Ruth Goodman: How to be a Victorian (2013) – Teil 4/4

Für den letzten Teil der Vorstellung von How to be a Victorian habe ich versprochen, dass wir uns anschauen, was die Viktorianer in ihrer Freizeit unternommen haben, woraufhin Birgit von Sätze & Schätze schon scherzhaft fragte, ob denen tatsächlich auch noch Freizeit blieb.

Das 12. Kapitel „A Few Snatched Hours of Leisure“ zeigt, dass diese Frage keineswegs aus der Luft gegriffen ist. Zu Beginn der Viktorianischen Ära hatten die meisten einen Arbeitstag von 12 Stunden oder mehr. Die Sonntage waren zwar frei, doch für Frauen und die in der Landwirtschaft Beschäftigen ging die Arbeit ja auch am Sonntag weiter. Montags ließen die Arbeiter es oft gemütlicher angehen, sie kamen zu spät und arbeiteten nicht besonders eifrig, etwas, was die Arbeitgeber im Laufe des Jahrhunderts immer stärker zu unterbinden suchten. Die Bedeutung der Arbeit nahm grundsätzlich zu.

In 1825, the Bank of England closed for forty holidays; in 1834, this had fallen to just four days. (S. 315)

Schließlich wurden in den meisten Industriezweigen Arbeitszeiten von zehn Stunden pro Tag vereinbart. Dazu wurde samstags nur halbtags gearbeitet. Dabei stellten die Arbeitgeber zu ihrer großen Überraschung fest, dass diese Vergünstigungen keineswegs ihren Profit schmälerten. Im Gegenteil.

Workers became more efficient, machines were run at faster speeds, meal breaks were shortened and processes were streamlined. Mondays became true work days. The factory hand had, in effect, traded a slow Monday, with time for play and chat, for a free Saturday afternoon to do with as he or she pleased, not to mention an extra hour or two every weekday evening. (S. 316)

Musste ein Textilfabrikarbeiter 1837 noch von morgens sieben bis abends acht Uhr arbeiten, und zwar sechs Tage die Woche, so änderte sich das ab 1874 dahingehend, dass man „nur“ noch bis sechs Uhr abends arbeiten musste und samstags war um 14 Uhr Feierabend. Daraus ergab sich für unzählige Menschen zum ersten Mal die Notwendigkeit, sich zu überlegen, was man mit der kostbaren freien Zeit anzufangen gedachte.

Whether it was sport, drinking, gardening or holidaying, a new industry was born – leisure – and an array of activities was available. (S. 316)

Was allerdings nichts daran änderte, dass beispielsweise Hausangestellte nicht von den neuen gesetzlichen Regelungen profitierten und oft weiterhin einen Arbeitstag von bis zu 16 Stunden hatten.

Goodman zeigt uns Kinderspiele und Pferderennen, Boxkämpfe, Cricket und Rugby, mit denen sich vor allem die Männer die Zeit vertrieben, während Tennis auch rasch den Frauen offenstand. Und Sportbegeisterte erfahren, dass 1845 das erste Mal die Regeln für Rugby schriftlich festgehalten wurden. Das war hilfreich, um vor dem Spiel die strittigen Punkte klären zu können. 1863 gab die Football Association ebenfalls ein Regelwerk heraus.

These  two sets of guidelines, which had different visions for the game, separated to form what we now recognize as rugby and football (soccer). (S. 327)

Vor 1880 machte der Schiedsrichter seine Entscheidungen mithilfe einer Fahne deutlich, erst danach kam die Trillerpfeife zum Einsatz, die bis zu einer Meile weit zu hören war. Die Erfindung der Tornetze ließ sich übrigens John Brodie 1889 patentieren.

Interessant auch der Abschnitt über die öffentlichen Parks, mit denen man hoffte, den arbeitenden Massen, die meist in engen und überfüllten Arbeiterquartieren wohnten, Erholung abseits der Kneipen zu ermöglichen. Birkenhead Park beispielsweise wurde 1847 gegründet.

… it was the first to be set up by a public body with public money; unlike the royal parks of London, which had come as gifts to the nation, often in lieu of settling royal debts. (S. 347)

Bliebe noch das Stichwort Urlaub.

