Emily St. John Mandel: Station Eleven (2014)

The king stood in a pool of blue light, unmoored. This was act 4 of King Lear, a winter night at the Elgon Theatre in Toronto. Earlier in the evening, three little girls had played a clapping game onstage as the audience entered, childhood versions of Lear’s daughters, and now they’d returned as hallucinations in the mad scene. The king stumbled and reached for them as they flitted here and there in the shadows. His name was Arthur Leander.

So beginnt der Endzeitroman der kanadischen Autorin

Emily St. John Mandel: Station Eleven (2014)

Das Buch wurde von Wibke Kuhn ins Deutsche übersetzt und erschien unter dem Titel Das Licht der letzten Tage.

Ein dickes Dankeschön an Deep Read, ohne deren verlockende Besprechung das Buch hier nicht eingezogen wäre.

Zum Inhalt

Bei einer Theateraufführung in Toronto erleidet der Hauptdarsteller Arthur Leander einen Herzinfarkt. Auch die sofort eingeleiteten Erste-Hilfe-Maßnahmen können ihn nicht retten. Später unterhalten sich noch einige Kollegen an der Theaterbar über Arthur und überlegen, wer nun benachrichtigt werden muss.

Of all of them there at the bar that night, the bartender was the one who survived the longest. He died three weeks later on the road out of the city. (S. 15)

Es ist der letzte Abend, an dem unsere Welt noch so ist, wie wir sie kennen. Flugzeugpassagiere aus Georgien haben eine tödliche Seuche mit nach Kanada gebracht. Schon im Laufe des Nachmittags sterben die ersten Opfer in den Krankenhäusern, die Inkubationszeit ist so kurz, dass am Abend alle Krankenhäuser der Stadt überfüllt sind.

Jeevan Chaudhary, der noch versucht hatte, den Schauspieler auf der Bühne wiederzubeleben, verbarrikadiert sich mit seinem Bruder in dessen Wohnung. Dort verfolgen sie das Geschehen im Fernsehen, bis ein Sender nach dem anderen die Arbeit einstellt. Das Undenkbare ist passiert. Die Zivilisation ist am Ende. Man geht davon aus, dass maximal ein Prozent der Menschheit überlebt hat. Als einige Wochen später die Vorräte zur Neige gehen, beschließt Jeevan, die Wohnung zu verlassen und herauszufinden, ob er weitere Überlebende findet.

Neben dieser Zeitebene, die während des Zusammenbruchs spielt, gibt es die Ebene ca. zwanzig Jahre später. Wir folgen der Travelling Symphony, einer Wandertruppe, die mit von Pferden gezogenen Wagen die weit auseinanderliegenden kleinen Siedlungen ansteuert und dort klassische Konzerte gibt und außerdem Shakespeare-Stücke im Repertoire hat.

Dieter was learning the part of Lear, although he wasn’t really old enough. Dieter walked a little ahead of the other actors, murmuring to his favourite horse. The horse, Bernstein, was missing half his tail, because the first cello had just restrung his bow last week. (S. 36)

Auf den langen Wanderungen treffen die ca. 20 Mitglieder der Truppe auf Überreste der ehemaligen Welt, z. B. auf Tankstellen und auf Autowracks, in denen noch die Skelette sitzen. In längst schon geplünderten Häusern finden sie manchmal etwas Brauchbares, noch etwas Kleidung oder eine alte Zeitschrift.

Schließlich haben zwei Mitglieder der Travelling Symphony nicht, wie vereinbart, an einem bestimmten Ort auf die anderen gewartet. Stattdessen treffen sie auf einen offensichtlich durchgeknallten Sektenführer, der diesen Ort vollständig unter Kontrolle hat. Und dann verschwinden während einer Nachtwache plötzlich noch zwei weitere Mitglieder der Truppe.

Immer wieder wechseln die Zeitebenen. Mal sind wir in der Vergangenheit, wo wir u. a. die Ehefrauen von Arthur Leander kennenlernen und erfahren, was es mit einem Comic mit dem Titel „Station Eleven“ auf sich hat. Dann wiederum bewegen wir uns in der Ebene, während der die Welt, wie wir sie kennen, zusammenbricht.

Schließlich gibt es noch die gefährliche und immer auch gefährdete Gegenwart, in der täglich neu verhandelt werden muss, welche Werte gelten sollen. Für was lohnt sich zu leben, wenn das Motto der Travelling Symphony, das sie einer Star Trek-Episode entlehnt haben, gelten soll: Survival is insufficient.

