Joachim Meyerhoff: Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke (2015)

Mit zwanzig wurde ich zu meiner großen Überraschung in München auf einer Schauspielschule angenommen und zog, da ich kein Zimmer fand, bei meinen Großeltern ein. Diese beiden Welten hätten nicht unterschiedlicher sein können. Davon will ich erzählen: von meinen über alles geliebten Großeltern, gemeinsam gefangen in ihrem wunderschönen Haus, und davon, wie es ist, wenn einem gesagt wird: „Du musst lernen, mit den Brustwarzen zu lächeln.“

So, gleichsam mit einer Inhaltszusammenfassung „in a nutshell“, beginnt der dritte Teil der Erinnerungen von

Joachim Meyerhoff: Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke (2015)

Zum Inhalt

Nach irgendwie bestandenem Abitur weiß Meyerhoff nur, dass er aus seiner kleinen norddeutschen Heimatstadt Schleswig weg will, irgendwohin, wo ihn keiner mitleidig anschaut, wo niemand von dem Unfalltod seines Bruders weiß.

Ich war durch den noch nicht lange zurückliegenden Unfalltod meines mittleren Bruders komplett aus der Bahn geworfen worden. Mein Leben war bis zu diesem Verlust ein stabiles und angenehmes gewesen. Eine verlässlich zugefrorene Fläche, auf der ich gutbürgerlich herangewachsen und wohlbehütet Schlittschuh gelaufen war. Doch jetzt knirschte und taute es gewaltig unter mir. Eine unberechenbare Traurigkeit hatte mich ergriffen und brachte Bewegung in die Tektonik meiner einst so soliden Tage. Ich glitt auf dünnem Eis dahin, doch immer öfter blieb ich unvermittelt stehen, da mich eine Verzagtheit ergriff, die mir den Atem nahm und jeden weiteren Schritt sinnlos zu machen schien. Aber genau dieses Stehenbleiben war gefährlich. Ich musste stets in Bewegung bleiben, um nicht einzubrechen. Auch quälten mich Zukunftssorgen, da ich nicht die leiseste Ahnung hatte, was ich werden sollte. (S. 37)

Liebäugelt er zunächst mit einer Zivildienststelle in München als Bademeister für erkrankte Kinder, so entschließt er sich dann doch, an der Aufnahmeprüfung der Otto-Falckenberg-Schule teilzunehmen. Er wird genommen, obwohl er nur eine statt der drei geforderten Rollen eingeübt hat.

Aus Bequemlichkeit und Geldnot zieht der Erzähler in die Villa seiner Münchner Großeltern, der ehemaligen Schauspielerin Inge Birkmann und dem Philosophie-Professor Hermann Krings. War zunächst nur von einigen Wochen die Rede, wird er – zu seiner und des Lesers Freude – die nächsten drei Jahre im „rosa Zimmer“ der Großeltern wohnen, sich an seine Kindheit erinnern und sich mehrmals die Woche gepflegt mit ihnen betrinken.

In dieser Zeit kämpft und hadert er mit seiner Ausbildung an der Otto-Falckenberg-Schule und oft genug verzweifelt er an sich, den Lehrern, den Aufgaben. Was soll man auch davon halten, wenn man die Anweisung bekommt, als Nilpferd einen Monolog aus Effi Briest zu sprechen?

Fazit

Ich interessiere mich eigentlich weder für Schauspielschulen noch für Meyerhoffs Großeltern, doch was soll ich sagen: Was für ein wundervolles Buch. Ich bin entzückt, die Bekanntschaft dieser zwei elegant-trinkfesten Menschen gemacht zu haben, und kann mich nur wiederholen:

Meyerhoff schaut ganz genau hin, auch wenn’s wehtut. Dabei schont er sich nicht, ist entwaffnend ehrlich und klug. So entsteht ein anrührender Blick auf einen jungen Mann, der noch keine Ahnung hat, wo es für ihn langgehen könnte, und der sich keineswegs sicher ist, an der Schauspielschule am richtigen Ort zu sein. Das kommt so frisch, absurd und unmittelbar daher, als hätte der Erzähler seine Ausbildungsjahre erst gestern erlebt.

Neben dem Witz gibt es eine ganz große Unbefangenheit und ein manchmal fassungslosen Staunen, mit dem er seine in ihren Ritualen verhafteten, seltsam aus der Zeit gefallenen, durchaus exzentrischen Großeltern porträtiert. Und obwohl wir nach der Lektüre glauben, vieles, auch sehr Privates über diese zwei Menschen zu wissen, war es nie indiskret, habe ich mich nie als Voyeur gefühlt.

