Elizabeth von Arnim: Elizabeth auf Rügen (1904)

Schon die Karte vorne im Reiseführer machte mich durstig, das Land darauf war von so üppigem Grün, das Meer ringsum so schmeichelnd blau. Und wie faszinierend ist die Insel auf der Landkarte, eine Insel voller Windungen und Kurven, mit kleinen Inlandmeeren, Bodden genannt. Seen und Wäldchen und viele Fährschiffe; vor den Küsten kleinere Inseln, wie hingetupft; zahllose Buchten und ein riesiger Wald, augenscheinlich großartig, der sich an der Ostküste entlangzieht und ihren Windungen folgt, der an manchen Stellen bis zum Meer hinabreicht, anderen hinaufsteigt bis zu den Kalkfelsen, die er mit der besonderen Pracht der Buchen krönt. (S. 9)

So gerät die Erzählerin schon angesichts der Landkarte von Rügen ins Schwärmen und beschließt, ihrem Ehemann und dem staubigen Sommer auf dem Festland den Rücken zu kehren und stattdessen ganz stilvoll mit ihrer Dienerin Jungfer Gertrud und Kutscher August um die Insel Rügen zu reisen.

The Adventures of Elizabeth in Rugen erschien erstmals 1904 und dürfte wie auch viele andere Bücher der Autorin autobiografische Züge enthalten. p1010236p1010215Anna Marie von Welck übersetzte Elizabeth auf Rügen ins Deutsche.

Die Handlung an sich ist hanebüchen und erinnert an den gequälten Witz mancher deutscher Nachkriegskomödien, was insofern schade ist, da die Erzählerin über Wortwitz, eine treffsichere Beobachtungsgabe und das nötige Quäntchen Selbstironie verfügt. Dabei werden durchaus Themen wie die Emanzipation der Frauen oder die Rolle der Bediensteten gestreift. Aber alles eher locker-luftig und mit ziemlich viel Patina, die mir nicht immer gefallen hat.

Ich war so schweigsam, daß mein Begleiter überzeugt war, ich sei eine der intelligentesten Frauen, die er je getroffen hatte. […] Intellektuell! Wie hübsch. Und das alles nur, weil ich an den richtigen Stellen den Mund gehalten habe. (S. 52)

Aber sie gibt uns wunderbar sonnige Reiseschilderungen, die man, wenn man heute auf Rügen im Sommerstau der unzähligen Touristen steht, etwas wehmütig liest. Wanderte sie stundenlang stille Straßen entlang oder ließ sie sich gemütlich kutschieren, so brausen wir heute die gleichen Strecken in wenigen Minuten mit dem Auto entlang.

In Putbus sinniert sie

wie es hier wohl im Winter aussähe und wie reizend es da wäre ohne all die Leute, unter einem glasklaren kalten Himmel, wenn das Theater monatelang geschlossen ist, wenn nur wenige Gasthäuser geöffnet sind, um die paar Handelsvertreter zu versorgen. Bestimmt wäre es ein idealer Ort, um einen stillen Winter zu verbringen, wenn man des Lärms und der Geschäftigkeit müde ist, und überhaupt aller anstrengenden Leute, die versuchen, einander Gutes zu tun. Zimmer in einem der geräumigen alten Häuser mit den großen Fenstern nach Süden hinaus, dazu eine Menge Bücher. Wie gern würde ich wenigstens einen Winter meines Lebens in Putbus verbringen […] Wie himmlisch ruhig müßte es sein. Ein Ort für einen, der sich auf ein Examen vorbereitet, ein Buch schreiben will oder nur die Falten in seiner Seele glätten möchte. Und war für Spaziergänge müßte man machen können, in frischen winterlichen Wäldern, wo blasse Sonnenstrahlen auf unberührten Schnee fallen. (S. 28/29)

p1010529Es macht Spaß, Elizabeths Eindrücke ihrer Reise mit den eigenen zu vergleichen, denn die Orte, die sie damals auf Rügen besucht hat, sind die gleichen, zu denen es auch die heutigen Reisenden zieht.

Wenn man also den Plot einfach nicht zu ernst nimmt, ist es ein charmanter Reisebegleiter für die Insel, der in seiner Freude an Urlaubsentspannung auch heute noch anzustecken vermag.

… und der Kellner kam herunter und fragte, ob er eine Lampe bringen solle. Eine Lampe! […] Ich habe eine eigene Fähigkeit, nichts zu tun und dabei glücklich zu sein. Dazusitzen und in das zu schauen, was Whitman ‚die riesige und gedankenschwere Nacht‘ nennt, war für den besten Teil meines Selbst die angemessene und befriedigende Beschäftigung. Das übrige – die Finger, die etwas tun sollten, die Zunge, die schwatzen sollte, das oberflächliche Stückchen Hirn für den täglichen Gebrauch – wie gut, daß dies alles oft müßig sein konnte. (S. 35)

Hier kann man sich das erste Kapitel vorlesen lassen.

