Konrad Paul Liessmann: Geisterstunde: Die Praxis der Unbildung (2014)

Konrad Paul Liessmann, österreichischer Philosophieprofessor, Kulturpublizist und Österreichs „Wissenschaftler des Jahres 2006“, setzt sich in seiner Streitschrift Geisterstunde: Die Praxis der Unbildung  mit dem Begriff der Bildung auseinander, um anschließend darzulegen, dass wir gerade dabei sind, genau diese aufs Spiel zu setzen und sie in ihr Gegenteil zu verkehren.

Sein Ideal ist der Mensch, der im Sinne Kants selbstverantwortlich handelt und den Mut und die Fähigkeit hat, sich seines Verstandes zu bedienen.

Selbstverantwortung […] Die Verantwortung, die ich für mein Denken und Handeln nicht vor anderen, sondern vor mir selbst übernehme. Dies setzt voraus, dass ich mich selbst als eine Instanz begreife, die mich befragen und vor der ich mich auch verantworten kann. […] Selbstverantwortung, ernst genommen, ist eine Form der Selbstbegegnung. Es gibt allerdings ziemlich viele und vor allem gute Gründe, dieser Begegnung aus dem Weg zu gehen. (S. 117)

Das Buch dürfte vor allem für diejenigen interessant sein, die in irgendeiner Weise mit Schule, Ausbildung und Universität zu tun haben. Liessmann erklärt in seinem Vorwort:

Das aktuelle Glücksversprechen der Bildung ist ein falsches, weil es dabei weder um Bildung noch um Glück geht. Es geht, wenn überhaupt, um Abrichtung, Anpassung und Zufriedenheit durch Konsum. Was heute unter dem Titel Bildung firmiert […], ist deren Gegenteil und Karikatur, eine Phrase, eine Schimäre, eine einzige riesige Sprechblase, ein Gespenst, das nicht um Mitternacht, sondern zur besten Unterrichtszeit sein Unwesen treibt: Geisterstunde! (S. 10)

Unter anderem setzt er sich mit den gerade vom Zeitgeist angesagten heiligen Kühen der Bildungsdiskussion auseinander, den Pisa-Tests, dem Vergleichswahn und der Bologna-Reform. Alles Dinge, die seiner Meinung  nach einzig einem ideologisch aufgeheizten und unreflektierten Aktionismus entspringen und der Wirtschaft unkritische Arbeitnehmer und Konsumenten zuliefern sollen.

Er kritisiert, und wenn es nicht so traurig wäre, würde ich ihm auch hier applaudieren, die überall grassierende PowerPoint-Seuche, bei der noch die banalsten und schlichtesten Info-Häppchen per Copy-and-Paste medial ansprechend aufbereitet werden.

Auch die allgegenwärtige Kompetenzorientierung, übrigens ein Konzept, das ursprünglich aus der Wirtschaft stammt, pflückt er auseinander.

Der für die Schweiz vorgelegte „Lehrplan“ brachte es für die Grundschule auf annähernd 4000 Kompetenzen, die entwickelt, geübt, getestet und angewandt werden sollen. […] Kein Mensch mit Sprachgefühl kann solche Curricula lesen, ohne in eine tiefe Depression zu verfallen. Oder wie anders soll man auf Formulierungen dieser und ähnlicher Art reagieren? „Über Lesefähigkeiten verfügen – Lebendige Vorstellungen beim Lesen von Texten entwickeln – […] bei der Beschäftigung mit Texten Sensibilität und Verständnis für Gedanken und Gefühle und zwischenmenschliche Beziehungen zeigen …“ (S. 49)

Das Schöne daran, solche Kompetenzen lassen sich kaum sinnvoll überprüfen und der Inhalt, an dem man derlei Kompetenzen entwickeln soll, wird zunehmend beliebig. Dabei liefe es doch eigentlich umgekehrt:

Noch nie hat sich ein Mensch in einem wirklichen Bildungsprozess etwa für eine bestimmte philosophische Lebensauffassung interessiert, bloß um daran seine eigene Argumentationskompetenz zu üben, sondern es läuft immer umgekehrt: Ein bestimmter Inhalt fasziniert, lässt nicht mehr los und erhält dadurch eine Verbindlichkeit, auf die der verstehenwollende Mensch gleichsam genötigt ist, durch die Ausbildung bestimmter Kompetenzen zu antworten, um dem Anspruch der Sache gerecht werden zu können. (Peter Gaitsch, zitiert nach S. 53)