… the concept of going away for a holiday was becoming established in the Victorian mind. Pleasure and leisure in previous centuries had rarely involved more than a day’s excursion, to the fair or to the races. The upper classes had traditionally moved seasonally from London to their country seats, and back again. But the idea of setting aside a fixed time and place, apart from business or other social obligations, and purely for reasons of enjoyment, was new. (S. 363)

Und auch hier könnte ich seitenlang zitieren, wie zunächst die Oberschicht aus gesundheitlichen Gründen die Seebäder aufsuchte, dann wurde das Urlaubsvergnügen durch immer erschwinglichere Bahnfahrten auch anderen Gesellschaftsschichten zugänglich. Schließlich konnten sich sogar Arbeiter ihre ersten Tagesausflüge ans Meer leisten. Goodman beschreibt nicht nur die Badekleidung, sondern auch die Sitten und Gebräuche beim „Baden“ und die Entwicklung der Badehütten. Diese betrat man vollständig bekleidet. Dann wurde die Hütte von einem Esel ins Wasser gezogen, man zog sich in der Hütte um, stieg ins Wasser und ließ sich von „dipping women“ ein paar mal untertunken. Schließend verschwand man wieder in der Hütte, trocknete sich ab, kleidete sich an, wurde wieder hoch an den Strand gezogen, wo man dann wieder fein und ordentlich gekleidet der Hütte entstieg.

Männer badeten auch gerne nackt, was zu einer vorübergehenden Trennung in Frauen- und Männerbereiche am Stand führte. Schließlich kehrten sich die Verhältnisse um, Nacktbaden war irgendwann verpönt und die Trennung nach Geschlechtern wurde aufgehoben.

Überflüssig zu erwähnen, dass auch die Kapitel „Evening Meal“, „A Bath before Bed“ und „Behind the Bedroom Door“ eine wunderbar recherchierte Vielfalt an interessanten Details zu bieten haben. Was ich z. B. überhaupt nicht wusste, dass die heutigen Schwimmbäder ihre Entstehung den Bade- und Waschhäusern zu verdanken haben, die ursprünglich den ärmeren Schichten ermöglichen sollten, ihre Wäsche zu waschen. Diesen Wäschereien gliederte man auch Räume mit mehreren Badewannen und kleinen Schwimmbecken an, in denen man sich preisgünstig waschen konnte.

Fazit

Ein faszinierendes Buch, schon allein in der Fülle der zusammengetragenen Informationen, selbst wenn ich die Seiten nur quergelesen habe, die mich nicht so brennend interessierten, wenn z. B. geschildert wurde, welche Entwicklung das Männerhemd im Laufe des Jahrhunderts genommen hatte, mit welchen Methoden die Frauen von damals ihre Haare stylten, welche Babynahrung es gab  oder welche gesellschaftliche Schicht welche Lebensmittel zu welcher Mahlzeit aß.

Immer wieder verknüpft Goodman Details aus dem Alltag der Menschen mit den technischen und wissenschaftlichen Neuerungen, die bestimmte gesellschaftliche Entwicklungen überhaupt erst möglich machten.

The new chemical dyes of the 1860s were stronger and more light-resistant than any that had gone before. While women’s clothes would become almost dayglo, for men, this meant black. Black had previously been a difficult colour to produce, and one that faded fast. Victorian town dwellers, however, had a pressing reason for choosing it. Coal smuts from domestic fires and industry swirled continually in the air, settling on everything and turning it a stickly black. […] The new, non-fading black was an immediate success, and townsmen began to dress predominantly in dark colours. (S. 49)

Faszinierend ist das Werk auch in seiner Lesbarkeit und den vielen Aha-Erlebnissen, die ich ihm verdanke. Es ist wunderbar, für die vielen Romane aus diesem Jahrhundert, die sich hier im Hause tummeln, nun noch einen ganz anderen Unterbau zu haben. So werde ich das nächste Mal, wenn eine viktorianische Romanheldin einen Spaziergang unternimmt, auch daran denken, dass Spaziergänge eine der ganz wenigen körperlichen Ertüchtigungsmöglichkeiten waren, die jungen Mädchen und Frauen zugestanden wurden.

