Niroz Malek: Der Spaziergänger von Aleppo (2017)

Niroz Malek (1946 in Aleppo geboren) hat bisher mehrere Bände mit Erzählungen und sechs Romane veröffentlicht.

Schon auf den ersten Seiten dieses Werks erklärt der Erzähler, weshalb er selbst, im Gegensatz zu Millionen anderen Syrerinnen und Syrern, sein Land und seine Stadt Aleppo nicht verlassen will.

‚Wie kann ich meine Wohnung verlassen, aus meinem Zimmer fortgehen?‘ […] ‚Warum? Um meinen Körper zu retten? Du solltest wissen daß das, was ich in diesem Raum zurücklasse, nicht nur Bücher und Antiquitäten und Photographien sind. Nein, ich lasse meine Seele zurück.‘ […] ‚Kann ein Körper ohne Seele leben? Aus diesem Grund werde ich meine Wohnung nicht verlassen: Weil ich meine Seele nicht in einen noch so großen Koffer stopfen kann. Meine Seele ist all das, was du in meinem Zimmer siehst … Tausende Bücher. Hunderte Schallplatten, Zeichnungen, Gemälde und Photographien.‘ (S. 6/7)

Malek konstatiert den Irrsinn, dass sich Liebespaare immer noch küssen, dass Frauen vergeblich auf die Rückkehr ihres Mannes warten, dass irgendwo Hochzeit gefeiert wird, während gleichzeitig ein kleiner Junge betrauert wird, der einem Scharfschützen zum Opfer gefallen ist.

Er trifft sich mit seinen verbliebenen Freunden im Café, flüchtet in Bücher und Gemälde von van Gogh und vermisst seine über die Welt verstreute Familie, seine Enkelkinder.

Ich weiß, daß meine Briefe Dich nicht erreichen. Dennoch schreibe ich Dir jeden Abend, um Dir zu sagen, wie sehr Du mir fehlst. Am nächsten Morgen lege ich den Brief wie ein wertvolles Pfand in die Hände des Briefträgers. (S. 8)

Gleichzeitig ist er erschüttert, dass die Kinder in Aleppo, die überhaupt noch in der Lage sind, etwas malen zu können, nur noch verkohlte Bäume und Leichenteile malen.

Und so enthält Der Spaziergänger von Aleppo 57 kurze Texte; Einblicke, Impressionen, surreale Geschichten und Reflexionen, in denen sich der Autor, der nach wie vor in Aleppo lebt, an früher erinnert und an geflohene Freunde, an Zurückgekehrte, an Ermordete und Trauernde.

Wir lesen seine Alpträume, in denen sich die Grenzen zwischen Lebenden und Toten vermischen, denn der Tod kann jede Minute in Form von Raketen, Heckenschützen oder verrohten Soldaten an den unzähligen Checkpoints zuschlagen. Nichts ist mehr sicher, geordnet oder verlässlich. Er schaut fern, sieht die Leichen im Mittelmeer.

Der Anblick war schrecklich. Ertrinkende Frauen und Kinder, mit denen die Wellen des Meers spielten. Eine Welle spülte sie ans Ufer, eine andere trieb sie aufs Meer, als lägen sie auf einem Wasserbett. (S. 27)

Das erzählt Malek in einer einfachen, ganz zurückgenommenen Sprache. Wenn alles implodiert, dann wird die Sprache schlicht, fast dokumentarisch.

Dass diese Texte nie länger als anderhalb Seiten sind, ergibt sich zwingend aus ihrem Inhalt. Im Irrsinn und Widersinn des Krieges gibt es keinen roten Faden mehr, nur noch Zersplitterung.

Ein Buch, das dennoch nicht leicht zu lesen ist, denn wir können jederzeit das Büchlein aus der Hand legen, den Opfern gewaltsamer Auseinandersetzungen, den Zivilisten jedoch steht keine Fluchtmöglichkeit offen und keine Atempause zu.

Anmerkungen

Dieser schmale Band von nur 139 Seiten wurde von Larissa Bender aus dem Arabischen übersetzt und im Weidle Verlag veröffentlicht. Die französische Ausgabe erschien bereits 2015.

Weitere Besprechungen gibt es bei:

Advertisements

10 Kommentare zu “Niroz Malek: Der Spaziergänger von Aleppo (2017)

  1. Danke für diesen Hinweis und die Besprechung. Eine starke Stimme aus einer erschütternden Situation. Das Zitat zu der herausfordernden Frage „Fliehen oder Bleiben?“ mit den Überlegungen zu Körper und Seele berührt. Möge sich die Situation für Autor, Stadt und Land baldmöglichst zum Guten wenden.

  2. Liebe Anna,
    Deine Besprechung macht mich noch viel neugieriger auf den „Spaziergänger“, der schon ganz oben auf meinem Lesestapel liegt. Wie Menschen überhaupt in solch einer Situation wie in Aleppo leben können, wie ein „normales Leben“ mit Küssen und Hochzeiten neben all der Gewalt und dem ständigen Tod existieren kann – oder auch muss, wenn man nicht verrürckt werden will – ja, wie es ist, aus guten und nachvollziehbaren Gründen in diesem „Irrsinn“ zu leben, das ist schon unvorstellbar, wenn wir nur die unfassbaren Bilder in den Tagesschauen sehen. Da gibt Literatur sicherlich einen sehr viel tieferen, nachhaltigeren und erschüttenderen Einblick .
    Viele Grüße, Claudia

    • Hallo Claudia,
      ich habe mir schon gedacht, dass das ein Buch für dich sein könnte. Bin gespannt, wie es dir gefallen wird. Mir hat das schmale, puzzleartige Werk sehr gut gefallen, weil es das Disparate, Nicht-Zusammenpassende nicht künstlich verbindet. Wir leben in einer verrückten Welt, vermutlich schon immer.
      Viele Frühlingsgrüße von Anna

      • Mit „der verrückten Welt“ hast Du Recht. Paul Auster, der seinen Roman „4 3 2 1“ ja in den 1950er- und 1960er-Jahren angesiedelt hat, macht sehr deutlich, dass auch das eine ganz verrückte Zeit gewesen ist. Wahrscheinlich ist es wirklich immer so.

  3. Das klingt nach schwerer, aber dennoch interessanter Lektüre. Da ich mich angesichts meines Umzugs zukünftig näher mit dem Mittleren Osten beschäftigen will, nehme ich das Buch gleich mal auf meine Liste. Liebe Grüße, Peggy

    • Es ist ja ein ganz schmaler Band, aber die einzelnen, z. T. sehr kurzen Texte kann man nicht so „hintereinander weg“ lesen, das muss ein bisschen nachhallen, was dort verhandelt wird. Liebe Grüße, Anna

  4. Pingback: Aleppo, mon amour. | Klappentexterin

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s