Emily Brontë: Wuthering Heights (1847)

#MeinKlassiker: Emily Brontë: Wuthering Heights

Da hatte Birgit von Sätze & Schätze mal wieder eine Idee und wir mussten ran:

Im Gegensatz zum Feuilleton sind Literaturblogger nicht dem ständigen Aktualitätszwang verpflichtet – darin liegt auch eine Chance, immer einmal wieder einen Klassiker aus dem Regal hervorzuholen, sie den Lesern – so sie ihn noch nicht kennen – näherzubringen. Ich habe daher einige lesende und schreibende Menschen (Blogger, Schriftsteller, Verleger, Literaturschaffende und Literaturliebhaber) gebeten, mir von ihrem persönlichen Favoriten zu erzählen und über Bücher zu schreiben, die sie seit Jahren, wenn nicht gar Jahrzehnten begleiten, denen sie eine besondere Bedeutung zuschreiben, die sie als Klassiker bezeichnen würden.

Und so entsteht eine höchst spannende Reihe zu unseren ganz persönlichen Klassikern. Mitmachen weiterhin dringend erwünscht!

Bei der Frage nach #MeinKlassiker kommt man erst einmal ins Grübeln. Das geht schon bei der Definition los, was man unter einem Klassiker verstehen will. Und welches von all den Büchern, die ich bisher gelesen habe, soll nun hier den Ehrentitel bekommen? Und doch, Birgits Anfrage erreichte mich gerade, als ich nach ca. 20 Jahren ein ganz bestimmtes Buch las, wiederlas.

Ich musste also gar nicht lange überlegen. Mein Klassiker ist Wuthering Heights von Emily Brontë, einigen vielleicht eher unter dem deutschen Titel Sturmhöhe bekannt.

Die wilde Geschichte von den zwei unterschiedlichen Familien, die irgendwo im einsamen und rauhen Yorkshire wie Naturgewalten aufeinandertreffen, wurde erstmals 1847 veröffentlicht. Da wären zum einen die Earnshaws samt Findelkind Heathcliff, eine Familie, die mit dysfunktional noch sehr freundlich umschrieben wäre, und  zum anderen die gesitteten Lintons. Es kommt zu unglückseligen Eheschließungen, Geburten, Liebesleid, Rache und Tod und schließlich zu einer milden Ruhe nach all dem stürmischen Gebaren.

Hab’s schon als Teenager gelesen, ohne die geringste Ahnung, dass das ein echter Klassiker ist. Später die Schwarzweiß-Verfilmung gesehen. Weitere Verfilmungen gingen spurlos an mir vorbei. Das Buch reicht mir völlig.

Im Studium habe ich mich monatelang mit dem Buch beschäftigt und es aus allen möglichen und unmöglichen Richtungen analysiert, interpretiert und dabei fast auswendig gelernt. Doch das Werk hat all dem standgehalten und begeistert mich heute noch genauso wie beim allerersten Mal.

Es bleibt bewunderndes Staunen oder staunende Bewunderung, denn bei jedem Lesen entdecke ich etwas Neues; man wird mit diesem Buch einfach nicht fertig. Da gibt es z. B. eine große psychologische Feinheit, mit der die Autorin zeigt, welche Verheerungen eine miese und brutale Erziehung anrichten kann.

Dann die Modernität der Gestaltung: Wie in einem Spiegellabyrinth muss man überlegen, wem man glauben kann. Die Erzählerfiguren, der Städter Lockwood und die Haushälterin Nelly Dean, die oft genug selbst ihre Finger im Spiel hatte, wollen uns von Anfang an ihre Sicht der Dinge unterjubeln.

Und erst die Hauptfiguren: Catherine, ihr Bruder Hindley, Heathcliff und dann Edgar und Isabelle Linton. In den zwei Häusern tobt ein archaischer Sturm, scheinbar meilenweit vom nächsten Ort entfernt, die Handlung drängt vorwärts; am Ende bin ich fast ein wenig erschöpft und brauche ein paar Tage, bis ich mich wieder auf ein neues Buch einlassen kann. Und dann die großen Fragen nach Schuld, nach Liebe. Schließlich tragen alle ihren Teil, gewollt oder ungewollt, zum Chaos und Herzeleid bei.

Und überhaupt, was ist eigentlich Liebe? Ist es Liebe oder eine schier unfassbare Selbsttäuschung, wenn Catherine beteuert:

If all else perished, and he [Heathcliff] remained, I should still continue to be; and if all else remained, and he were annihilated, the Universe would turn to a mighty stranger. I should not seem a part of it. (…) my love for Heathcliff resembles the eternal rocks beneath – a source of little visible delight, but necessary. Nelly, I am Heathcliff – he’s always, always in my mind – not as a pleasure, any more than I am always a pleasure to myself – but, as my own being….

Elena Ferrante beschreibt in einem Interview, was ein gutes Buch ihrer Meinung nach leistet. Nach dieser Definition ist Wuthering Heights ein phänomenal gutes Buch.

Good books are stunning charges of vital energy. They have no need of fathers, mothers, godfathers and godmothers. They are a happy event within the tradition and the community that guards the tradition. They express a force capable of expanding autonomously in space and time.

Elena Ferrante in einem Interview mit Sheila Heti, zitiert nach: ‘Be Silent, Recover My Strength, Start Again’: In Conversation with Elena Ferrante

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11 Kommentare zu “Emily Brontë: Wuthering Heights (1847)

  1. „Und wir mussten ran“: Eine Sekunde lang fühlte ich mich wie ein bibliomanischer Sklaventreiber 🙂
    Aber mein Antreiben hat sich gelohnt: Wirklich sehr lesenswerte, wunderbare, abwechslungsreiche Beiträge, eigentlich schon ein kleines Klassiker-Lexikon.
    Und wer ist jetzt im Stress und Druck??? Ich!!! Weil ich mir Sturmhöhe, Gantenbein, Eichendorff etc. pp neben das Sofa gestapelt habe – ihr habt mir eure Klassiker so schmackhaft gemacht, dass ich sie alle wieder lesen will … das habe ich nun davon 🙂

    • Ja, ein kleines Klassiker-Lexikon, genau 🙂 Und den Stress teilen wir uns, wir wollen die doch jetzt auch alle (wieder-)lesen. Und verrätst du uns irgendwann auch deinen Klassiker? Viele adventliche Abendgrüße, Anna

      • Das ist ja schön, bin schon gespannt.
        Vielleicht sollte ich in Zukunft alle meine Beiträge wie meine Besprechung zu Wuthering Heights verfassen, das schrieb sich quasi von selbst 🙂 Birgit, wenn du eine Idee für eine Reihe hast, dann macht es enorm viel Spaß, dabei mitzumachen. Und außerdem ist das Ergebnis spannend und informativ. Also, treib uns auch weiterhin, wenn dir danach ist 🙂

      • Ich nehme dich beim Wort 🙂 Aber vor der nächsten Idee können wir uns noch auf ein paar schöne #MeinKlassiker-Beiträge im neuen Jahr freuen, es fehlen ja noch die ganz großen deutschen Dichterfürsten (WinkmitdemZaunpfahlNeugierdewecken).

  2. Pingback: Lesejahr 2016 – buchpost

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