Hisham Matar: The Return (2016)

Early morning, March 2012. My mother, my wife Diana and I were sitting in a row of seats that were bolted to the tiled floor of a lounge in Cairo International airport. Flight 835 for Benghazi, a voice announced, was due to depart on time. Every now and then, my mother glanced anxiously at me. Diana too seemed concerned. She placed a hand on my arm and smiled. I should get up and walk around, I told myself. But my body remained rigid. I had never felt more capable of stillness.

So beginnt das dritte Buch des libyschen Autors, das mich in einer Weise beschäftigt, wie das nur sehr wenigen Büchern gelingt.

Fathers, sons and the land in between, so lautet der Untertitel und Ende Februar 2017 erschien das Buch auch in Deutsch im Luchterhand Verlag unter dem Titel Die Rückkehr.

Aber vielleicht wenigstens dies: Hisham Matar wurde 1970 in New York geboren, dann ging die Familie zurück nach Libyen, doch als sein Vater – im aktiven Widerstand gegen das Gaddafi-Regime – immer mehr um seine Sicherheit und um die seiner Familie fürchten musste, emigrierte die Familie zunächst nach Kenia, dann nach Ägypten. Da war Hisham gerade einmal sieben Jahre alt. Hisham und sein Bruder Ziad absolvierten ihre schulische Ausbildung in Großbritannien und Hisham studierte anschließend in London. 1990 wurde der Vater durch den Verrat des ägyptischen Geheimdienstes an Libyen ausgeliefert. Ein paar Jahre später verliert sich in dem berüchtigten Folterknast Abu Salim seine Spur endgültig. Weitere Verwandte des Autors, Onkel und Cousins, saßen ebenfalls zum Teil über 20 Jahre in diesem  Gefängnis.

Die erstmalige Rückkehr Hisham Matars in sein Heimatland nach 33 Jahren im Exil im Jahr 2012 bildet nun die Rahmenhandlung oder eher die Handlung, mit der unzählige andere Geschichten, Rückblenden, Betrachtungen und Exkurse verwoben sind.

Hier schreibt einer, der geradezu traumwandlerisch weiß, was er tut. Herausgekommen ist so viel mehr als eine biografische Nabelschau. Es geht um die richtig großen Themen: Heimat, Entwurzelung, um den Mut, in einer Diktatur Widerstand zu leisten, das Wüten der italienischen Kolonialmacht in Libyen nach dem Ersten Weltkrieg, um die Liebe eines Sohnes und seine Erinnerungen an seinen Vater, die Liebe einer Familie zueinander, um Trauer und um das Gesicht des abgrundtief Bösen, das immer auch so unglaublich zynisch ist. Wie ähnlich sich doch die Diktatoren sind. Und wie rasch westliche Demokratien den Diktatoren die Hand reichen. Und es geht um den Kampf Matars, durch Öffentlichkeitsarbeit Informationen zum Verbleib seines Vaters zu bekommen. Selbst ein Treffen mit einem der Söhne Gaddafis mutet er sich und seinem Bruder Ziad zu.

Und es geht um Kunst, um Bilder, um Literatur, die einem dabei helfen kann, nicht den Verstand zu verlieren.

Ein Beispiel, wie Matar arbeitet: Er schildert eine Tizian-Ausstellung in Rom und vor allem das Gemälde Martyrium des heiligen Laurentius zieht ihn völlig in seinen Bann. Als jemand, dessen Verwandte gefoltert und dessen Vater im Nichts einer Diktatur verschwunden ist, hat Matar einen ganz anderen Zugang zu diesem Bild als irgendein beliebiger Kunstflaneur. Doch von dem Gedanken ausgehend, dass sich die Folterknechte, die man im Gemälde sehen kann, richtig Mühe geben, ihre Arbeit „gut“ zu machen, geht Matar über zu der Frage, wie das Foltergefängnis Abu Salim architektonisch geplant worden ist.

Ich habe selbst schon auf diesem Blog die Wendung benutzt, dass ein Autor, eine Autorin für mich Fenster in andere Bereiche aufgestoßen habe. Doch Matar macht etwas anderes: Er macht mir klar, dass das, was er erzählt, in der Welt passiert, in der ich, in der wir gemeinsam leben. Libyen ist gar nicht mehr weit weg.

Was ebenfalls frappiert: Kein Hass, keine Bitterkeit, stattdessen eine große Weite, eine große Klarheit und Anschaulichkeit, die keiner pathetischen Worte bedarf.