Der sogenannte Bildungsexperte ist ebenfalls nicht vor Liessmanns Spott sicher:

Niemand weiß so genau, was ihn zum Experten macht, meistens handelt es sich um einen Absolventen eben jenes Bildungssystems, das er nun medienwirksam kritisiert, sein Hintergrund ist vielfältig, aber eines ist sicher: Er sorgt sich um die Bildung, und er weiß, was eigentlich zu tun wäre. (S. 30)

Liessmanns Verdienst ist es, den Schlagworten, die man in bestimmten Kreisen gar nicht mehr hinterfragen darf, mal auf den Zahn zu fühlen; dazu gehört auch der Begriff der digital natives, die zwar selbstverständlich mit den neuen Medien aufwachsen und Infoschnipsel googlen können, doch gleichzeitig oft überfordert sind, wenn es gilt, „Informationen in einen komplexeren Verstehenskontext“ (S. 91) einzubetten.

Die ständige Betonung, wie unsinnig es sei, die Köpfe junger Menschen mit „totem Wissen“ zu füllen, täuscht darüber hinweg, dass in den Köpfen kein Wissen mehr ist. (S. 90)

Er wehrt sich überhaupt gegen die Abwertung von angeblich totem Faktenwissen, denn es war schon immer entscheidend,

wie tief dieses Wissen geht, wie es die Persönlichkeit formt, wie man es kontextualisiert. Gerade dort, wo es um die vielzitierten Zusammenhänge und Transferleistungen, um den Prozess des Verstehens geht, wird man jedoch ohne Fakten nicht auskommen. Die Annahme, dass diese jederzeit zur Verfügung stehen, ist genauso irrig wie die Vorstellung, man könne sich ohne grundlegendes fachliches Wissen in einem Problemfeld orientieren. (S. 98)

Hohntriefend, aber leider nicht von der Hand zu weisen, ist auch das Kapitel, in dem sich Liessmann über den Zusammenhang von Pädagogik, der freiwilligen Infantilisierung, Unmündigkeit und Ahnungslosigkeit (deshalb das blühende Berater- und Coachinggedöns) und dem Herabsetzen jedweder Standards  und unserem Konsumverhalten auslässt.

Bildung erscheint längst nicht mehr als Ausdruck einer eigenen und zunehmend selbstverantwortlich organisierten Anstrengung, sondern als das Konsumieren eines Produkts, das von einem Konsortium von Pädagogen und ihren Beratern maßgeschneidert angeboten werden muss. […] Und wie bei den Nahrungs- und Genussmitteln verlangen wir auch hier, dass uns eine übergeordnete Instanz die Verantwortung für unser Tun abnimmt und vor möglichen Gefahren schützt, uns zumindest eindringlich warnt. Anders ist es wohl nicht zu erklären, dass Studenten der University of California in Santa Barbara gefordert haben, dass die Texte der literarischen Klassiker mit Warnhinweisen bezüglich expliziter Darstellungen von Sex und Gewalt versehen werden sollten, um mögliche traumatische Belastungsstörungen nicht zu  verschlimmern. […] Erwachsene Studenten wollen also auf keine intellektuellen Entdeckungsreisen mehr gehen, sondern sie verlangen, dass eine paternalistische Instanz die Verantwortung für ihr physisches und kognitives Konsumverhalten übernimmt. Mündigkeit sieht anders aus. (S. 115)

Fazit

Ich verstehe das Buch von Liessmann als einen engagierten, dringend notwendigen Zwischenruf in der Bildungsdebatte á la „Des Kaisers neue Kleider“, der dazu einlädt, innezuhalten und noch einmal darüber nachzudenken, was Bildung sein könnte und müsste – ohne dass der Autor dabei die Notwendigkeit beruflich nutzbringender Fähigkeiten und Qualifikationen in Abrede stellt.

Aber von den Qualitätsmanagern und Kompetenzentwicklern, die inzwischen von den Professoren sogar „Kompetenzorientierungskompetenz“ verlangen, wird das Buch wohl leider erst gar nicht gelesen werden.

Es ist bissig geschrieben und mit mancherlei Beispielen unterfüttert, bei denen man sich die Haare raufen möchte.

