Rasha Khayat: Weil wir längst woanders sind (2016)

Eines Tages ist er einfach da. Über Nacht, ganz leise und unbemerkt. Er liegt dort, als wäre es nie anders gewesen, völlig selbstverständlich. Ich ziehe die Gardine im Wohnzimmer auf wie jeden Morgen. Und da steht es fest, so einfach, eine Tatsache. Wir hatten noch nie echten Schnee gesehen.

So beginnt der erste Roman der 1978 in Dortmund geborenen Autorin

Rasha Khayat: Weil wir längst woanders sind (2016)

Zum Inhalt

Layla und Basils Eltern haben sich in Deutschland kennengelernt. Barbara, die junge Krankenschwester, hatte sich in den älteren Studenten aus Saudi-Arabien verliebt. Sie heiraten, bekommen zwei Kinder und leben mehrere Jahre in Saudi-Arabien.

Doch dann zieht die Familie zurück nach Deutschland, weil der Vater dort seinen Facharzt machen möchte. Die kleine Layla und ihr Bruder Basil werden vor vollendete Tatsachen gestellt und müssen sich damit arrangieren, dass es nach den Sommerferien nicht zurück nach Hause geht. Zuhause, das ist nun Deutschland, warme Klamotten, der erste Schnee, die deutschen Großeltern.

Jetzt, viele Jahre später, reist Basil als erwachsener Mann zum ersten Mal zurück nach Saudi-Arabien – zur Hochzeit seiner Schwester Layla, die sich entschieden hat, einen Saudi zu heiraten. Damit hat sie auch eine Entscheidung gegen ihren bisherigen westlichen Lebensstil in Deutschland getroffen. Sie wird also weder ihre Buchhändlerlehre beenden noch sich so frei bewegen können, wie sie das bisher gewohnt war.

‚Natürlich hat man dahinten [gemeint ist Deutschland] mehr Möglichkeiten‘, unterbricht sie mich. ‚Vor allem als Frau. Aber was bringt mir das denn, wenn die Freude darüber fehlt bei den Menschen? Wenn sie stumm und kalt bleiben trotz all ihrer Freiheit […] Was bringen mir denn die ganzen Möglichkeiten, wenn sie keine Verbindung herstellen zueinander?…‘ (S. 118)

Basil, der selbst ziemlich planlos ist und sein Studium immer noch nicht beendet hat, versucht sich also im Familiengewirr zurechtzufinden. Er muss seine spärlichen Arabischkenntnisse aktivieren und wird von Onkel, Tanten und Cousins im Familienclan willkommen geheißen, als wäre er der verlorene Sohn, der endlich nach Hause gekommen ist. Es wird gegessen, getrunken, gefeiert – bei der Hochzeit streng nach Geschlechtern getrennt – und fast immer ist man mit anderen zusammen. Da hinein sind seine Erinnerungen an die ersten Kinderjahre in Saudi-Arabien und an das Aufwachsen und Erwachsenwerden in Deutschland verwoben.

Doch vor allem will Basil, der immer eine enge und liebevolle Beziehung zu seiner Schwester hatte,  verstehen, was Layla zu dieser Entscheidung bewogen hat.

Fazit

Ein feines, ruhiges Buch, das ebenfalls – wie auch Mein Leben als Schäfer – die Frage stellt, wo man zu Hause ist bzw. sein will. Dabei kann die Autorin auf eigene Erfahrungen zurückgreifen, denn auch sie, in Dortmund geboren, wuchs die ersten Jahre in Saudi-Arabien auf und kehrte mit elf Jahren nach Deutschland zurück.

Ihr Roman erzählt ganz unaufgeregt in einer schönen Sprache und nicht ohne Witz davon, wieso es manchmal so schwierig sein kann, sich in Deutschland zu Hause zu fühlen, wenn man einen nicht deutschklingenden Namen und eine dunklere Hautfarbe hat. Und wenn man sich diese ganzen klischeelastigen Zuschreibungen – entweder ist man die Wüstenprinzessin mit der Pyramide im Vorgarten oder eine potentielle Terroristin, die mit den Mördern des 11. September sympathisiert – nicht mehr zumuten möchte.

Zuhause, das ist für Layla der Ort,

von dem aus ich überall hingehen und an den ich zurückkommen kann und wo niemand will, dass ich mich gegen was anderes entscheide. (S. 119)

Dabei wird die alte Heimat nicht verklärt. Sie erscheint zwar wärmer und herzlicher und im Familienclan ist man aufgehoben und vorbehaltlos angenommen, aber auch kontrolliert und begrenzt. Und wenn die Religionspolizei ins Cafe kommt, sollte man tunlichst alles vermeiden, was ihren Unmut auf sich ziehen könnte.

„Weißt du noch, was wir damals immer gesagt haben: Im Leben der Entorteten ist kein Platz für Liebe.“ „Weil man so viel Kraft zum Überleben braucht. Und das glaube ich noch immer.“ (S. 93)

Schön wäre, beides zu haben: man selbst sein dürfen, ohne sich von der Familie, den männlichen Verwandten, der Religion, dem Staat die individuellen Lebensentscheidungen abnehmen lassen zu müssen, und gleichzeitig so geborgen, so aufgehoben und vorbehaltlos im Familienclan angenommen zu sein…

So könnte man voneinander lernen, wenn man denn wollte.

Das Buch mit dem coolen Cover erschien übrigens im DuMont Verlag.

Anmerkungen

Das sagt Die Buchbloggerin.

Hier geht’s lang zu den Besprechungen von Jenny Hoch und Christoph Schröder aus der Zeit.

 

6 thoughts on “Rasha Khayat: Weil wir längst woanders sind (2016)

  1. Liebe Anna,
    was für ein Zufall: ich lese auch gerade den Roman. Ich bin noch ganz am Anfang, aber mir gefällt der Erzählton sehr gut, das unmittelbare Erleben auf der einen Seite, die Erinnerungen an das enge Verhältnis der Geschwister und die Kindheit auf der anderen Seite. Und die Frage Basils, warum sich die Schwester für das Leben in Saudi-Arabien entschieden hat. Eine Frage, die sich der Leser, die Leserin ja erst recht, auch stellt. Und ich bin gespannt, ob sie (für mich) überzeugend geklärt werden kann.
    Viele Grüße, Claudia

  2. Maaaah grummel – hätte ich nicht doof im Krankenhaus rumgelegen, hätte ich Rasha Khayat im Literaturhaus gesehen. Hatte mich schon sehr gefreut. Aber immerhin als Trost eine so schöne Besprechung hier🙂

  3. Pingback: Blogbummel Juli 2017 – Teil 1 – buchpost

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