Benjamin Mee: We bought a Zoo (2008)

Wie wähle ich bloß immer meine Bücher aus? Das Cover ließ auf seichte Unterhaltung schließen, doch die Geschichte klang skurril und ich gehe so gern in Tierparks, also kam das Buch, das dann als Vorlage für den Film mit Matt  Damon dienen sollte, vor einigen Jahren mit nach Hause:

Benjamin Mee: We bought a Zoo: The amazing true story of a broken-down zoo, and the 200 animals that changed a family forever (2008)

Die deutsche Übersetzung von Theda Krohm-Linke erschien unter dem Titel Wir kaufen einen Zoo: eine ganz gewöhnliche Familie und ein verrückter Traum.

Zum Inhalt

Der britische Journalist Benjamin Mee erzählt seine Geschichte ab dem Jahr 2004; damals war er gerade mit Frau und Kindern nach Frankreich ausgewandert und sah einem entspannten Journalisten- und Familienleben in südeuropäischen Gefilden entgegen.

L’Ancienne Bergerie, June 2004, and life was good. My wife Katherine and I had just made the final commitment to our new life by selling our London flat and buying two gorgeous golden-stone barns in the south of France, where we were living on baguettes, cheese and wine. […] I was writing  a column for the Guardian on DIY, and two others in Grand Design magazine, and I was also writing a book on humour in animals, a long-cherished project which, I found, required a lot of time in a conducive environment. And this was it. (S. 5)

Doch ab da verschränken sich zwei Entwicklungen: Seine Frau Katherine erkrankt an Krebs und er, seine Mutter und seine Geschwister stehen plötzlich vor der ziemlich durchgeknallten Frage, ob sie einen völlig heruntergewirtschafteten Zoo in Dartmoor, England, kaufen wollen.

Benjamin Mee ist sich im Klaren darüber, dass diese Idee „hare-brained“ ist, was aber nichts an ihrer Antwort ändert: Sie wollen.

Fazit

Und so entfaltet sich eine Geschichte, die auf der einen Seite traurig ist und uns an unsere Endlichkeit erinnert. Dabei ist das Buch kein bisschen weinerlich oder selbstmitleidig, dafür aber ehrlich, diskret und anrührend.

So beschreibt er seinen ersten Besuch im Krankenhaus, nachdem er erfahren hat, dass Katherine keineswegs nur ein neues Mittel gegen ihre Migräne braucht, sondern einen Hirntumor hat:

I found Katherine sitting up on a trolley bed, dressed in a yellow hospital gown, looking bewildered and confused. She looked so vulnerable, but noble, stoically cooperating with whatever was asked of her. Eventually we were told that an operation was scheduled for a few days‘ time, during which high doses of steroids would reduce the inflammation around the tumour so that it could be taken out more easily. Watching her being wheeled around the corridors, sitting up in her backless gown, looking around with quiet confused dignity, was probably the worst time. The logistics were over, we were in the right place, the children were being taken care of, and now we had to wait for three days and adjust to this new reality. I spent most of that time at the hospital with Katherine, or on the phone in the lobby dropping the bombshell on friends and family. The phone calls all took a similar shape; breezy disbelief, followed by shock and often tears. After three days I was an old hand, and guided people through their stages as I broke the news.  (S. 11)

Und auf der anderen Seite ist sein Buch oft witzig, vielleicht weil Mee einfach so schreibt, wie die Dinge eben sind. Er beobachtet genau und ist nicht auf billige Knalleffekte bedacht. Er schildert präzise, z. B. eine abendliche Joggingrunde – noch während der Zeit in Frankreich – zusammen mit seinem großen Hirtenhund Leon:

Unusually I was out for a run, a bit ahead of Leon, so I was surprised to see him up  ahead about 25 metres into the vines. As I got closer I was also surprised that he seemed jet black in the moonlight, whereas when I’d last seen him he was his usual tawny self. Also, although Leon is a hefty 8 stone of shaggy mountain dog, this animal seemed heavier, more barrel-shaped. And it was grunting, like a great big pig. I began to conclude that this was not Leon, but a sanglier, or wild boar, known to roam the vineyards at night and able to make a boar-shaped hole in a chain-link fence without slowing down. I was armed with a dog lead, a propelling pencil (in case of inspiration) and a head torch, turned off. … As the light snapped on, the grunting monster slowly wheeled round and trotted into the vines, more in irritation than fear. And then Leon arrived, late and inadequate cavalry, and shot into the vineyards after it. Normally Leon will chase imaginary rabbits relentlessly for many minutes at a time at the merest hint of a rustle in the undergrowth, but on this occasion he shot back immediately professing total ignorance of anything amiss, and stayed very close by my side on the way back. Very wise. (S. 21)

Außerdem habe ich richtig mitgefiebert, ob sie all die bürokratischen, finanziellen und handwerklichen Hindernisse überwinden, die ihrer Erlaubnis, den Zoo wieder eröffnen zu dürfen, im Wege stehen.

Nach dem Lesen sieht man Zoos und ihre vielfältigen Aufgaben garantiert differenzierter und mit mehr Wertschätzung und zum anderen nimmt man es nicht mehr als einfach gegeben hin, dass die gefährlichen Tiere auch brav hinter den Gittern und in ihren Gehegen bleiben.

Anmerkungen

Hier der Webauftritt von Mees Dartmoor Zoological Park.

Hier Fotos von Friedrich Seidensticker, die ich immer wieder anschauen kann.

P1020244.JPG

6 thoughts on “Benjamin Mee: We bought a Zoo (2008)

  1. Ich habe eine Freundin, die in Armenien einen Zoo mit seinen Tieren wieder aufgepäppelt hat. Sie hatte ihr Büro neben Bären und Tigern und ich habe gezittert, weil die Anlagen nicht im besten Zustand waren, ich sah sie immer an ihrem Schreibtisch sitzen, wenn wilder Besuch vorbei käme. Es war spannend, aber auch traurig, Tiere werden so verheizt, gerade, wenn sie kurz vor dem Aussterben sind. Meine Freundin ist mittlerweile wieder in Deutschland. Der Zoo scheint sich vom Vernachlässigtsein erholt zu haben und ist mittlerweile wieder ein Besucher/innenmagnet. Jetzt bin ich gespannt auf das Buch!

    • Wie spannend, ein Zoo in Armenien! Zoobesuche können ja eine durchaus zwiespältige Angelegenheit sein (enge Volieren, zu kleine Gehege etc.), aber wenn sie den Tieren – soweit das in Gefangenschaft eben möglich ist – akzeptable Bedingungen bieten, dann leisten sie doch ihren Teil für den Artenschutz und Zuchtprogramme. Menschen sind schon seltsam, auf der einen Seite sorgen wir dafür, dass Tiere vom Aussterben bedroht sind, und auf der anderen Seite versuchen wir sie zu retten … Ich habe das Buch gern gelesen, weil es einen Blick „hinter die Kulissen“ erlaubt. Solltest du es lesen, dann würde ich mich über eine Rückmeldung freuen, wie es dir gefallen hat (du hättest in deiner Freundin ja gleich eine Fachfrau zur Seite🙂. LG und einen schönen Sonntag, Anna

  2. Ich hab vor einer Weile auch den Film gesehen und das Buch gelesen – fantastisch🙂 Freut mich, dass du es auch so siehst. Der Dartmoor-Zoo steht definitiv auch auf meiner „zu besuchen“ Liste🙂

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