Fundstück von Heinz Hilpert: 18. November 1944

Diese Tage sind grausam. Man tritt morgens aus einer halbkalten Wohnung in nasse, kalte Finsternis. Ein Fröstelgefühl durchschaudert einen. Man tastet sich mit dem Fuß durch Pfützen und schlägt seinen Kragen hoch, damit einem der feine, vom Wind gepeitschte Fisselregen nicht hinten in den Nacken geblasen wird, die kalten Hände tief in die Manteltaschen vergraben. So springt man in die Elektrische, sitzt mit hustenden, rotzenden, triefäugigen, unausgeschlafenen und deshalb, aber nicht nur deshalb, halb mißvergnügten, halb dösenden, halb schlafenden Menschen zusammen. […]

Alle sind entwillt, aber nicht hingegeben, sondern in dem merkwürdigen Zwischenzustand, in dem übergroße Müdigkeit jede Persönlichkeit tötet oder entnervt.

Grausig – tierhafte Ausgeliefertsein an den Zwang, den sinnlosen Zwang.

aus: Heinz Hilpert: So wird alles Schwere entweder leicht oder Leben (2011), S. 59

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