Hazel Hutchison: Henry James (2015)

Henry James‘ früheste Erinnerung beruht auf einer Kutschfahrt mit seinen Eltern: in einem langen Kinderkleidchen saß er da, mit den Beinen baumelnd, als sein Blick aus dem Fenster auf einen großen Platz fiel, auf dem sich eine steinerne Säule in den Himmel reckte. Man schrieb das Jahr 1844, und die Familie James weilte gerade in Paris, nachdem sie mehrere Monate in London verbracht hatte. Wie ihm seine Eltern später bestätigten, waren sie damals die Rue st. Honoré hinuntergefahren und hatten dabei auch den Place Vendôme passiert mit der Colonne Vendôme, der Siegessäule mit dem Standbild Napoleons. Es war, so schrieb er später in seiner Autobiografie, ein ‚Mirakel‘ der Erinnerung. Er war noch nicht einmal zwei Jahre alt, aber das Bild der Siegessäule, die im Rahmen des Kutschenfensters über der Silhouette der Stadt aufragte, hatte sich ihm tief ins Gedächtnis eingeprägt.

So beginnt die Biografie, die ich heute anlässlich des 100. Todestages von Henry James vorstellen möchte:

Hazel Hutchison: Henry James – Biografie (2015)

Die deutsche Übersetzung von Ute Astrid Rall wurde im Parthas Verlag veröffentlicht. Die Originalausgabe erschien 2012.

An dieser Stelle möchte ich mich für die Überlassung eines Besprechungsexemplars bedanken.

Zum Inhalt

Auf 192 Seiten verfolgen wir den Werdegang des Autors, der 1843 in New York in wohlhabenden, aber einengenden Familienverhältnissen zur Welt kam.

Sein Großvater väterlicherseits, der als Achtzehnjähriger aus Irland eingewandert war, ließ sich 1793 in Albany nieder

und gab der Stadt Jamesville, New York, seinen Namen. Als er 1832 starb, hinterließ er ein Vermögen von drei Millionen Dollar. (S. 9)

Henry James‘ Vater, ein glühender Anhänger der Lehren Swedenborgs, brauchte aufgrund dieses Erbes niemals für seinen Lebensunterhalt zu arbeiten. Er veranlasste auch die ständigen Schulwechsel seiner Söhne, wobei sich die Schulen mal in Amerika, mal in Europa befanden. Dabei hatte sich schon der Beginn von Henrys Schulbildung nicht eben vielversprechend angelassen:

Albany war auch der Sitz einer Grundschule namens Dutch House, in die er zunächst eingeschult werden sollte. Doch niemand brachte es fertig, den kleinen, schreienden und um sich tretenden Jungen über die Schwelle zu zerren, und so musste man ihn wieder nach Hause bringen. (S. 15)

Überhaupt werden die häufigen Orts- und Kulturwechsel zwischen Italien, Frankreich, England und der „Neuen Welt“ Amerika zu einem bestimmenden Lebensmotiv, dem die feinfühlige Beobachtungsgabe, die Sprachkenntnisse und die Werke des später weltberühmten Literaten wesentliche Impulse verdanken.

Schon als Sechsjähriger erliegt Henry der Faszination der Literatur.

Als seine Mutter sich hinsetzte, um einem älteren Cousin die erste Folge von David Copperfield vorzulesen, verrieten den sechsjährigen Harry [wie Henry genannt wurde], der ins Bett geschickt worden war, sich zum Zuhören aber unter einem Tisch versteckt hatte, lauthalse Schluchzer angesichts der Leiden von Dickens jugendlichem Helden. Als er älter wurde, las James sämtliche Werke Dickens, derer er habhaft werden konnte, und wartete begierig auf das Erscheinen neuer Fortsetzungen der späteren Romane. (S. 17)

Ein Jura-Studium wird begonnen, dann abgebrochen. Henry James Junior, wie er sich bis zum Tode seines Vaters nennt, entwickelt eine tiefe Liebe zur Literatur, schreibt erste Kritiken für diverse Zeitschriften, knüpft Freundschaften zu wichtigen Mentoren und hat Kontakt mit der kulturellen Elite seiner Zeit. In London beispielsweise lernt er John Ruskin, Dante Gabriel Rossetti, Charles Darwin und William Morris kennen. Er besucht auch George Eliot, über die er in einem Brief schreibt:

Insgesamt  hat sie einen größeren Umfang, als ich es je bei einer Frau gesehen habe. (S. 55)

James vermeidet feste Liebesbeziehungen, obwohl er im Laufe seines Lebens mit mehreren Frauen freundschaftlich verbunden sein wird, z. B. mit Edith Wharton.

Früher oder später werde ich ein Haus beziehen, aber es ist keinerlei Eile geboten, und wenn ich einen Hausstand gründe, ist Mrs. H[enry]. nicht Teil des Mobiliars, das ich da hineinstellen werde. (S. 91)

Schließlich siedelt er dauerhaft nach England über, auch wenn die Beziehungen zu seiner Familie, und ganz besonders die zu seinem älteren Bruder William, sehr eng bleiben. 1915 nimmt er die britische Staatsbürgerschaft an.

