Yasmina Khadra: Die Sirenen von Bagdad (OA 2006)

Beirut versinkt in der Nacht und verhüllt das Gesicht. Die blutigen Krawalle vom Vortag haben die Stadt keineswegs wachgerüttelt, was beweist, dass sie selbst im Gehen noch schläft. Und nach alter Väter Sitte stört man keinen Schlafwandler, auch dann nicht, wenn er ins eigene Verderben rennt. Ich hatte mir Beirut anders vorgestellt, arabisch, und stolz darauf. Ich hatte mich geirrt.

So beginnt Die Sirenen von Bagdad des 1955 geborenen algerischen Autors Mohammed Moulessehoul, der um Probleme mit der Zensur zu umgehen, seine Bücher unter dem Namen seiner Frau veröffentlichte. Nach der Übersiedlung nach Frankreich hat er diesen Namen beibehalten.

Die Übersetzung aus dem Französischen stammt von Regina Keil-Sagawe.

Zum Inhalt

Zu Beginn der Geschichte befindet sich der ca. 20-jährige Ich-Erzähler, ein Beduine aus dem Irak, in Beirut (Libanon). Er scheint auf etwas zu warten, doch bevor wir Genaueres erfahren, wird zunächst in einer großen Rückblende die Geschichte des jungen Mannes ausgebreitet.

Er hat nach dem Einmarsch der Amerikaner in Bagdad sein Studium abgebrochen und ist zu seiner Familie in sein Heimatdorf Kafr Karam zurückgekehrt, wo er mit den anderen jungen Männern des Dorfes notgedrungen in den Tag hineinlebt.

Sicher, wir hatten unsre kleinen Eigenarten, aber unsere Streitigkeiten arteten nie aus. Wenn es zu heftig zu werden drohte, schritten die Alten ein. Falls die gegnerischen Parteien die erlittene Kränkung als unverzeihlich ansahen, sprachen sie fortan nicht mehr miteinander, und der Fall war erledigt. Im Übrigen gehörte es zu unseren Lieblingsbeschäftigungen, uns mit Freunden auf dem Marktplatz oder in der Moschee zu treffen, durch die staubigen Straßen zu schlendern oder uns, an die Mauern gelehnt […] in der Sonne zu räkeln. Das Paradies war es nun nicht gerade, doch wir glichen die geistige Enge durch umso mehr Herzenswärme aus. Wir konnten uns über jeden witzigen Spruch ausschütten vor Lachen und fanden in unseren Blicken die Kraft, den Gemeinheiten des Lebens die Stirn zu bieten. (S. 30)

Zunächst kann man den Terror, der woanders im Land und besonders in der Hauptstadt tobt, noch halbwegs ignorieren, auch wenn die Diskussionen im Dorf hitziger werden und jeder allmählich das Gefühl hat, sich zwischen den verschiedenen politisch-militärischen Gruppen positionieren zu müssen. Und schließlich verlassen die ersten jungen Männer das Dorf, um sich den Kämpfern im Widerstand anzuschließen.

Doch dann wird der junge Ich-Erzähler zum ersten Mal Zeuge einer undenkbaren, ja unvorstellbaren Tat. Noch während er versucht, sich von diesem Schock zu erholen, bricht sein altes Leben endgültig zusammen.  Die Welt hört auf, ein geordneter und sinnvoller Ort zu sein.

Fazit

Manchmal habe ich mich an der Übersetzung gestoßen, deren Qualität ich gar nicht beurteilen kann; aber Redewendungen wie „treulose Tomate“; „etwas intus haben“ oder „auf dem falschen Dampfer sein“ klangen in meinen Ohren zu deutsch, als dass ich sie als die Sprache irakischer junger Männer empfunden hätte.

Sowohl das pamphletartige Herunterspulen von Klischees in manchen Dialogen – aus denen ich meinte, den Autor herauszuhören – als auch eine Wendung am Ende haben mich gestört bzw. nicht überzeugt.

Doch trotzdem fand ich das Buch höchst lesenswert. Nicht nur, weil Khadra über weite Strecken so anschaulich schreibt, dass man nur wenige Zeilen braucht, um sofort in der Geschichte zu sein:

Jeden Morgen brachte Bahia, meine Zwillingsschwester, mir das Frühstück ans Bett. ‚Aufstehen da drinnen!‘, rief sie, während sie die Tür aufstieß, ‚du gehst noch mal auf wie ein Hefeteig!‘ Sie stellte das Tablett auf einem niedrigen Tischchen am Fußende ab, riss das Fenster weit auf und zwickte mich in die Zehen. Ihre Gesten waren herrisch, was in einem seltsamen Gegensatz zur Sanftheit ihrer Stimme stand. (S. 21)

Vor allem aber wird hier der Versuch unternommen, aus der Innensicht zu zeigen, wie sich das für einfache Menschen anfühlt, wenn westliche Soldaten zur Befreiung anrücken, man bald nicht mehr weiß, wer Freund und wer Feind ist, und sich die „Überlegenheit“ des Westens vor allem in sogenannten Kollateralschäden – überhaupt, was für ein Wort – und noch größerem Chaos und Blutvergießen zeigt.

Dabei gibt es keine Schwarzweißmalerei; auch der junge Beduine hat seine Glaubenssätze, die nicht hinterfragt und reflektiert werden.

In Kafr Karam kostete man nicht von der verbotenen Frucht. Eher wäre man krepiert, als zu stehlen oder sich dem Laster zu ergeben. Der Gesang der Sirenen mochte noch so laut tönen, der Mahnruf der Alten hat ihn noch stets überdeckt – Anstand und Ehre sind uns angeboren. (S. 24)

Letztlich geht es um die Fragen, was passiert, wenn man die Würde des Menschen antastet, wie die Spirale des Hasses entsteht und wie der Hass den Einzelnen und dann die Gesellschaft korrumpiert.

Würde ist nichts, worüber sich feilschen lässt. Wer sie verliert, dem reichen alle Leichentücher der Erde nicht, um sein Haupt zu verhüllen, und kein Grab nimmt freiwillig seine Reste auf. (S. 141)

Und das Buch erinnert daran, dass das, was wir eher flüchtig, eher nebenbei in den Zeitungen lesen oder in den Nachrichten hören, von anderen Menschen konkret durchlitten werden muss.

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