Natürlich habe ich auch in diesem Buch Stellen angestrichen, die ich normalerweise hier zitiere. Doch diesmal sind es zu viele, die ich nicht aus ihrem Zusammenhang herauslösen möchte, zu dicht verschränkt sind die Ebenen, die Themenbereiche. Die Struktur des Buches ähnelt dem Haus seines Großvaters:

For a young boy it was as mysterious and magical as a maze. And I cannot separate its various surprising turns, its seeming endlessness, its modest and somewhat austere aesthetic, from my grandfather’s life and character. I often lost my way in its endless rooms, corridors and courtyards. Some windows looked out on the street, some on to one of the courtyards, yet others, strangely, looked into other rooms. It was never clear whether you were indoors or outdoors. Some of its halls and corridors were roofless or had an opening through which a shaft of light leant in and turned with the hours. Some of its staircases took you outside, under the open sky, before winding back in. (S. 147)

Kurz: Ganz große Literatur.

Hier geht’s lang zu Besprechungen auf letteratura und LiteraturReich.

Das sagt die Neue Zürcher Zeitung.

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12 Kommentare zu “Hisham Matar: The Return (2016)

  1. „Doch Matar macht etwas anderes: Er macht mir klar, dass das, was er erzählt, in der Welt passiert, in der ich, in der wir gemeinsam leben. Libyen ist gar nicht mehr weit weg.“: Wenn Literatur so aufrütteln kann, wie es Dir mit diesem Buch ganz offensichtlich geschah, dann zeigt sie daran doch auch ihre Bedeutung für unser tägliches Leben, für die stetige Weiterbildung unserer Werte und Anschauungen.
    Ich verfolge manchmal die Diskussionen um das, was Literatur angeblich ausmacht und sein soll, mit einem inneren Kopfschütteln – sie kommen mir so akademisch vor. Natürlich gibt es literarische Maßstäbe, die man anlegen kann, um zu bewerten, ob ein Text gut oder weniger gut ist. Aber nur l`art pour l`art? Meines ist das nicht. Literatur wird für mich dort am wichtigsten und bedeutsamsten, wo sie mich aufrüttelt, mir die Welt erklärt, auch politisch ist (ohne deshalb dezidiert politisch geschrieben zu sein).
    Sicher: Auch die Literatur, die die großen Gefühle (Liebe und Liebesleid) behandelt, auf Sturmhöhen mit Stolz und Vorurteil spielt, hat ihren Stellenwert, auch jene Literatur, die jetzt eher unterhält oder unsere Sorgen vertreibt.
    Und das ist mir auch bei den Blogbeiträgen anderer wichtig, diese Mischung – von daher, bitte nicht die Sinnfrage stellen oder gar zu Ende führen, liebe Anna!
    Und danke für diesen Literaturtipp – das werde ich mit Sicherheit lesen.

    • Hallo Birgit,
      danke für deinen Kommentar. Im Grunde geht es mir wie dir, ich mag eine wilde Mischung, die von Cosy Crime, Nischeninteressen über Sturmhöhe bis zu Hisham Matar reicht. Eben Literatur, die das, was sie vorhat und vorgibt zu sein, auch einlösen kann. Nach diesem Buch hat sich meine Abneigung allerdings gegen jene Art der Literatur noch einmal vertieft, die vorgibt, mehr oder weniger tiefsinnig zu sein (hatte gerade vor Matar ein solches Machwerk gelesen, Hintergrund amerikanische Schreibschulen und Protagonisten, die Ende zwanzig noch so pubertär an ihren Teenagersorgen herumlaborieren, Sorgen, die natürlich gleich zu Traumata hochgezüchtet wurden, und haarsträubende Löcher in der Logik) und dabei spüre ich einfach, dass hinter dieser Art der Schriftstellerei keine innere Notwendigkeit steht.
      Meine Sinnfrage bezog sich auch mehr darauf, dass ich wirklich nicht wusste, was ich zu Hisham Matar schreiben soll, weil mich das Buch so erwischt hat, ich wollte weder ins pathetische Plappern verfallen noch intellektuelle Verrenkungen machen. Ich habe es tatsächlich so empfunden: Dieses Buch braucht mich nicht. Es kam sozusagen aus dem Nichts und steht nun in der Reihe meiner wichtigsten Bücher. Also, würde mich freuen, wenn du mal Laut gibst, wie es dir gefallen hat.
      Liebe Grüße, Anna

      • Liebe Anna, „die innere Notwendigkeit“: Das ist eine treffende Definition für das, was Literatur ausmachen sollte! War das Buch zuvor „Die Interessanten“? Reine Neugierde…
        Und deine Sinnfrage verstehe ich jetzt besser. Mir ging es so mit Thomas Melle und „Die Welt im Rücken“ – ich sah mich einfach nicht in der Lage darüber zu schreiben, aber das haben ja in dem Fall viele andere getan. Über das Buch von Hisham Matar habe ich jedoch bislang noch nichts gelesen und daher bin ich sehr dankbar, dass Du doch darüber geschrieben hast. Insofern hat das Buch dich doch gebraucht, damit auch andere darauf aufmerksam werden. Herzliche Grüße, Birgit

