vielen Industriezweigen die Kinder ihre erste Arbeit mit ca. 11 oder 12 Jahren aufnahmen. Womit man wieder die Verhältnisse erreicht hatte, die um 1700 – vor dem Einsetzen der Industriellen Revolution – gang und gäbe waren.

Kapitel 8: Back at the House

Hier gibt es eine Fülle an Informationen zu Kleidung, Babykleidung und -nahrung sowie zu den Nachttöpfen. Dass viktorianische Babys häufig, besonders in den Städten, reihenweise Drogen konsumierten, war mir ebenfalls neu.

Viele Medikamente für Babys enthielten nämlich Opiate oder Laudanum, nicht nur um damit Schmerzen zu lindern, sondern auch, um die Babys ruhigzustellen, sodass Mütter, die auf ihren spärlichen Lohn angewiesen waren, hoffen konnten, dass die Babys stundenlang schliefen, während sie ihrer Arbeit nachgingen. Dass damals die meisten Apotheker keine Ausbildung nachweisen mussten, sei nur am Rande vermerkt.

Kapitel 10: The Day’s Work Resumes

Hier beschreibt die Autorin u. a., was für eine zum Teil tagelange Knochenarbeit es bedeutete, die Wäsche zu waschen. In engen Ein-Raum-Wohnungen, ohne fließendes Wasser, mit zum Teil nur unzureichenden Möglichkeiten, Wasser zu erhitzen, und dem Problem, die Wäsche wieder trocknen zu bekommen. Wer es sich eben leisten konnte, ließ die Arbeit von miserabel bezahlten Wäscherinnen erledigen. Starb beispielsweise ein Eisenbahnarbeiter, dann waren Mangeln ein beliebtes „Geschenk“ der Arbeitgeber, mit denen den Witwen ermöglicht werden sollte, sich selbst den Lebensunterhalt zu sichern.

According to the 1861 census, 167,607 people were then employed as professional laundry workers. Of these, 99 per cent were women. By 1901, the total figure had risen to 205,015. […] London had the largest number (around fifty thousand) … (S. 267)

Hat man sich durch das Kapitel durchgeackert, kann man verstehen, weshalb Goodman der Meinung ist, dass die Waschmaschine einer der wichtigsten Faktoren bei der Frauenemanzipation gewesen ist:

… an invention that can sit alongside contraception and the vote in the direct impact it has had on changing women’s lives. (S. 270)

Morgen schauen wir uns übrigens die Schulen im viktorianischen England an.

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6 thoughts on “Ruth Goodman: How to be a Victorian (2013) – Teil 2/4

  1. Liebe Anna,
    mich haben heute die durch Drogen ruhig getellten Babys besonders beeindruckt – und die Apotheker ohne Ausbildung. Bevor man also überhaupt nur einigermaßen erwachsen war, hatte man schon mehrere Drogenentzuge hinter sich. Puh, wirklich keine lebenswerte Zeit…
    Bin gespannt auf Deinen nächsten Artikel, Claudia

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