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Wenn man alles Gewicht abwerfen will, das auf der Seele lastet, nachdem man versucht hat, seine Pflicht zu tun, oder wenn man geduldig ertragen mußte, daß andere ihre Pflicht einem selbst gegenüber erfüllt haben, so kenne ich keinen besseren Weg, als alleine hinauszugehen – entweder am Tagesanfang, wenn die Erde noch unberührt ist und  nur Gott überall ist, oder am Abend. Dann herrscht das Schweigen bis hin zu den Sternen, und zu ihnen hinaufschauend, erkennt man die Armseligkeit des vergangenen Tages, die Wertlosigkeit aller Dinge, um die man sich gemüht hat, und die Torheit, ärgerlich, ruhelos und angstvoll gewesen zu sein. (S. 115)

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O fröhliche Sorglosigkeit, wenn allein ruhiges Wetter, Bäume und Gras, Meer und Wolken vergessen lassen, daß das Leben nicht nur aus Seligkeit besteht. Wie lang wird diese Freude am Leben andauern? Sie zu verlieren, ja nur ein wenig davon zu verlieren, nur den Saum ihres Glanzes verblassen zu sehen – dies fürchte ich mehr als den Verlust irgendeines irdischen Besitzes. (S. 139)

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11 thoughts on “Elizabeth von Arnim: Elizabeth auf Rügen (1904)

  1. Wir verbringen unsere Urlaube immer auf Nordsee- oder Ostseeinseln. Und wirklich jedesmal überlege ich mir dann, wie E. von Arnim in Putbus, wie es dort wohl im Winter aussähe. Der Inbegriff an Stille – mit heißem Tee und Büchern …
    Scheint wirklich reizvoll zu sein, die eigene Reise nach Rügen mit dem Buch wieder aufleben zu lassen – die allerdings ohne eine Dienerin Jungfer Gertrud und einen Kutscher August statt gefunden hat.🙂

    • Ein Inselurlaub ohne Jungfer und Kutscher? Tsss …🙂
      Jetzt aber im Ernst: Fotos sowie Text machen Lust auf einen Rügen-Urlaub mit der Lektüre von Elisabeth von Arnim-Lektüre im Gepäck. Es gibt so Orte, wo man das Gewicht der Welt abwerfen kann…

      • Als Reisebegleitung kann ich von Armin empfehlen, aber das Gewicht der Welt im Hochsommer auf Rügen abzuwerfen? Hmm, vermutlich trifft es dann einen der arglosen Mittouristen mit voller Wucht? Im Winter – das wäre noch mal etwas. Diesen Sommer war’s in manchen Orten auch sehr, sehr häßlich, ganze Straßenzüge gepflastert mit den Wahlkampf-Hetzparolen der NPD. Aber es gibt natürlich auch wunderschöne Eckchen, an denen man wunderbar durchatmen kann – auch in der Hochsaison🙂

    • Wer weiß, vielleicht läuft man sich dann mal im Winter über’n Weg🙂 Stundenlange Strandspaziergänge, gemütliche Cafes, keine Staus auf den Straßen und bitterkalt – da käme dann der Tee ins Spiel. LG, Anna

  2. Diesen Sommer hab ich auch endlich die wunderbare Ostsee erkundet, wobei ich leider Rügen ausgelassen habe (warum nur?!). Von Lübeck und Travemünde war ich wirklich begeistert! Rügen steht spätestens jetzt auf meiner Liste!😉 Toller Artikel! LG Bianca

  3. Ich war kurz nach der Wende auf Rügen, mit der Lektüre von Elisabeth von Arnim-Lektüre im Gepäck. An so etwas wie einen Plot im Buch kann ich mich nicht erinnern. Aber ich hatte all die Orte besucht, die sie auf Ihrer Rundreise beschrieben hatte und habe beides, Rügen und das Buch in sehr schöner Erinnerung. LG Ulrike

    • Schön, dass du dich an keinen Plot erinnern kannst, kann ich nachvollziehen, ging mir schon nach drei Wochen so! Es ging um eine Cousine, die sich verzweifelt bemüht, Elizabeth für den Kampf für Frauenrechte zu gewinnen, und um eine britische Mutter samt Sohn, die ständig Elizabeths Reiseroute kreuzen. Wie gesagt, als Reisebegleitung ist das Buch aber sehr nett. LG, Anna

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