In the 1860s, Dr Pye Chevasse […] recommended walking. Lots of walking. Not athletic hill-walking or anything else too strenuous, but daily, hour-long walks, especially to be taken in the morning … (S. 151)

Der Hintergrund war, dass man sich sicher war, dass heftige körperliche Anstrengung – genau wie höhere Schulbildung – der Gesundheit der Frau irreparablen Schaden zufügen könnte.

A girl’s developing body was thought to be easily upset and at risk of permanent damage if involved in even the lightest of energetic pursuits. It was feared she could be left unable to fulfil her primary function in life: the bearing of children. This was a long-standing, traditional belief fuelled by the Ancient Greek theory that the womb was mobile within the torso. (S. 150)

Und obwohl durch die Erkenntnisse der Anatomie diese These längst widerlegt war, befürchteten Ärzte doch das Schlimmste, sollte sich eine junge Frau gar zu heftig bewegen. Während der Menstruation wurde Mädchen (die nicht der Arbeiterklasse angehörten) pro Monat ein Tag Bettruhe angeraten. Auch emotionale Ruhe war wichtig, deshalb wurden soziale Kontakte streng reglementiert, genauso wie die Art der Lektüre, der man sich als junger Frau ungestraft aussetzen durfte. „Wuthering Heights“ von Emily Bronte und selbst die Romane von Jane Austen galten vielen Eltern als gefährlich und sexuell aufreizend…

Ich hätte glatt noch weitergelesen, und das Ziel, das sich die Autorin in ihrem Vorwort gesetzt hat, hat sie mehr als erreicht:

Such intimate details of a life bring a feeling of connection with the people of the past and also provide a route into the greater themes of history. (S. 2)

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8 thoughts on “Ruth Goodman: How to be a Victorian (2013) – Teil 4/4

  1. Und ich habe mich immer gewundert, warum Spazierengehen so einen hohen Stellenwert bei den Frauen in den Romanen hat… Der Ausflug mit Dir ins viktorianische Zeitalter war sehr erhellend. Liebe Grüße, Peggy

  2. Da schließe ich mich Peggy an: Das bleibt im Hinterkopf beim Lesen des nächsten Romans aus jener Epoche. Und manche Gewohnheit hatte auch was für sich: Manchesmal am Badesee wünsche ich mir mit Blick in die Runde, die Ganzkörperanzüge wären nicht völlig aus der Mode…oder ist das jetzt sehr böse?

    • Das ist gar nicht böse🙂 Goodman, die die Bademode der damaligen Zeit natürlich auch selbst ausprobiert hat, meinte, dass sich einige Modelle sehr angenehm trugen und es für sie auch schön gewesen sei, wenn sie nicht jedem ihren Bauch präsentieren musste…

  3. Das ist alles auch vor dem Hintergrund interessant, dass so manches noch bis in die 50er Jahres des letzten Jahrhunderts Bestand hatte. Z. B. die Badehäuser, im Londoner Eastend hatten die meisten Wohnungen zu der Zeit noch kein Bad. Die Bücher von Jennifer Worth sind dahingehend sehr aufschlussreich. Das hier kommt definitiv auf meine Liste!🙂

  4. Liebe Anna,
    die Badehütten mit den „dipping women“ haben mir sehr gut gefallen🙂. Was für ein Unterschied zu unserem mehr oder weniger bekleideten Hineinrennen ins Wasser! Und dann der erstaunliche/erschreckende/irritierende … Gedanke, dass körperliche Anstrengung sowie auch Bildung schädlich seien für (junge) Frauen. Während das offensichtlich für die armen Frauen – zumindest was die Arbeit betraf – offensichtlich nicht galt. Naja, die Ideen, wie man Frauen ruhig stellen kann, sind offensichtlich vielfältig. — Dein Ausflug in das englische 19. Jahrhundert ist wahrlich sehr lehrreich gewesen.
    Viele Grüße, Claudia

    • Das freut mich sehr, dass auch für euch das ein oder andere Lehrreiche dabei gewesen ist. Bildung als schädlich für Mädchen; umso erstaunlicher und ihrer Zeit voraus, wenn z. B. Jane Austen dann fordert, dass Frauen ihren Männern eine intelligente Gesprächspartnerin sein sollten. Habe heute mit Schrecken festgestellt, dass die Frau auch ein Buch über die Tudorzeit geschrieben hat… LG, Anna

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