In einem Taschenkalender [des Großvaters] steht zum Beispiel über einen Tag im Kurhotel in Dürnberg, als beide schon weit über achtzig waren, Folgendes: „Gegen viertel vor neun brechen Inge und ich bei kühlen Temperaturen auf. Ich habe einen Rucksack mit dem Nötigsten gepackt. Nach einem etwas gerölligen Aufstieg erreichen wir den Höhenweg gegen neun. Bei herrlicher Sicht wandern wir bis zum Kreuz. Ankunft um neun Uhr zehn. Wir rasten und essen jeder einen Apfel und trinken einen Schluck Schnaps. Genießen die Aussicht. Ich bin ungewöhnlich außer Atem. Inge sieht im Tal einen Hirsch, der sich mit dem Fernglas als Heuschober entpuppt. Um halb zehn brechen wir einigermaßen ausgeruht wieder auf. Es zieht sich zu. Gegen viertel vor zehn erreichen wir glücklich das Hotel. Sogar trocken geblieben sind wir.“ So steht es da. Sie waren eine Stunde unterwegs und doch klingt es nach einer grandiosen Gipfelerstürmung. (S. 157)

Meyerhoff kann erzählen und mit seinen Dialogen eine Unmittelbarkeit erzeugen, dass man meint, man sitze beim Sechs-Uhr-Whisky oder beim abendlichen Rotweingelage mit am Tisch und müsse ebenfalls aufpassen, nicht auf die wertvollen Großelternstühle zu kleckern, bis man schließlich ziemlich angeschickert mit dem Treppenlift nach oben zu den Schlafgemächern entschwindet.

Als Leser(in) ist man gerührt, entsetzt, betrübt und amüsiert. Komik und Tragik liegen oft ganz nah beieinander und genau das bewahrt das Buch davor, nur eine locker-flockige Anekdotensammlung zu werden.

Ich wünschte, viel mehr Autoren könnten auch so erzählen, so urkomisch, liebevoll, tolerant, verzweifelt und zärtlich und dabei immer durchlässig aufs zutiefst Menschliche.

Wenn ich nachts oder auch frühmorgens ins Haus meiner Großeltern kam, stand für mich das Abendessen in der Küche. Immer lag auf dem leeren Teller ein kleiner Zettel mit der nur schwer zu entziffernden Großmutter-Handschrift: „Lieberling, im Kühlschrank ist noch Lachs“ oder „Lieberling, die Avocado ist köstlich. Ein Rest aufgeschnittener Zunge ist auch noch da“ oder „Lieberling, iss bitte den Appenzeller auf und mach den Rotwein alle. Das Stück Baumkuchen ist für dich.“

Selten in meinem Leben habe ich so sicher gewusst: Genau hier will ich sein, genau in diesem Moment, genau an diesem Küchentisch will ich sitzen, mit tauben, nach Rauch riechenden Fingerspitzen ein Glas Rotwein trinken und dazu kalt aufgeschnittenen Braten essen. Über der Spüle sah ich die beiden mit Wasser gefüllten Gläser der vor Stunden zu Bett gegangenen Großeltern und am Rand des einen den Lippenstiftabdruck der Großmutter. (S. 258)

Eine meiner zahlreichen Lieblingsstellen beschreibt übrigens, wie er einen teuren Bildband klaut, und wenn man wissen will, warum ihn der Ladendetektiv – nach wildester Verfolgungsjagd – trotzdem laufen lässt, dann muss man das Buch schon selbst lesen.

Anmerkungen

Wer mehr Zeit hat, dem sei das Interview mit dem Autor auf SRF empfohlen. Dort erklärt er u. a. den Zusammenhang zwischen Humor und Ernst und auch, warum ihn seine Erinnerungen so wichtig sind. Er möchte seine Vergangenheit und auch die Verstorbenen quasi immer bei sich tragen. Er könne das Wort “Trauerarbeit” nicht ausstehen, wenn es suggeriere, dass man irgendwann mit der Trauer fertig sei.

Meine Besprechungen zu den bisher erschienenen Teilen seines auf sechs Bände angelegten Erinnerungsprojekts:

Und hier eine Besprechung von Katja Weise und ein Interview mit Julia Westlake auf NDR Kultur.

Auch Susanne von Susanne schreibt was teilt meine Begeisterung.

Einen prima Eindruck gibt ebenfalls Meyerhoffs Auftritt in der NDR Talkshow.

7 thoughts on “Joachim Meyerhoff: Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke (2015)

  1. Ich wollte ja nie glauben, dass Meyerhoff so gut schreibt wie alle immer behaupten. Ich bin erst mit diesem Buch in die Trilogie eingestiegen und weiß jetzt, was ich verpasst habe! Deine Rezi spricht mir aus dem Herzen! Dem ist nichts hinzuzufügen🙂 LG, Karo

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