      • Hallo Birgit, nein, das Buch davor, dem ich unterstelle, keine innere Notwendigkeit zu besitzen, war ein Debütroman namens Point of Direction (hatte aber ein tolles Cover :-).
        Ich bin übrigens gespannt, wie die Marketingmaschine funktioniert, wenn der Roman Matars nächsten Monat in Deutsch erscheint. Im englischsprachigen Raum fand sich Matar schon auf diversen Buchpreislisten. Ich bin allerdings auch erst auf ihn aufmerksam geworden durch die Top Ten 2016 der New York Times. Freut mich natürlich, wenn ich gerade für dieses Buch Interesse wecken konnte. LG, Anna

  2. Liebe Anna,
    mein erster Gedanke beim Lesen Deines Beitrags und nach Deiner den Blog in Frage stellenden Einleitung war: Nein, es ist genau richtig und wichtig, dass Du uns von Deinem Lesen erzählst, manchmal eben „nur“ um nachzuvollziehen, was Dich gepackt hat an einer Lektüre, in diesem Fall aber vor allem auch als Aufruf zum Selbstlesen, als Hinweis darauf, dass es den Roman in ein paar Monaten auch auf Deutsch gibt, denn sonst hätte ich ihn vielleicht gar nicht entdeckt.
    Irgendwie haben wir in Mitteleuropa ja lange denken können, die Gräuel der Naziherrschaft wären ein für alle Mal überwunden. Und nun kommen die Bücher aus den Ländern, in denen Diktatoren nach wie vor ihr Unwesen treiben – und auf einmal ist alles wieder da. Es hört und hört nicht auf. Mir ist es im letzten Jahr so mit Abbas Khiders „Die Orangen des Präsidenten“ gegangen und mit Johannes Anyurus „Ein Sturm wehte vom Paradiese her“. Und so werde ich sicherlich auch „Die Rückkehr“ lesen, so schwer erträglich diese Romane auch immer sind.
    Wir können ja nicht immer direkt helfen, das wäre ja auch überfordernd, aber ich denke, wenn es Menschen gibt, die diese Romane lesen (und ja wahrscheinlich auch die eine oder andere Zeitung), wenn uns bewusst bleibt, dass es menschenverachtendes Verhalten gibt, dass der Prozess der Aufklärung immer noch im Gange, die Ideen des Humanismus immer noch zu wenig im Bewusstsein, dann können wir wenigstens in unserem kleinen Bereich dafür streiten und argumentieren – und wir als Lehrerinnen vielleicht sogar dem einen oder der anderen unserer Schüler diese Ideen, Werte und Haltungen mit auf den Weg gegeben. Das ist doch schon verdammt viel!
    Und so schließe ich mich dann auch Birgits Kommentar an.
    Viele liebe Grüße, Claudia

    • Hallo Claudia,
      danke auch dir für deinen Kommentar. Wie ich Birgit schon schrieb, bezog sich meine kleine Sinnkrise darauf, dass ich wirklich ratlos war, was und wie ich zu diesem Buch etwas schreiben sollte. Der Eindruck, dass dieses Buch mich nicht braucht, weil es einfach so unglaublich gut ist, war sehr stark. Der Eindruck, diesem Buch auch nicht genügen zu können. Der Gedanke, gar nichts zu diesem Buch zu schreiben, aber das wollte ich dann auch wieder nicht.
      Ja, es hört und hört einfach nicht auf. Ich musste auch daran denken, dass in den letzten Wochen so oft zu lesen war, wie fürchterlich 2016 war. Die meisten, die das geschrieben haben, haben 2016 nicht schlechter gelebt als vorher auch und so ein Buch wie „Die Rückkehr“ zeigt, dass es in manchen Ländern seit Jahrzehnten keine guten Jahre gegeben hat. Einschließlich Hunger, Verfolgung, Haft und Tod.
      Solche Bücher können dann den Horizont ändern, sodass er weniger egozentrisch wird. Danke auch noch mal für die Buchtitel, die du nennst.
      Übrigens – das ist auch etwas, was schlauerer Leute mal ergründen könnten – liest sich das Buch keineswegs immer bedrückend. Es ist auch unglaublich spannend. Und durch die Verschachtelung der Zeitebenen immer wieder überraschend. Und liebevoll.
      Und genau, in die Schule wollen wir etwas davon mitnehmen. Einen größeren Horizont.
      Dir ein gutes Wochenende. Bis zum Wiederlesen. Anna

  3. Das freut mich. Ich bin sonst zurückhaltend mit derlei Bewertungen. Aber das Buch hat sich sozusagen aus dem Nichts in die Liste meiner wichtigsten Bücher katapultiert. Bin gespannt, was du dazu denkst. Viele Grüße, Anna

  4. Vielen Dank für die Vorstellung. Das Buch steht schon auf meiner Wunschliste, jetzt ist der Lesewunsch noch dringlicher geworden.

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