Fundstück

Die Kartoffeln habe ich meistens schon [vorher] mit den Kindern [gemeint sind ihre jüngeren Geschwister] gebuddelt. Da mußte gutes Wetter sein, sonst ging es nicht. Denn das war ein extra Vergnügen, Vergnügen und Zeitvertreib, denn Spielsachen, wie die Kinder jetztzutage haben, kannten wir doch nicht. Eine Peitsche für die Knaben, wenn der Jahrmarkt kam, Bilderbogen mit großen schönen Geschichten, bunte Papierbogen, wo wir Puppen mit Kleid und Mantel draus fabrizierten. Wo wir denn im Verhältnis glücklicher waren wie viele Kinder jetzt sind mit ihrem vielen Tand, daß sie gar nicht wissen, womit spielen. Eine Puppe zu Weihnachten, ein Ruhebett mußte selbst fabriziert werden. Ein Knabe, der vielleicht von Onkel Seemann ein Schiff auf einem Wasser zu schwimmen bekommen hatte, das war ein angesehener Held.

aus: In Träumen war ich immer wach: Das Leben des Dienstmädchens Sophia von ihr selbst erzählt, hrsg. von Gunilla-Friederike Budde, 1990

Sophia Friederika Hinriette Lemitz, 1844 in Lütjenburg (Schleswig-Holstein) geboren, schreibt im Alter von ca. 64 Jahren ihre Lebenserinnerungen auf. Höchst ungewöhnlich für eine einfache Frau, die als Kind für zwei Jahre nicht zur Schule gehen konnte, weil sie sich nach dem Tod der Mutter um den Haushalt und die jüngeren Geschwister kümmern musste. Da war Sophia erst neun Jahre alt.

Sie wird dann später Dienstmädchen, wechselt die Herrschaften, was durchaus gängig war, kommt auf diese Weise sogar bis nach Kopenhagen und arbeitet mal in der Landwirtschaft, mal als Kindermädchen oder bei einer jähzornigen und zu Gewaltausbrüchen neigenden Gräfin. Sie heiratet einen gutaussehenden Handwerker, der zum Trinker wird, nichts mehr zum Lebensunterhalt beiträgt und katastophale Fehlentscheidungen trifft, die vor allem seine Frau ausbaden muss.

Ihre Erinnerungen schreibt sie in ein Poesiealbum, das erst in den achtziger Jahren auf einem Dachboden gefunden wurde und der Sammeltätigkeit Walter Kempowskis sein Fortleben zu verdanken hat. Als das Album bis auf den letzten Quadratzentimeter vollgeschrieben ist, brechen die Aufzeichnungen ab. Jedenfalls hat man kein zweites Heft gefunden.

Es ist aus heutiger, westlicher Sicht kaum zu glauben, wie viel harte Arbeit in ein einziges Leben passt und ihren Ehemann hätte ich – so rund 100 Jahre später – gern aus dem Haus gejagt…

Abgerundet wird das schmale Werk durch ca. 35 Seiten Erläuterungen zum zeitgeschichtlichen Hintergrund.

Siehe auch die ausführlichere Vorstellung auf bloglichter.

 

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