James entwickelt sich zu einem geachteten Autor von Erzählungen und Romanen, die gerade auch in ihrer Darstellung der Frauengestalten neue Maßstäbe setzen. Der große Durchbruch bei der Masse des Publikums, von dem er träumt, bleibt ihm jedoch versagt, daran ändern auch einige Ausflüge in die Theaterwelt nichts.

Fazit

In diesem Fall wäre ein Vergleich mit der englischen Originalversion vielleicht aufschlussreich. Liest sich auch die englische Fassung über weite Strecken so leblos, enthält schon das Original die sachlichen Fehler, auf die Bonaventura  hinweist?

Dazu kommen dermaßen viele Druck- und Rechtschreibfehler (dass/das), fehlende oder falsch gesetzte Kommata (besonders gern vor „sowie“) und schiefe Satzkonstruktionen, dass man kaum glauben mag, dass das Buch ein Lektorat durchlaufen hat.

Und in diesem Fall hätte mich das Cover vermutlich davon abgehalten, das Buch zu kaufen, weil es so freudlos und trist daherkommt. Ein unscharfes Foto und alles Grau in Grau. Warum dann nicht wenigstens eine Farbabbildung des Sargent-Porträts?

Wer sich tiefergehend mit James‘ Biografie befassen möchte, den wird dieses Buch an manchen Stellen unbefriedigt zurücklassen. Sein Stottern wird von Hutchison überhaupt nicht erwähnt. Und die Theorie, dass James homosexuell war – siehe seine Briefe an junge Männer – wird von ihr mit wenigen Sätzen ad acta gelegt. Auch die Bemühungen der Familie, nach dem Tode des Autors unliebsame Informationen und Briefe der interessierten Öffentlichkeit vorzuenthalten, werden verschwiegen.

Daneben gibt es aber immer wieder zumindest Ansätze, z. B. der komplizierten Familienstruktur oder James‘ Kunstverständnis Rechnung zu tragen. Auch die Veröffentlichungsgeschichte des Œuvre dürfte verlässlich nachgezeichnet sein.

Und quasi im Vorbeigehen werden noch weitere interessante Aspekte gestreift, so z. B. die Lebensgeschichte von Henry James‘ Schwester Alice.

Eine unmittelbare Aussicht auf Heirat, die in den 1870ern immer noch der einzig wünschenswerte Werdegang für eine Frau der Mittelklasse war, bestand nicht. Alice indes scheint eine Reihe intensiver Freundschaften zu jungen Frauen ihres Alters vorgezogen zu haben. (S. 61)

Hutchison schreibt, dass die Ärzte 1868 bei der Zwanzigjährigen einen Nervenzusammenbruch diagnostizierten, und diese irgendwann ihren Vater um Erlaubnis bat, sich das Leben zu nehmen (und diese auch erhielt). Viel wahrscheinlicher ist jedoch, dass die damalige Diagnose „Hysterie“ lautete.

Alice starb 1892 an Brustkrebs. Erst 1934 wurde eine „poorly edited version“ ihres Tagebuchs veröffentlicht (gegen den ausdrücklichen Wunsch ihrer Familie), eine umfangreichere Ausgabe erschien 1964.

Henry hat übrigens seine Ausgabe des schwesterlichen Tagebuchs verbrannt.

The diary has made [Alice] James something of a feminist icon: she was seen as struggling through her illnesses to find her own voice. (Wikipedia)

Weitere Besprechungen

buecherrezension zeigt sich von dieser Einführung angetan, eine wesentlich bissigere Besprechung gibt es auf dem Blog Bonaventura.

Mirko Bonné bemängelt in der FAZ vor allem die „nicht selten haarsträubende Übersetzung von Hutchisons Buch, die hölzern am Unlesbaren dahinschrammt“.

Linktipps

Auf Seitengang findet sich ein Beitrag zu Eine Dame von Welt.

Elmar Krekeler veröffentlichte in der WELT den Artikel Man nehme Klatsch und mache große Literatur daraus.

Lust auf die Werke des Literaten macht auch der Beitrag Fancywork in der Taz von Ulrich Rüdenauer.

Colm Tóibín beschreibt in seinem Artikel im Guardian „how Henry James’s family tried to keep him in the closet“.

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2 thoughts on “Hazel Hutchison: Henry James (2015)

  1. Ich kann unbedingt Colm Toibin’s „The Master“ empfehlen. Auf Deutsch unter „Porträt des Meisters in mittleren Jahren“ erschienen. Ein wunderbares Buch über Henry James und ähnlich elegant.
    Ich liebe auch die Verfilmung von James „The Wings of the Dove“ – so ein schöner Film. Hmm, den könnte ich auch mal wieder anschauen. Schönen Sonntag noch🙂

    • Danke für deine Tipps, zunächst müsste ich mich erst mal wieder den Romanen von James zuwenden, die Lektüre liegt auch auch schon so lange zurück; das alte Problem, was lese ich zuerst🙂 Aber sicherheitshalber schaue ich schon mal nach, wo ich The Master herbekomme🙂 Auch dir noch einen schönen Sonntagabend, Anna

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