Fazit

Wir haben hier keine feinen Charakterzeichnungen a la Tolstoi, das Grauen, der Schock, die Trauer, sind sicherlich nicht immer in denkbarer Tiefe dargestellt, aber um ehrlich zu sein, das war mir irgendwann völlig egal. Ich bin schon lange nicht mehr in einem Buch so abgetaucht.

Und normalerweise habe ich nicht so viel für Zeitsprünge und Wechsel der Erzählerstimmen übrig, weil ich dann rasch den Verdacht habe, dass der Autor damit über fehlende Substanz hinwegtäuschen will. Doch hier habe ich allen Wechseln und Sprüngen vertraut, wollte immer wissen, wie es weitergeht, und war fasziniert, wie sich Motive und Linien immer weiter ineinander verschränken. Ich fand diese ausgedachte Welt unglaublich und sie verfolgt mich geradezu visuell. Kein Wunder, dass die Verfilmung bereits beschlossene Sache ist.

Die Autorin setzt – im Gegensatz zu Cormac Mc Carthy beispielsweise – weder auf die explizite Schilderung von Horror und Gewalttaten noch auf die Frage des reinen Überlebenskampfes, sondern eher darauf, unsere Weltsicht ins Wanken zu bringen. Wie sähe eine Welt aus, in der das, was wir überhaupt nicht mehr als etwas Besonderes wahrnehmen, wie Elektrizität, Autos, Flugzeuge, Internet, ausfällt? Wenn plötzlich 99 Prozent der Bevölkerung nicht mehr da wären – und damit auch ihr Know-How fehlen würde? Was gibt, auch nach dem „Ende der Welt“ dem Leben Bedeutung? Welche Rolle kommt der Kultur, dem Theater, der Musik, einem Buch, noch zu?

Unglaublich tolles Buch, und spannend sowieso. Ein Schmöker im besten Sinne. Deep Read hat es so schön auf den Punkt gebracht: „Und so klappt man diesen Roman nach 400 Seiten zu und ist unglaublich einverstanden, zuversichtlich, getröstet. Und dass, obwohl gerade die alte Welt untergegangen ist.“

Ach, und Shakespeare möchte man danach auch gleich wieder lesen.

An incomplete list:

No more diving into pools of chlorinated water lit green from below. No more ball games played out under floodlights. No more porch lights with moths fluttering on summer nights. No more trains running under the surface of cities on the dazzling power of the electric third rail. No more cities. No more films […] No more screens shining in the half-light as people raise their phones above the crowd to take photographs of concert stages. Nor more concert stages lit by candy-coloured halogens, no more electronica, punk, electric guitars.
No more pharmaceuticals. No more certainty of surviving a scratch on one’s hand, a cut on a finger while chopping vegetables for dinner, a dog bite.
No more flight. No more towns glimpsed from the sky through airplane windows, points of glimmering light; no more looking down from thirty thousand feet and imagining the lives lit up by those lights at that moment. […]
No more countries, all borders unmanned. No more fire departments, no more police. No more road maintenance or garbage pickup. […]
No more Internet. No more social media, no more scrolling through litanies of dreams and nervous hopes and photographs of lunches, cries for help and expressions of contentment and relationship-status updates with heart icons whole or broken, plans to meet up later, pleas, complaints, desires, pictures of babies dressed as bears or peppers for Halloween. No more reading and commenting on the lives of others, and in doing so, feeling slightly less alone in the room. No more avatars. (S. 36/37)

Anmerkungen

Inzwischen habe ich noch folgendes Zitat von Agatha Christie in ihrer Autobiografie (1977) gefunden, das hier erstaunlich gut passt:

What will it all end in? Further triumphs? Or possibly the destruction of man by his own ambition? I think not. Man will survive, though possibly only in pockets here and there. There may be some great catastrophe – but not all mankind will perish. Some primitive community, rooted in simplicity, knowing of past doings only by hearsay, will slowly build up a civilisation once more. (S. 222)

Auch wenn St. Mandel nicht müde wird zu betonen, dass Station Eleven kein Science Fiction Roman sei, hat sie 2015 für ihr Buch den Arthur C. Clarke Award verliehen bekommen.

Außerdem schaffte sie es 2014 auf die Shortlist des National Book Award, 2015 auf die Shortlist des PEN/Faulkner Award for Fiction und sie gewann den Toronto Book Award.

Ein Interview mit der Autorin gibt es auf Literary Hub.

