Charles Chaplin: My Autobiography (1964)

I was  born on 16 April 1889, at eight o’clock at night, in East Lane, Walworth. Soon after, we moved to West Square, St George’s Road, Lambeth. According to Mother my world was a happy one. Our circumstances were moderately comfortable; we lived in three tastefully furnished rooms. One of my early recollections was that each night before Mother went to the theatre Sydney and I were lovingly tucked up in a comfortable bed and left in the care of the housemaid. In my world of three and a half years, all things were possible; if Sydney, who was four years older than I, could perform legerdemain and swallow a coin and make it come out through the back of his head, I could do the same; so I swallowed a halfpenny and Mother was obliged to send for a doctor.

So beginnt die Autobiografie des britischen Ausnahmekünstlers Charles Chaplin, die auf Deutsch unter dem Titel Die Geschichte meines Lebens erschien.

Zum Inhalt

Nach zunächst bescheidenem Wohlstand rutscht die kleine Familie – Chaplins Vater hatte sich da schon längst aus dem Staub gemacht, trank und dachte nicht daran, seine Frau und die zwei Jungen finanziell zu unterstützen – immer tiefer in Armut ab.

Die Mutter Chaplins versucht alles, um ihre zwei Kinder mit ihren Auftritten in Music Halls und Näharbeiten über Wasser zu halten. Als Charles fünf ist, verliert seine Mutter ihre Stimme. Ein Jahr später muss die Familie zum ersten Mal ins Armenhaus. Zwar erhalten die Jungen dort eine rudimentäre Schulbildung und müssen nicht hungern, doch die Bestrafungen sind so brutal, dass die Zöglinge danach ärztlich versorgt werden müssen, und die Atmosphäre bedrückend.

Schließlich geht es der Mutter so schlecht, dass die Ärzte vermuten, dass chronische Unterernährung schuld an ihren Wahnvorstellungen ist, die sie schließlich für lange Zeit ins Irrenhaus bringen. Deshalb entscheiden die Behörden, dass sich nun der Vater um die beiden Jungen zu kümmern habe. Dessen Lebensgefährtin ist wenig erfreut darüber und sperrt die Kinder über Nacht auch schon mal aus, sodass sie dann von der Polizei aufgegriffen werden. Mit 37 Jahren stirbt der Vater an den Folgen seiner Alkoholsucht.

It was difficult for vaudevillians not to drink in those days, for alcohol was sold in all theatres, and after a performer’s act he was expected to go to the theatre bar and drink with the customers. Some theatres made more profit from the bar than from the box office, and a number of stars were paid large salaries not alone for their talent but because they spent most of their money at the theatre bar. Thus many an artist was ruined by drink – my father was one of them. (S. 15/16)

Aber die rabiate Kindheit legt auch den Keim zu Chaplins Talent, denn durch seine Mutter kommt er schon als Fünfjähriger in Kontakt mit der Bühne und lernt schließlich Unterhaltungsensembles kennen, mit denen er auf Tournee geht, als knapp Dreizehnjähriger z. B. mit Sherlock Holmes-Stücken. Und während seiner zweiten Amerika-Tournee beschließt er, in den USA zu bleiben.

The further west we went the better I liked it. Looking out of the train at the vast stretches of wild land, though it was drear and sombre, filled me with promise. Space is good for the soul. It is broadening. My outlook was larger. (S. 127)

Sein Aufstieg in den USA ist unaufhaltsam, er wird einer der wichtigsten und erfolgreichsten Männer der „Traumfabrik“ Hollywood.

Seine Figur, der Tramp, wird zu einer Ikone.

You know this fellow is many-sided, a tramp, a gentleman, a poet, a dreamer, a lonely fellow, always hopeful of romance and adventure. He would have you  believe he is a scientist, a musician, a duke, a polo-player. However, he is not above picking up cigarette-butts or robbing a baby of its candy. And, of course, if the occasion warrants it, he will kick a lady in the rear – but only in extreme anger! (S. 146)

Seine Filme stellen immer neue Einspielrekorde auf und während seiner Reisen in Amerika und Europa wird er schon früh  wie ein Popstar von Tausenden begeisterter Fans bejubelt.

The large railroad station in Kansas City was packed solidly with people. The police were having difficulty controlling further crowds accumulating outside. A ladder was placed against the train to enable me to mount it and show myself on the roof. […] More telegrams awaited me: would I visit schools and institutions? I stuffed them in my suitcase, to be answered in New York. From Kansas City to Chicago people were again standing at railroad junctions and in fields, waving as the train swept by. I wanted to enjoy it all without reservation, but I kept thinking the world had gone crazy! (S. 177)

Fazit

Es lohnt, diese Autobiografie zu lesen, auch wenn sie später an einigen Stellen auseinanderbricht, nämlich da wo sie nur Anekdoten und Begegnungen aneinanderreiht.

Chaplins Kindheitserinnerungen nehmen einen großen Raum ein; kein Wunder, Chaplin hat nie vergessen, aus welch erdrückender Armut er kam. Sein Leben lang war er dankbar für den späteren Reichtum und die persönlichen Freiheiten, die für ihn daraus resultierten.

