Vergleich: Original und Übersetzung

Christiane von Irgendwas ist immer fragte in ihrem Kommentar zu meiner Besprechung von An Autobiography von Agatha Christie:

Ich bin nicht sicher, ob ich für die englische Fassung die Geduld aufbringe, kannst du was zu der deutschen Übersetzung sagen, außer dass der Titel albern ist?

So habe ich  meiner Mutter mal die deutsche Übersetzung von Hans Erik Hausner aus dem Scherz Verlag von 1990 entwendet und ein bisschen gestöbert.

Zwar hat auch die deutsche Übersetzung 538 Seiten, doch wurde ein größeres Schriftbild gewählt und an manchen Stellen kräftig gekürzt. Dadurch wirkt die Übersetzung oft glatter – und langweiliger. Die Erzählstimme klingt weniger individuell. Der selbstironische Charme, der Plauderton gehen mitunter arg verloren.

Drei Kostproben mögen zeigen, was ich damit meine.

1. Beispiel

Situation: Christie schreibt über ihren liebenswerten, aber faulen Vater:

Übersetzung:

Die Leute wollen [heutzutage] eher wissen, ob ein Mann klug und fleißig ist, ob er zum Wohl der Gemeinschaft beiträgt, ob er in der Ordnung der Dinge ‚zählt‘.

Original:

People tend to ask [nowadays] if a man is clever, industrious, if he contributes to the well-being of the community, if he ‚counts‘ in the scheme of things. But Charles Dickens puts the matter delightfully in David Copperfield:

‚Is your brother an angreeable man, Peggotty?‘ I enquired cautiously.

‚Oh what an agreeable man he is!‘ exclaimed Peggotty.

Ask yourself that question about most of your friends and acquaintances, and you will perhaps be surprised at how seldom your answer will be the same as Peggotty’s. (S. 15)

2. Beispiel

Situation: Agatha hatte ein langweiliges Französisch-Lehrwerk hinter einem ausgestopften Adler versteckt, um sich vor dem Unterricht zu drücken.

Übersetzung:

Mutter aber machte meine Pläne mühelos zunichte. Sie setzte einen Preis aus – eine ganz besonders leckere Schokolade -, der demjenigen zufallen sollte, der das Buch fand. Ich ging ihr in die Falle. Nachdem ich mich überall umgesehen hatte, kletterte ich schließlich auf einen Stuhl, guckte hinter den Adler und rief mit überraschter Stimme: ‚Ach, da ist es ja!‘ Die Strafe folgte auf dem Fuße. Ich wurde gescholten und für den Rest des Tages ins Bett gesteckt. (S. 50)

Original:

My mother, however, defeated my efforts with ease. She proclaimed a prize of a particularly delectable chocolate for whoever should find the book. My greed was my undoing. I fell into the trap, conducted an elaborate search around the room, finally climbed up on a chair, peered behind the eagle, and exclaimed in a surprised voice: ‚Why, there it is!‘ Retribution followed. I was reproved and sent to bed for the rest of the day. I accepted this as fair, since I had been found out, but I considered it unjust that I was not given the chocolate. That had been promised to whoever found the book, and I had found it. (S. 54)

3. Beispiel

Christie schreibt, dass Respekt wichtig für eine glückliche Beziehung ist.

Übersetzung:

Respekt aber, das ist etwas, worüber man nicht nachzudenken braucht; er ist da, und dafür ist man dankbar. Die Frau will das Gefühl haben, daß sie sich auf den Mann verlassen, seinem Urteil vertrauen und, wenn es schwierige Entscheidungen zu treffen gibt, sie diese getrost ihm überlassen kann. (S. 60)

Original:

But respect is a thing that you don’t have to think about, that you know thankfully is there. As the old Irish woman said of her husband, ‚Himself is a good head to me‘. That, I think, is what a woman needs. She wants to feel that in her mate there is integrity, that she can depend on him and respect his judgement, and that when there is a difficult decision to be made it can safely lie in his hands. (S. 64)

 

 

 

 

 

 

14 thoughts on “Vergleich: Original und Übersetzung

  1. Das ist ja super interessant, vielen Dank auch für die Beispiele. Was einem alles verloren gehen kann – sehr schade. Vor allem ist mir nicht klar, wieso man meinte, das derart kürzen zu müssen. Liebe Grüße
    Petra

  2. Ach, das ist toll, dass du dran gedacht hast! Vielen Dank für die Beispiele, die illustrieren ganz hervorragend, was du meinst. Unter diesen Umständen lohnt sich eigentlich nur das Original.
    Liebe Grüße
    Christiane

    • Hallo Christiane,
      nun wurde sicherlich nicht überall so drastisch gekürzt wie in den Beispielen, die ich völlig zufällig gewählt habe, aber das Original liest sich wirklich spritziger. LG, Anna

  3. Pingback: [Sonntagsleserei]: Januar 2016 – Lesen macht glücklich

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