Blogpäuschen

Andy Miller schrieb in seinem Buch The Year of Reading Dangerously (2014):

Meanwhile, the last decade has given us blogs, book groups, festivals, all the chatter of the social network, developments which, while they may indeed be progress, are not the thing itself. They are not reading. (S. 12)

Und weil ich zur Zeit das Gefühl des Einfach-vor-mich-Hinlesens vermisse, wird es hier auf dem Blog vermutlich eine Weile ruhiger zugehen. Mit zwei Buchtipps verabschiede ich mich in eine Lese-Garten-Deutsch-für-Flüchtlinge-Schul- und Klausurenkorrektur-Blogpause. Aber vielleicht gibt es das ein oder das andere Foto…

Oskar Maria Graf: Wir sind Gefangene: Ein Bekenntnis (1927)

Eine ungeschminkte und kraftvoll erzählte Autobiografie, die von der Kindheit des Autors bis 1919, zu den politischen Nachkriegs- und Revolutionswirren in München reicht. Zu den Bewunderern des Werkes gehören u. a. so unterschiedliche Künstler wie Thomas Mann und Konstantin Wecker. Eine lesenswerte Besprechung gibt es auf versalia. Das Buch beginnt mit den Sätzen:

An jenem Mainachmittag, da der Lehrer plötzlich zur Türe hereinkam, auf mich und meine Schwester Anna zuging und uns sagte, wir dürften heimgehen, weil unser Vater sehr krank sei, empfand ich gar nichts. Auf der Straße redeten wir wenig und machten ernste Gesichter. Im Grunde waren wir froh, daß wir den langweiligen Rechenunterricht hinter uns hatten. Wir lernten gut und gingen gern in die Schule, aber das Rechnen mochte ich nicht. Es überraschte nicht, es lief immer klar und glatt ab.

Und den Hinweis auf das fetzige Söhne und siechende Seelen des türkischen Autors Alper Canigüz verdanke ich lustauflesen.de. Das Buch, im Original 2004 veröffentlicht und von Monika Demirel ins Deutsche übersetzt, hat Spaß gemacht, selbst wenn mir am Ende eine Drehung weniger auch gereicht hätte.

Die Auflösung des Mordfalls ist hier weniger wichtig als die Momentaufnahmen aus der türkischen Gesellschaft und die Sprache und der Blick des fünfjährigen Ich-Erzählers. Der liest zum Frühstück Philosophen und hört lieber Schostakowitsch, als dass er in der Schule „Alle meine Entchen“ singt. Das Buch beginnt mit den Worten:

Mit fünf Jahren befindet sich der Mensch auf der Höhe seiner Reife, danach beginnt er zu faulen. Ich, Alper Kamu, wurde vor einigen Monaten fünf. Während mein Geburtstag näher rückte, stand ich die meiste Zeit am Fenster, um die Menschen draußen zu beobachten. Ihr Leben verbrachten sie damit, zu beschleunigen, zu verlangsamen, alle möglichen Töne von sich zu geben und durch die Gegend zu gucken. Es machte mich krank, daran zu denken, dass ich eines Tages so werden würde wie sie. Leider gab es da keinen Ausweg. Die Zeit war grausam und ich alterte schnell.

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31 thoughts on “Blogpäuschen

  1. Liebe Anna,
    so gut ich Dein Ziel des Einfach-Mal-Lesens ja verstehen kann, so sehr werde ich Deine Beiträge und Kommentare aber auch vermissen (schnief). Trotzdem: Hab´ eine gute Lesezeit – und gräme Dich nicht zu sehr wegen der Korrekturen! (Hier stapeln sich nun auch schon die Jahresabschluss- und Prüfungsklausuren, aber in kleine Korrekturhäppchen jeden Tag eingeteilt wird es wohl klappen.)
    Viele Lese-Grüße, Claudia

    • Vielen Dank für die verständnisvollen Grüße🙂 Gestern fingen bei uns die schriftlichen Prüfungen an … Aber keine Angst, eure Blogs werde ich weiterhin lesen🙂 Dir gutes Vorankommen und liebe Grüße, Anna

  2. Pausen sind wichtig. Genieße sie. Ich wünsche Dir Sammlung, Erholung und nicht allzuviel Stress bei den Abschlussprüfungen. lg_jochen

    P.S. : Ja, die ein oder andere Drehung am Ende der Geschichte von Alper Kamu war zuviel (vor allem der Drogentrip wäre verzichtbar gewesen). Der zweite Fall von Alper (Höllenblume) ist da stringenter und auch psychologisch feiner strukturiert.

    • Vielen Dank für die netten Wünsche! Nehme ich alle🙂 Hmm, und ich dachte schon, ich wäre der Versuchung, die ganze Reihe von Alper Kamu zu lesen, erfolgreich entkommen (ja, genau der Drogentrip hat mich auch massiv gestört), aber jetzt sagst du, der zweite Band wäre besser. Hmm…. LG, Anna

      • Du musst ja nicht sofort … Das Buch läuft nicht fort. Binooki wird es noch länger im Programm haben. Ganz sicher. lg_jochen

  3. Mögest Du lese- und schreibschöpferisch erfrischt aus Deiner Atempause wiederkehren. Gib Dir soviel Zeit, wie Du brauchst, liebe Anna.
    Ich werde treu und brav auf Deine nächste Wort- oder Bildnachricht warten.
    Entspannte Grüße von Ulrike🙂

  4. Liebe Anna, der Wunsch nach einem Blogpäuschen … ja, das kann ich gut verstehen und wünsche Dir viel Ruhe, Freude, Erholung.
    Aber dennoch: Unter den Bloggerinnen, die mit mir begannen, grassiert derzeit der Pausenwunsch … und ich fühle mich langsam hier fast schon einsam und verlassen *schluchz*
    Daher: Ich hoffe, Du kommst wieder! Eine gute Zeit wünscht Birgit

    • Aber Birgit, ich folge euch doch auch in meinem Blogpäuschen🙂 (reicht ein Taschentuch) Und zur Zeit ist wirklich nur eine Pause geplant, kein Totalausstieg, versprochen. Aber so eine Standortbestimmung in Kombination mit über 40 Prüfungsarbeiten lässt mir da wenig Spielraum. Also, fasse Mut und Zuversicht und genieße einen wunderschönen Frühlingstag, LG Anna

      • Liebe Anna, jetzt konnte ich den Frühlingstag doch sehr beruhigt genießen!!! Und bei Deinem Arbeitspensum hoffe ich, dass auch Dir ein wenig Zeit dazu verblieb!

  5. Viele schöne inspirierende Lektüren und Begegnungen wünsche ich Dir in Deiner Lese-Garten-Deutsch-für-Flüchtlinge-Schul- und Klausurenkorrektur-Blogpause! Lass uns wenigstens ein bisschen auf anderen Kanälen daran teilhaben, bitte! 🙂

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