Berührend beispielsweise die Stelle, wo er als ganz junger Mann nach Monaten harter Arbeit mehr oder weniger aus Verzweiflung beschließt, das gesparte Geld auf den Kopf zu hauen, und ein paar Tage so zu leben, wie die Reichen leben. Also kauft er sich einen unglaublich teuren Koffer und quartiert sich im Astor in New York ein. Dabei weiß er gar nicht, wie das so funktioniert, reich zu sein. Im Hotelrestaurant ist er viel zu nervös, als dass er das Essen wirklich genießen könnte.

The splendour of the lobby and the confidence of the people strutting about it made me tremble slightly as I registered at the desk. (S. 135)

Und später wehrt er sich gegen jegliche Verklärung seiner bitterarmen Kindheit, wie sie ihm beispielsweise Somerset Maugham unterstellen möchte:

I found poverty neither attractive nor edifying. It taught me nothing but a distortion of values, an over-rating of the virtues and graces of the rich and the so-called better classes. Wealth and celebrity, on the contrary, taught me to view the world in proper perspective, to discover that men of eminence, when I came close to them, were as deficient in their way as the rest of us. […] to know that intelligence is not necessarily a result of education or a knowledge of the classics. (S. 267)

Seine Vorliebe für sehr junge hübsche Frauen endet immer wieder desaströs. Und überhaupt:

I suppose a dissertation on one’s libido is expected in an autobiography, although I do not know why. To me it contributes little to the understanding or revealing of character. Unlike Freud, I do not believe sex is the most important element in the complexity of behaviour. Cold, hunger and the shame of poverty are more likely to affect one’s psychology. (S. 206)

Erst mit seiner vierten Ehefrau Oona, mit der er acht Kinder hat und die 36 Jahre jünger ist als er, wird er dauerhaft glücklich.

Man erfährt nicht nur ganz viel über das Kino in seinen Anfängen, über seine (Stumm-)Filme und Chaplins anfängliche Skepsis dem Tonfilm gegenüber.

Chaplin ist monatelang gereist – in Japan stand er im Fokus einer Verschwörung und sollte umgebracht werden – und hat so viele interessante, berühmte und wichtige Menschen kennengelernt (viele Adlige, Politiker, den Prinzen von Wales, Churchill,  Horowitz, Igor Stravinsky, Aldous Huxley, den Tänzer Nijinsky, Einstein, Schauspieler natürlich, Somerset Maugham, H. G. Wells, Brecht, Feuchtwanger, Truman Capote, Ghandi, Sartre, Picasso und und und), dass das allein schon das Lesen lohne würde.

Doch vor allem ist sein Leben auch ein Spiegel des 20. Jahrhunderts in Amerika, er verkörpert wie nur wenige den Traum „from rags to riches“ und den Aufstieg der Traumfabrik Hollywood. Er sieht, wie einige seiner Kollegen ihren Reichtum doch auf sehr merkwürdig anmutende Art zur Schau stellen. Das gilt auch für den Medienmogul Hearst.

Und die Macht der Zeitungen bekommt Chaplin, als es um eine Vaterschaftsklage geht, selbst hautnah zu spüren.

Der Schauspieler rennt nie den Massen und dem gerade angesagten Zeitgeist hinterher. Öffentlich plädiert Chaplin für den Kriegseintritt der USA während des Zweiten Weltkrieges und wird dafür als Kommunist beschimpft und verdächtigt. Die hysterische Stimmungsmache der Medien, die Kommunistenhetze und die Feindschaft J. Edgar Hoovers, des jahrzehntelangen FBI-Chefs, sorgen dafür, dass er sich schließlich, nach vier Jahrzehnten des Erfolgs, vor dem Komitee für unamerikanische Umtriebe rechtfertigen muss.

Man wirft ihm nun auf einmal vor, dass er sich nie um die amerikanische Staatsbürgerschaft bemüht habe. Und teilt ihm mit, dass er nach einem Europa-Urlaub damit rechnen müsse, wegen seiner politischen Umtriebe und Unzuverlässigkeiten strengstens befragt zu werden. So verbringt er seine letzten Jahrzehnte zusammen mit seiner Familie ganz luxuriös auf seinem Schweizer Anwesen.

Was aber bleibt von diesem Ausnahmekünstler?

In other words, through humour we see in what seems rational, the irrational; in what seems important, the unimportant. It also heigthens our sense of survival and preserves our sanity. Because of humour we are less overwhelmed by the vicissitudes of life. It activates our sense of proportion and reveals to us that in an over-statement of seriousness lurks the absurd. (S. 210)

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7 thoughts on “Charles Chaplin: My Autobiography (1964)

  1. Ich habe diese Autobiographie vor Jahren gelesen und kann mich nun, nach Deinem Beitrag, wieder deutlich an einige Szenen erinnern – vor allem aus seinen Kindheitsbeschreibungen, aber auch diese souveräne Art, mit den politischen Anfeindungen umzugehen. Ein großartiger Künstler, das Buch brachte mir auch seine Filme näher (als Kind fand ich die nicht so toll, erst als Erwachsene wurde ich richtiger Fan). Schön besprochen und schön, Charlie hier wieder mal zu begegnen.

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