Winifred Watson: Miss Pettigrew lives for a day (1938)

Miss Pettigrew pushed open the door of the employment agency and went in as the clock struck a quarter past nine. She had, as usual, very little hope, but today the Principal greeted her with a more cheerful smile.

So beginnt das Buch, das ich ursprünglich nur gelesen habe, weil momentan Lesezeit und Konzentration für Anspruchsvolleres fehlt. Aber nun wird Miss Pettigrew dieses Jahr vermutlich meine Antwort sein, wenn Katrin in ihrer jährlichen Blogparade wieder fragt: „Welches war das Buch in diesem Jahr, von dem ich mir wenig versprochen habe, das mich dann aber positiv überrascht hat?“

Winifred Watson: Miss Pettigrew lives for a day (1938)

Die deutsche Übersetzung von Martina Tichy erschien unter dem Titel Miss Pettigrews großer Tag (2009).

2008 kam die Verfilmung in die Kinos. Zwar wurden schon 1939 die Filmrechte an Universal Pictures verkauft, doch der Zweite Weltkrieg brachte damals das Projekt zum Erliegen.

Zum Inhalt

Die vierzigjährige mausgraue Guinevere Pettigrew sucht verzweifelt nach einer neuen Arbeitsstelle als Kindermädchen oder Gouvernante, doch es wird immer schwieriger, Arbeit zu finden, denn eigentlich hasst sie es, sich um ungezogene Kinder zu kümmern, denen sie ohnehin keinen Respekt einflößen kann.

Outside on the pavement Miss Pettigrew shivered slightly. It was a cold, grey, foggy November day with a drizzle of rain in the air. Her coat, of a nondescript, ugly brown, was not very thick. It was five years old. London traffic roared about her. Pedestrians hastened to reach their destinations and get out of the depressing atmosphere as quickly as possible. Miss Pettigrew joined the throng, a middle-aged, rather angular lady, of medium height, thin through lack of good food, with a timid, defeated expression and terror quite discernible in her eyes, if any one cared to look. But there was no personal friend or relation in the whole world who knew or cared whether Miss Pettigrew was alive or dead. (S. 2)

Sie weiß, das Stellenangebot als Kindermädchen bei Miss LaFosse ist nach Wochen der Arbeitslosigkeit ihre letzte Chance, dem Arbeitshaus zu entgehen. Doch bevor sie dazu kommt, mit ihrer potentiellen Arbeitgeberin Einzelheiten der Stelle zu besprechen, hilft sie zunächst einmal der reizenden, wenn auch etwas chaotischen Miss LaFosse deren Liebhaber Phil aus der Wohnung zu scheuchen. Das ist auch dringend notwendig, denn schon steht der Eigentümer der Wohnung, der brutal attraktive Nachtclubbesitzer Phil, auf der Matte, der seine Rückkehr erst für den nächsten Tag angekündigt hatte.

Und so nehmen äußerst turbulente 24 Stunden ihren Lauf, in denen die verarmt-verhärmte Pfarrerstochter Guinevere Pettigrew das Leben kennenlernt, das sie nur aus dem Kino kennt: das Leben der Reichen und Schönen. Mit wachsender Begeisterung hilft sie nicht nur der bildhübschen, aber ziemlich planlosen Nachtclubsängerin LaFosse, Ordnung in deren Leben mit drei Liebhabern zu bringen.

Gleichzeitig bestehen LaFosse und ihre Freundin Edythe, Besitzerin eines Schönheitssalons, darauf, dass Guinevere sich für die zwei für den Tag geplanten Partys schminken lässt und sich in den von LaFosse geliehenen traumschönen Kleidern kaum wiedererkennt.

Und so trinkt Miss Pettigrew zum ersten Mal ihr ganz unbekannte Spirituosen, lernt unerwartete Seiten an sich kennen, entwickelt einen starken Beschützerinstinkt gegenüber ihrer jungen neuen Freundin LaFosse und vor allem: Sie entwickelt einen ganz neuen Hunger auf Leben und nach den 24 Stunden ist für die beiden so unterschiedlichen Frauen nichts mehr so, wie es war.

Fazit

Klingt das zunächst trivial? Klingt das nach einer Aschenputtel-Version? Ja, ist es. Aber gleichzeitig ist das Buch viel mehr: Es ist warmherzig und witzig; in den Dialogen erinnert es an die Screwball-Comedies der fünfziger und sechziger Jahre.

Guineveres klarer Blick auf sich selbst, ihre Angst vor dem endgültigen gesellschaftlichen Absturz, ihr bisher so freudloses und einsames Dasein sind in wenigen Strichen ganz und gar glaubwürdig gezeichnet.

Ihre erwachende Lebenslust, ihre geradezu kindliche Bereitschaft, sich auf neue Erfahrungen einzulassen, ihren strengen protestantischen Hintergrund hinter sich zu lassen, sind so positiv, so voller Lebensfreude und Abenteuerlust.

