Fundstücke von Dieter Wellershoff

Die Illusion, die einen alltäglicherweise glauben läßt, daß immer die anderen sterben, nie oder jedenfalls noch lange nicht man selbst, war bei mir nie besonders dicht gewesen und hatte in den letzten Monaten klaffende Risse bekommen. (S. 18)

Da wir leben, schulden wir dem Dasein unseren Tod. Er ist uns mit dem Leben mitgegeben, als seine unentrinnbare, unabstreifbare Bedingung. Jean Paul hat dafür ein eindrucksvolles Bild gefunden. „Sobald wir anfangen zu leben“, schreibt er, „drückt oben das Schicksal den Pfeil des Todes aus der Ewigkeit ab – er fliegt so lange, als wir atmen, und wenn er ankommt, so hören wir auf.“

Manchmal, in unbewachten Augenblicken, hören wir das Schwirren des heranfliegenden Pfeils. […] Plötzlich zerrinnt die narzißtische Illusion, die uns trotz der vergehenden Zeit und der schweigenden Ungeheuerlichkeit des Universums und auch angesichts der Massenhaftigkeit des menschlichen Lebens und Sterbens ein freundliches Traumbild unserer persönlichen Bedeutung vorspiegelt. Es fällt uns wie Schuppen von den Augen, daß der Lebenslärm, den wir erzeugen, im Nu verhallen wird. […] Die Wucht dieser Erfahrung ist uneinfühlbar für andere Menschen, die sich im Besitz desselben Wissens glauben und damit leben, als sei es eine Trivialität. (S. 41)

Meistens ist die Todesangst nicht mehr als ein flüchtiger, kalter Hauch, der uns sekundenlang erschauern läßt. Das noch Abwesende hat uns seine Vorboten geschickt, und sie haben uns gestreift. Es ist eine spirituelle Erfahrung. Sie weht uns an, wir wissen nicht woher. […] Nicht immer scheint das Unheimliche uns zu meinen, nicht unmittelbar und nicht als sein besonderes Ziel. Es zeigt sich nur als ein Fluidum von Fremdheit und Distanz, das uns überall umgibt. Wellen schlagen an den Strand. Wir gehen inmitten einer fremden Menschenmenge oder kommen durch eine leere Straße. Es wird Nacht. Auf dem Tisch steht eine Tasse mit einem Rest Tee. Und auf einmal werden wir uns unserer grundsätzlichen Einsamkeit bewußt. […] Solche Anwandlungen sind leise, eindrückliche Belehrungen des Todes. Für einen Augenblick ziehen sie den Schleier der Täuschungen von der Welt weg. Nach einer Weile allerdings werden wir es nur noch wissen, als wüßten wir es nicht. (S. 42/42)

aus: Dieter Wellershoff (*1925): Blick auf einen fernen Berg (1991)P1100002

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