Hier geht’s lang zu einigen Rezensionen.

Und Justine Jordan schreibt im Guardian:

Mandel isn’t interested in how apocalypse might act upon art: this is very much a novel about individual rather than collective destiny. The glacial calm of her prose extends to the characters, so that while the book is visually stunning, dreamily atmospheric and impressively gripping, we never feel the urgency and panic of global disaster, let alone its moral weight.

But perhaps that is beside the point. Station Eleven is not so much about apocalypse as about memory and loss, nostalgia and yearning; the effort of art to deepen our fleeting impressions of the world and bolster our solitude. Mandel evokes the weary feeling of life slipping away, for Arthur as an individual and then writ large upon the entire world. In Year Twenty, Kirsten, who was eight when the flu hit, is interviewed about her memories, and says that the new reality is hardest to bear for those old enough to remember how the world was before. „The more you remember, the more you’ve lost,“ she explains – a sentiment that could apply to any of us, here and now.

18 thoughts on “Emily St. John Mandel: Station Eleven (2014)

  1. Der Roman hat mir auch sehr, sehr gut gefallen. Die Autorin kannte ich vom Namen nicht und war deshalb sehr überrascht. Mir hat vor allem imponiert, wie sie in ihrem Werk aufgezeigt hat, welche besondere Rolle Kunst und Kultur im Falle des Zusammenbruchs der modernen Zivilisation im Gegensatz zur Technik erhalten, die nach dem Zusammenbruch nicht mehr funktionieren.

    • Ja, und ich war auch beeindruckt davon, wie deutlich es wurde, wie sehr wir die technischen Errungenschaften als selbstverständlich erachten. Ich hätte glatt Lust, das Buch gleich noch einmal zu lesen, um zu sehen, ob sich mein Eindruck dann noch einmal verändert. LG, Anna

  2. Es liegt hier und guckt schon seit einer Weile, „muss“ aber noch ein paar andere vorher lesen, freue mich aber schon sehr auf das Buch🙂 Man müßte mit jedem Buch das man kauft, auch die benötigte Lesezeit miterwerben können. Schönen Abend!

    • Ja, die fehlende Lesezeit ist ein derzeit noch ungelöstes Problem🙂 Bin gespannt, ob dir das Buch gefällt. Dein Kommentar macht mich durch deine Formulierung „muss aber noch ein paar andere vorher lesen“ neugierig. Liest du streng nach Liste? LG, Anna

      • Nein nicht streng nach Liste, aber da muss das nächste für den Bookclub gelesen werden und das von Salman Rushdie bevor ich zu seiner Lesung gehe und dann Herr Ishiguro und Frau Atwood auf die ich mich auch schon so freue und dann dann aber wirklich dann Station Eleven😉

  3. Oh, wow, ich fühle mich geehrt, dass meine Besprechung dich für das Buch begeistern konnte! Vielen Dank, dass du mich so explizit erwähnt hast🙂 Liebe Grüße, Karo

    • Hi Karo, es ist wirklich so, dass ich keinerlei Hang zu Endzeitgeschichten habe. „The Road“ hatte ich noch gelesen, weil es so gelobt worden war, aber außer gräßlichen Bildern und Horror hat mir das Buch nichts mitgeteilt, und dann kam deine Besprechung. Die weckte trotz meiner Vorbehalte Lust und Neugier. Und ich bin superfroh, dass ich mich darauf eingelassen habe. Also, klar gebührt dir eine explizite Erwähnung, was denn sonst🙂 Wochenendliche Grüße, Anna

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  7. Die Binge-Readerin hat heute diesen deinen Beitrag verlinkt. Komme mir doof vor, aber jetzt hab ich schon zum zweiten Mal die gleiche Frage an dich: Hast du das Buch auf Deutsch gelesen? Kannst du die Übersetzung empfehlen? (Ich glaube nämlich, dass sie es im Original gelesen hat.)
    Liebe Grüße
    Christiane

    • Hi Christiane,
      da in meinem Beitrag alle Zitate auf Englisch sind, heißt das, dass ich das Buch auf Englisch gelesen habe. Leider habe ich diesmal keine deutsche Übersetzung zur Hand, um einen Vergleich anstellen zu können🙂. LG, Anna

      • Mist. Ich hoffte, da du den deutschen Titel zitiert hattest, dass das mehr als Service war.
        Okay, dann weiß ich, wie du das handhabst und bin beim nächsten Mal schlauer!
        Danke & liebe Grüße
        Christiane

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