Man spürt seine Traurigkeit darüber, dass Bildung mehr und mehr auf das Nützliche reduziert wird und man nur noch das gelten lasse, das sich auch anwenden lasse.

… sieht man alles nur noch unter der Perspektive der Verwertbarkeit, geht jede Chance verloren, jungen Menschen in Schulen und Universitäten die Möglichkeit zu geben, sich einer Sache um ihrer selbst willen zu nähern, sich von einem Gegenstand faszinieren zu lassen, einer Frage auch dann neugierig zu folgen, wenn die Antwort ausbleibt oder keine Bedeutung für die Karriere hat. Nützlichkeit bedeutet immer: Sein für ein Anderes. Es verwehrt uns jedes Für-sich-Sein. (S. 179)

An dieser Stelle möchte ich auch auf die Festrede “Wie wäre es, gebildet zu sein?” von Prof. Dr. Peter Bieri hinweisen, auf die sich Liessmann mehrmals bezieht.

Und den Hinweis auf das Buch verdanke ich Claudia. Auf Dem Grauen Sofa gibt es auch eine Besprechung.

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7 thoughts on “Konrad Paul Liessmann: Geisterstunde: Die Praxis der Unbildung (2014)

  1. Liebe Anna,
    die „GEISTERSTUNDE“ geistert mir schon seit Claudias Besprechung im Hinterstübchen herum, und Deine Besprechung und die wohlgewählten Zitate geben mir nun den Rest: Ich muß und will dieses Buch lesen!
    Die geistreiche Rede von Prof. Dr. Peter Bieri drucke ich mir gerade aus, um sie als Gutenachtschmöker zur Hand zu haben …
    Danke für Deine – wie immer – sorgfältige Rezension und Buchbewertung.
    Bildungsnahe😉 Grüße von Ulrike

    • Hallo Ulrike,
      danke sehr für deine freundlichen Worte. Das Buch ist – wie die Zitate sicherlich zeigen – keine wissenschaftliche oder theoretische Abhandlung, eher eine Abrechnung, die aber dennoch gut begründet ist. Und leider, leider halte ich sie in vielen Belangen für zutreffend. Und die Rede von Prof. Bieri müssen meine SchülerInnen jedes Jahr lesen🙂 LG, Anna

      • Als Lehrerin bekommst Du die verordnete Verdummung und das ganze kognitive Kompetenzgeflatter tagtäglich live und in Farbe serviert. Ich habe mehrere Freundinnen, die im Lehrberuf tätig sind und was diese mir berichten, klingt – von rühmlichen Ausnahmen abgesehen – nach dem wahren Untergang des Abendlandes…
        Es gefällt mit, daß Du Deine Schüler mit der Rede von Peter Bieri impfst; vielleicht fällt doch bei einigen ein kulturelles Samenkörnchen auf fruchtbaren Geistesboden😉 .
        HG, Ulrike

  2. Liebe Anna,
    Du hast mir mit Deiner Besprechung noch einmal sehr schön einige der Liessmann´schen Themen in Erinnerung gerufen: diewunderbaren Erläuterungen zum „digital native“, der PP-Hype, die grassierende Infantilisierung (verbunden mit dem Gejammer über die ständige Überforderung), der Kompetenz-Begriffsbrei, die deutliche Abkehr von „BIldung“ und die Hinwendung zur Ausbildung. Jeder Schulinhalt muss für den Schüler ein nachvollziehbares, tatsächlich vorhandenes und motivierende sProblem darstellen und dann im Ergebnis eines Handlungsproduktes münden. Das ist nicht immer schlecht und verkehrt, aber es gibt auch Bildung, die nun einmal Schülern nicht auf den ersten Blick verwertungsorientiert erscheint, sondern ganz einfach einmal ihren Horizont erweitern würde. Und schließlich gibt es Inhalte, vor allem solche, die kulturelles oder philosophische Wissen tragen, die verwertbar ja nur von denen sind, die als Kunstfälscher mit Malerei ihre Brötchen verdienen möchten, die mit Liebeslyrik reüssieren wollen oder planen, als Philosophen vielleicht zu künftigen Bildungsexperten mutieren zu können. Liessmanns Buch ist auf jeden Fall eine Lesereise wert.
    Viele Grüße, Claudia

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