Bildung in Deutschland (aktualisiert)

Heute ein Post für diejenigen, die an der Bildung in diesem Land interessiert sind

Es gibt tatsächlich Grund zur Besorgnis in diesem Land:

Mir war neu, dass in der Zeitschrift des Philologenverbands Sachsen-Anhalt ganz offen und sozusagen von oberster Pädagogenseite fremdenfeindliche Ressentiments geschürt werden dürfen. Ist aber so. Siehe den Leitartikel von Dr. Jürgen Mannke (Vorsitzender des Philologenverbandes Sachsen-Anhalt) und Iris Seltmann-Kuke (seiner Stellvertreterin), Ausgabe 3/2015. Ich zitiere:

Eine Immigranteninvasion überschwappt Deutschland, die viele Bürger mit sehr gemischten Gefühlen sehen. Ohne Zweifel ist es unsere humane Pflicht, Menschen, die in existentielle Not durch Krieg und politische Verfolgung geraten sind, zu helfen. Aber es ist ungemein schwer, diese von den Leuten zu unterscheiden, die aus rein wirtschaftlichen oder gar kriminellen Motiven in unser Land kommen. Wenn man die aktuellen Bilder der Flüchtlingswelle verfolgt, ist es nicht zu übersehen, dass viele junge, kräftige, meist muslimische Männer als Asylbewerber die Bundesrepublik Deutschland auserkoren haben, weil sie hier ideale Aufnahmebedingungen vorfinden oder das zumindest glauben. […] Viele der Männer kommen ohne ihre Familie oder Frauen und sicher nicht immer mit den ehrlichsten Absichten. […] Es ist nur ganz natürlich, dass diese jungen, oft auch ungebildeten Männer auch ein Bedürfnis nach Sexualität haben. Vor dem Hintergrund ihrer Vorstellungen von der Rolle der Frau in ihren muslimischen Kulturen bleibt die Frage, wie sie, ohne mit den Normen unserer Gesellschaft in Konflikt zu geraten, ihre Sexualität ausleben oder Partnerschaften in Deutschland anstreben können. […] Mit einer undifferenzierten Willkommenskultur können wir diese Probleme nicht lösen und es gibt viele Frauen, die als Mütter heranwachsender Töchter die nahezu ungehemmten Einwanderungsströme mit sehr vielen Sorgen betrachten. Schon jetzt hört man aus vielen Orten in Gesprächen mit Bekannten, das (sic!) es zu sexuellen Belästigungen im täglichen Leben, vor allem in öffentlichen Verkehrsmitteln und Supermärkten, kommt. Auch als verantwortungsbewusste Pädagogen stellen wir uns die Frage: Wie können wir unsere jungen Mädchen im Alter ab 12 Jahren so aufklären, dass sie sich nicht auf ein oberflächliches sexuelles Abenteuer mit sicher oft attraktiven muslimischen Männern einlassen?

Selbstverständlich ist sich Mannke, Leiter eines Gymnasiums, keiner Schuld bewusst. Ist schon bitter zu sehen, wie jemand, der von sexgeilen, ungebildeten, attraktiven, im Mittelalter verharrenden Muslimen faselt, sich als „besorgter“ Bürger geriert, der sich nicht den Mund verbieten lasse. Ja, also fast ein Freiheitskämpfer.

Verbandschef Mannke wies gegenüber der Mitteldeutschen Zeitung die Kritik zurück. „Ich bediene keine rassistischen Ressentiments“, sagte er. „Wir machen uns Sorgen.“ Was in dem Artikel stehe, sei die Wahrheit. „Ich habe mir vor 1989 nicht den Mund verbieten lassen und tue das jetzt auch nicht“, so Mannke.

CDU-Bildungsexperte Hardy Peter Güssau hat keine grundsätzlichen Probleme mit derlei Blödsinn: „Er sagte lediglich, dass die Wortwahl Mannkes teilweise martialisch und unglücklich sei.“

Nachdem ich die ärgste Übelkeitsattacke überwunden habe, empfehle ich dazu:

Bildung als Aufklärung
Der Gebildete ist also einer, der sich in der Welt zu orientieren weiss. […] Was die Idee der Bildung anbelangt, kann das nicht heissen: mit seinem Wissen über andere zu herrschen. Die Macht des Wissens liegt woanders: Sie verhindert, dass man Opfer ist. Wer in der Welt Bescheid weiss, kann weniger leicht hinters Licht geführt werden und kann sich wehren, wenn andere ihn zum Spielball ihrer Interessen machen wollen, in Politik oder Werbung etwa. Orientierung in der Welt ist nicht die einzige Orientierung, auf die es ankommt. Gebildet zu sein, heisst auch, sich bei der Frage auszukennen, worin Wissen und Verstehen bestehen und was deren Grenzen sind. Es heisst, sich die Frage vorzulegen: Was weiss und verstehe ich wirklich? Es heisst, einen Kassensturz des Wissens und Verstehens zu machen. Dazu gehören Fragen wie diese: Was für Belege habe ich für meine Überzeugungen? Sind sie verlässlich? Und belegen sie wirklich, was sie zu belegen scheinen? Was sind gute Argumente, und was ist trügerische Sophisterei? Das Wissen, um das es hier geht, ist Wissen zweiter Ordnung. Es unterscheidet den naiven vom gebildeten Wissenschaftler und den ernstzunehmenden vom einfältigen Journalisten, der noch nie etwas von Quellenkritik gehört hat. Wissen zweiter Ordnung bewahrt uns davor, das Opfer von Aberglauben zu werden. Wann macht ein Ereignis ein anderes wahrscheinlich? Was ist ein Gesetz im Unterschied zu einer zufälligen Korrelation? Was unterscheidet eine echte Erklärung von einer Scheinerklärung? Das müssen wir wissen, wenn wir ein Risiko abschätzen und uns ein Urteil über all die Vorhersagen bilden wollen, mit denen wir bombardiert werden. Jemand, der in diesen Dingen wach ist, wird skeptische Distanz wahren, nicht nur gegenüber esoterischer Literatur, sondern auch gegenüber wirtschaftlichen Prognosen, Wahlkampfargumenten, psychotherapeutischen Versprechungen und dreisten Anmassungen der Gehirnforschung. […]. Der in diesem Sinne Gebildete weiss zwischen bloss rhetorischen Fassaden und richtigen Gedanken zu unterscheiden. Er kann das, weil ihm zwei Fragen zur zweiten Natur geworden sind: «Was genau heisst das?» und: «Woher wissen wir, dass es so ist?» Das immer wieder zu fragen, macht resistent gegenüber rhetorischem Drill, Gehirnwäsche und Sektenzugehörigkeit, und es schärft die Wahrnehmung gegenüber blinden Gewohnheiten des Denkens und Redens, gegenüber modischen Trends und jeder Form von Mitläufertum. Man kann nicht mehr geblufft und überrumpelt werden, Schwätzer, Gurus und anmassende Journalisten haben keine Chance. Das ist ein hohes Gut, und sein Name ist: gedankliche Unbestechlichkeit.

Thematisch gar nicht dazu passend, aber eine wesentlich erfreulichere Lektüre: Wie Frau Hilde mit ihren Dreizehnern über Liebe diskutiert.

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Vielen Dank für die freundliche Erlaubnis, das Foto zu verwenden. Alle Rechte bei Echoes of the Past.

14 thoughts on “Bildung in Deutschland (aktualisiert)

  1. Respekt, dass du die Übelkeit überwinden konntest; bei mir dauert sie noch an. Um nicht zu sagen, dass ich fassungslos bin. Das ist übelste rechte Demagogie. „Besser“ könnte es Lutz Bachmann vermutlich auch nicht ausdrücken …

    Danke fürs Verlinken übrigens. Aber (*flüster*) es sind schon Dreizehner. Gaaaanz große Große!😉

    • Ging mir auch so, ich hatte ja schon etwas Zeit. Aber fassungslos bin ich auch, dass so jemand aus und für unseren Berufsstand so einen gequirlten Quark verbreitet. Und sehr gern habe ich auf deinen Blog verlinkt. Es ist eine Gabe, bestimmte Unterrichtssituationen so liebevoll aufs Korn zu nehmen. Ein schönes Wochenende, Anna
      PS: Fehler wurde gerade korrigiert. Danke für den Hinweis🙂

  2. Liebe Anna,
    die Äußerungen habe ich auch mit Entsetzen gelesen. Und mich ebenso neulich über den AfD-Typen bei Günter Jauch aufgeregt, der auch solches Gedankengut losliess. Der dem Vernehmen nach ebenfalls Lehrer ist. Und mich dann hinterfragt: Warum entsetzt es mich insbesondere, wenn solches von scheinbar gebildeten Menschen kommt? Mal abgesehen davon, dass es fürchterlich ist, sich vorzustellen, Kinder und Jugendliche werden solchen Lehrern und Pädagogen ausgesetzt. Zugleich sieht man, wie blind unser System auf einem Auge immer noch ist: Ich erinnere mich an meinen angeschwärmten Geographie-Lehrer, der seinen VW-Bus wegen eines Aufklebers von den Grünen nicht mehr bei der Schule parken durfte, ich erinnere mich an die ganzen „Radikalenerlässe“ der 70erund 80er, die immer die Linken trafen.. Aber zurück zur Kernfrage für mich: Wieso glaube ich immer noch, Bildung schützt vor Dummheit? Solche Menschen an solchen Positionen solche Dinge äußern zu sehen: Es entsetzt mich einfach durch und durch.

