Fundstück von Dieter Wellershoff

Der Tod schien verblaßt zu sein, nicht, weil er nicht mehr wußte, daß er ihm mit achtzig Prozent Gewißheit bevorstand, sondern weil er so völlig davon eingenommen war, das Leben in sich aufzunehmen, daß nicht einmal die Nähe des Todes ihn davon ablenken konnte. Er lebte jetzt. Und das Jetzt war nicht das flüchtige Nichts der immer nur vorläufigen, immer schon entwerteten Gegenwart in einer stets auf ferne, imaginäre Ziele hingespannten Zeit, sondern glich eher der erfüllten, zeitvergessenen Gegenwart eines spielenden Kindes, das nicht an Morgen und schon gar nicht an ein Ende denkt. […] Aber er war jetzt ein Mensch, dessen innere Sperren sich gelöst hatten und der offen war für alles, was er lange übersehen hatte. Er sah nichts Neues. Es war das Alltägliche, Immer-schon-Dagewesene und Bekannte, dem er seine Aufmerksamkeit zuwandte, doch nach allem, was er mit sparsamen Worten darüber sagte, schien er davon erfüllt und auf selbstlose Weise beglückt zu sein.

Dieter Wellershoff: Blick auf einen fernen Berg (1991), S. 161/162

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