James Matthew Barrie: Peter Pan (OA 1911)

Peter Pan, der ewige Junge, egoistisch und ziemlich vergesslich, lockt kurzerhand Wendy Darling und ihre zwei Brüder aus ihrem nächtlichen Schlafzimmer auf die geheimnisvolle Insel Nimmerland, wo sie jeden Tag neue Abenteuer zu bestehen haben.

An diesen Zauberstränden [des Nimmerlands] ziehen Kinder ewig ihre Boote an Land. Wir sind auch dort gewesen, können noch das Brausen der Brandung hören, werden aber nie mehr dort landen. Von allen erdenklichen Inseln ist das Nimmerland die gemütlichste und engste; nicht groß und ausgedehnt, mit ermüdenden Abständen zwischen einem Abenteuer und dem nächsten, sondern schön vollgestopft. (S. 20)

Peter war zunächst eine Figur in einem Theaterstück von James Matthew Barrie, das 1904 in London uraufgeführt wurde. Inspiriert wurde Barrie dabei von den Geschwisterkindern der Familie Llewelyn-Davies. Der Roman, mit dem wir heute normalerweise Peter Pan verbinden, erschien erst 1911.

Ich selbst hatte diesen Klassiker der Kinderliteratur nie gelesen, doch als ich in der Buchhandlung die wunderschön gestaltete, deutsche Ausgabe des Coppenrath Verlages sah, schien mir das eine gute Gelegenheit, diese Lücke zu schließen. Die Illustrationen stammen von MinaLima Design, einem Grafikdesignstudio, das vor allem „durch die grafisch-visuelle Gestaltung der Harry-Potter-Filme“ bekannt wurde (siehe S. 254).

Um keine Bildrechte zu verletzen, verweise ich jetzt einfach mal auf den leider etwas hektisch geratenen Buchtrailer, der die beweglichen und ausklappbaren visuellen Effekte in Szene setzt, und auf eine Bilderstrecke, die noch einige weitere liebevoll gestaltete Seiten zeigt.

Nach der Lektüre muss ich sagen, dass die Erzählung mich nicht wirklich nachhaltig beeindruckt hat. Wendy beispielsweise darf in Nimmerland vor allem die Jungen bemuttern, füttern, trösten und ihre kaputten Sachen stopfen. Dabei ist sie kaum älter als ihre Schutzbefohlenen.

Wendy hatte natürlich nicht mitgekämpft, sie hatte Peter mit leuchtenden Augen zugeschaut. (S. 220)

Aber ein paar Szenen und Ideen sind tatsächlich großes Kino.

Das Kindermädchen von Wendy Darling und ihren Brüdern ist eine stattliche Neufundländerhündin namens Nana. Und Mrs Darling hört zum ersten Mal von Peter Pan,

als sie die Gedanken ihrer Kinder aufräumte. Jede gute Mutter kramt in den Gedanken ihrer Kinder, wenn sie schlafen, und ordnet sie für den nächsten Morgen und packt alle wieder an den rechten Platz. […] Es ist wie Schubladen aufräumen. Du würdest sie auf den Knien sehen, vermute ich, wie sie belustigt ein paar Dinge anschaut und sich fragt, wo in aller Welt du die denn aufgegabelt hast, wie sie schöne und weniger schöne Entdeckungen macht, wie sie das eine an ihre Wange drückt und das andere eilig wegpackt. Wenn du am Morgen aufwachst, sind die Ungezogenheiten und schlechten Angewohnheiten, mit denen du zu Bett gegangen bist, fein säuberlich zusammengefaltet und ganz unten in deinem Kopf verstaut; und oben, schön gelüftet, liegen die besseren Gedanken, dass du sie gleich benutzen kannst. (S. 17/18)

Auch das Wohnschlafzimmer von Tinkerbell, der kleinen eifersüchtigen Fee, hat es mir angetan.

Die Couch […] war echtes Feenrokoko, mit geschwungenen Beinen. Die Bettdecke wechselte sie mit der Jahreszeit, je nachdem, welche Blütenblätter es gerade gab. Der Spiegel war original Schneewittchen, wovon es nur noch drei vollständig erhaltene Exemplare im Feenhandel gibt. Der Waschtisch war Marke Kuchenform und verstellbar, die Kommode echt Prinzessin Chippendale und Teppich und Bettvorleger waren bester Gestiefelter Kater (die frühe Periode). Es gab einen Kronleuchter der Firma Hutmacher & Haselmaus, aber bloß zum Angucken – natürlich machte Tink in ihrem Prunkgemach selbst Licht. (S. 113)

Interessanter als die Geschichte selbst fand ich die kulturellen Wurzeln des Puer Aeternus, des ewigen Jungen, der schon von Carl Gustav Jung als psychologischer Archetyp gedeutet wurde. Die Spuren führen bis zur Neverland-Ranch von Michael Jackson, der sich selbst als Peter Pan bezeichnete.

Und der amerikanische Familientherapeut Dan Kiley veröffentlichte 1984 ein Buch über das Peter-Pan-Syndrom, in dem es um Männer geht, die „nie erwachsen werden“. Das Buch wurde später auch ins Deutsche übersetzt und hat sich wohl tadellos verkauft.

 

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4 Kommentare zu “James Matthew Barrie: Peter Pan (OA 1911)

  1. Ich habe das Buch vor einigen Jahren gelesen, weil ich einige Kinderbuch-Klassiker einmal im Original kennen lernen wollte. Aber auch mich hat es nicht sehr mitgerissen, und bei der Lektüre aus heutiger Sicht stören tatsächlich die rückwärts gewandten Geschlechter-Stereotypen. Da lob ich mir im Vergleich die anarchische Alice im Wunderland.

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