    • Hallo Birgit,
      ja, eigentlich wissen wir ja, dass Bildung und Kultur allein keinen verlässlichen Schutz bieten; entscheidender sind wohl eher andere Faktoren, Menschenbild, eigene Charakterfestigkeit, soziales Umfeld, Sozialisation, die ersten Jahre im Elternhaus etc. Trotzdem geht es mir wie dir, es entsetzt mich, soweit das möglich ist, doch noch ein bisschen mehr, wenn derlei Gedankengut von Menschen kommt, die
      a) Zugang zu Informationen haben und vom IQ intelligent genug wären, das zu nutzen
      b) aufgrund ihres Studiums schon mal das Wort „Reflexion“ gehört haben dürften
      c) in verantwortlicher Position tätig sind und damit von vielen quasi einen „Expertenanspruch“ bescheinigt bekommen
      d) für die Erziehung von Menschen verantwortlich sind
      e) so biedermännisch/harmlos daherkommen
      f) sich dann noch als die letzten Aufrichtigen, die sagen, was gesagt werden muss, gebärden
      Es ist so, die Blindheit auf dem rechten Auge – erschreckend.

      • Liebe Anna,
        das Erschreckende daran ist wohl: Man glaubt, Bildung und der Zugang zu Informationen verhindert Vorurteile. Wenn aber diese so tief sitzen, dann kann man mit Information diese Menschen nicht erreichen – sie sind unerreichbar, unverbesserlich.

  3. Liebe Anna,
    ich habe die Zitate von Vertretern des Philologenverbandes, das sind ja vor allem die Gymnasiallehrer, die sich auch sonst immer für ganz „besondere“ Pädagogen halten, gestern im Auto bei einem Radiobeitrag gehört und musste sehr kämpfen, um nicht sofort in Ohmmacht zu fallen. Das ist eine ganz üble Rhetorik, die auch gar nichts mit Meinungsfreiheit zu tun hat, denn die beiden Kollegen treten hier ja auch als Sprecher eines Lehrerverbandes auf, haben also eine institutionelle Rolle und schreiben nicht einen Leserbrief, in dem sie ihre Privatmeinung kundtun. Zum Glück lassen sich solche Meinungseskapaden im Verbandsblatt der Wirtschaftslehrer nicht entdecken – ich würde stehenden Fußes austreten.
    Neben der entlarvenden Sprache, die mehrfach den zwar daramtischen, aber völlig unklaren Begriffe „viele“ nutzt, ist es besonders widerlich, dass die jungen muslimischen Einwanderer auf ihre ungezügelte Sexualität reduziert werden. Auch das haben wir schon einmal erlebt, da ging die verallgemeinernde Verleumdung aber in Richtung der finanziellen Geilheit. Es ist einfach unglaublich, dass hier einzelne Fälle, die es sicherlich gibt – und auch deutsche, französische, englische, dänische, amerikanische Männer sollen manchmal ihre Sexualität nicht im Griff haben – so verallgemeinert werden, dass gleich alle muslimischen Einwanderer pauschal diskreditiert werden. Ich hoffe, dass diese Äußerungen mehr Konsequenzen haben, als dass hier nur eine nicht immer ganz passende Sprache entschuldigend angeführt wird.
    Im Übrigen: Schüler haben im Moment ein ganz großes Bedürfnis, über dieses Thema zu sprechen. Das, was passiert, erfüllt sie mit tatsächlicher Sorge – ganz unabhängig von irgendwelchen politischen Verortungen. Umso wichtiger ist es, dass wir Lehrer hier immer wieder deutlich machen, dass hier gerade KEINE Invasion passiert, dass wir eben gerde keine Angst haben müssen, morgen oder pübermorgen in einem ganz anderen land wachzuwerden. Das habe ich ähnlich auch nach dem 11.9.2001 erlebt. Und Schüler sind wirklich sehr dankbar, wenn sie über ihre Ängste sprechen können und wir versuchen, ihnen – bei aller Unsicherheit, die gerade besteht und die eben für ein leben auch ganz typisch ist – die Sicherheit geben können, dass sich jetzt nicht innerhalb kürzester Zeit alles komplett verändern wird. Umso widerwärtiger sind Äußerungen in offiziellen Publikationen des Philologenverbandes, umso wichtiger die Texte von Bieri.
    Liebe Anna, vielen Dank für Deinen Artikel, der es mir auch noch einmal ermöglicht hat, die Äußerungen der beiden … im Original nachzulesen.
    Viele Grüße, Claudia

    • Ja, das erlebe ich auch so, dass Schüler ein großes Bedürfnis haben, ihre Fragen, Sorgen (und Vorurteile) äußern zu können und sie sind Argumenten gegenüber oft zugänglicher, als man das befürchten könnte. Ob alle Lehrer/Politiklehrer dem immer so gewachsen sind, lasse ich jetzt mal dahingestellt… Dir noch einen schönen Sonntag, Anna

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