She gambolled after Miss LaFosse, natural colour deepening the artificial, eyes shining, breath excited. She was bound for adventure, the Spanish Main a night club. The very name filled her with a glorious sense of exhileration. What would her dear mother say if life came back to her body? To what depths of depravity her daughter was sinking? What did Miss Pettigrew care? Nothing. Freely, frankly, joyously, she acknowledged the fact. She was out for a wild night. She was out to paint the town red. She was out to taste another of Tony’s cocktails. She was a gentlewoman ranker out on the spree, and, oh shades of a monotonous past, would she spree! She was out to enjoy herself as she had never enjoyed herself before … (S. 167)

Kurzum, das Buch macht Spaß und am Ende sind – dank Miss Pettigrew – trotz Kokain, Nachtclubbesuchen und Liebeswirrungen Ordnung und Anstand wieder hergestellt.

Henrietta Twycross-Martin schreibt in ihrem Vorwort:

… what astonishes is the sheer fun, the light-heartedness and enchanting fantasy of an hour-by-hour plot that feels closer to a Fred Astaire film than anything else I can think of. Sophisticated and naive by turns, Miss Pettigrews lives for a Day is also charmingly daring…

Die Autorin Winifred Eileen Watson (1906-2002) hatte beim Schreiben – abgesehen von einer judenfeindlich-dämlichen Stelle – wohl einfach ein richtig gutes Händchen, denn sie gibt 2000 als über Neunzigjährige – als das Buch neu aufgelegt wurde – fröhlich zu:

„I didn’t know anyone like Miss Pettigrew. I just made it all up. I haven’t the faintest idea what governesses really do. I’ve never been to a nightclub and I certainly didn’t know anyone who took cocaine,” she says with a laugh. The dialogue, she insists, just came into her head as she was drying the dishes and she typed it out only after she had finished at the sink. (Anne Sebba)

Zum geschichtlichen Hintergrund

Miss Pettigrews Angst, ins Armenhaus zu müssen, ist ganz realistisch. Noch 1939 gab es ca. 100.000 Menschen, die in den inzwischen umbenannten Arbeitshäusern ihr Dasein fristeten. Die englischsprachige Wikipedia schreibt dazu:

The Local Government Act of 1929 gave local authorities the power to take over workhouse infirmaries as municipal hospitals, although outside London few did so.The workhouse system was abolished in the UK by the same Act on 1 April 1930, but many workhouses, renamed Public Assistance Institutions, continued under the control of local county councils. Even as late as the outbreak of the Second World War in 1939 there were still almost 100,000 people accommodated in the former workhouses, 5,629 of whom were children. It was not until the 1948 National Assistance Act that the last vestiges of the Poor Law disappeared, and with them the workhouses.

Sie gehörte zur Generation der sogenannten Superfluous Women, die aufgrund des zahlenmäßigen „Frauenüberschusses“ keinen Ehepartner fanden und deshalb ihren Lebensunterhalt selbst bestreiten mussten, obwohl sie darauf meist nicht vorbereitet waren. Ein Problem, das noch dadurch verstärkt wurde, dass mehr als 700.000 britische Männer im Ersten Weltkrieg gefallen waren.

… the imbalance of population in Britain was not a new phenomenon arising with World War One. The 1851 census showed that 30 per cent of English women aged 20 to 40 were unmarried. By the late 19th century, around a third of British women between the ages of 25 to 35 were unmarried, and census records show that an imbalance of men and women continued in the Edwardian years. (‘Surplus Women’: a legacy of World War One?)

Anmerkungen

Hier ein Text von Anne Sebba aus der Times 2000.

 Auf der Seite des Persephone Verlages sieht man u. a. das gelungene Cover, das das Gemälde Blondes and Brunettes von Charles Mozley zeigt, welches – wie auch die Illustrationen von Mary Thomson – aus dem Jahr 1938 stammt.

14 thoughts on “Winifred Watson: Miss Pettigrew lives for a day (1938)

  1. Das ist ja schön – ich hab den Film in den Weihnachtsferien mit einer Freundin gesehen und wir waren beide so begeistert: Warmherzig, wie du schreibst, witzig, wunderbar – und romantisch. Mit der großartigen Frances McDormand. Schön, dass das Buch hier vorgestellt wird von Dir und guter Lesestoff zu sein scheint – da habe ich schon das passende Geburtstagsgeschenk für meine Filmfreundin🙂

  2. Was, auch noch ein Film? Das scheint mir gerade die Lektüre für die letzten (hoffentlich) grauen Wintertage dieses Jahres zu sein. Und Hoffnung auf ein anderes Leben: Ja! Das brauchen wir sicher alle gelegentlich.

    • Ja, ich werde jetzt auch mal nach dem Film Ausschau halten. Ich fand es einfach schön, dass das Buch trotz märchenhaft-unrealistischer Wendungen überhaupt nicht platt oder dümmlich war. LG, Anna

  3. Ich habe auch „nur“ den Film gesehen, aber der war so lustig und locker leicht beschwingt, dass ich ihn immer weiterempfehlen würde. Schön, dass er den Buchvorlage in nichts nachzustehen scheint.🙂

  4. Ich habe den Film schon dreimal mit herzlichem Vergnügen gesehen… Der Regisseur heißt Bharat Nalluri und außer Frances McDormand glänzen auch Amy Adams und Chiarán Hinds in ihren Rollen.
    Vielleicht sollte ich – nach Deiner begeisterten Besprechung – doch auch noch eine buchförmige Nachlese erwägen.
    Bibliophile und cineastische Grüße von Ulrike

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