Fundstück von Sei Shōnagon

Was mein Herz anrührt

Spatzen, die ihre Jungen aufziehen.

Wenn ich an spielenden Kleinkindern vorbeigehe.

Wenn ich Räucherwerk entzünde, das angenehm duftet, und mich dann alleine zur Ruhe lege.

Wenn ich mich in einem Spiegel chinesischer Machart betrachte, der ein wenig Patina angesetzt hat.

Ein stattlicher junger Herr von Stand, der seinen Wage vor dem Tor halten und durch einen Bediensteten seinen Besuch anmelden oder nach etwas fragen lässt.

Ich wasche mir die Haare, schminke mich sorgfältig und lege wunderbar duftende Gewänder an. Auch ohne dass mich irgendjemand sieht, bin ich dann, nur für mich allein, im Herzen vollkommen glücklich.

In Nächten, in denen mein Liebster zu mir kommen soll, bereitet mir schon das Rauschen des Regens Herzklopfen, oder der Wind, der am Dach rüttelt.

(aus dem Kopfkissenbuch der japanischen Hofdame Sei Shōnagon, entstanden um 1000; zitiert nach der erstmals vollständig von Michael Stein aus dem Japanischen übersetzten Fassung, Manesse Verlag 2015, S. 37)

Überhaupt, eine wunderbar ansprechend gestaltete Ausgabe, mit sorgfältig erstellten Erläuterungen und weiteren Fußnoten im Text.

Es ist faszinierend, wie unglaublich frisch und nah die Aufzeichnungen dieser Hofdame klingen, die von uns doch 1000 Jahre entfernt ist, in ihrem Tratsch und Klatsch, ihren Gefühlen, ihrer Loyalität, ihrer manchmal scharfen und manchmal so poetischen Zunge sowie ihrer Selbstvergewisserung als Individuum.

Schlagfertigkeit, musikalische Fähigkeiten und Kenntnisse der japanischen und chinesischen Literatur waren dabei einige der Möglichkeiten, Anerkennung bei der Kaiserin zu finden – vornehme Abstammung wurde bei den Hofdamen natürlich  vorausgesetzt.

Darüber hinaus ist das Kopfkissenbuch ein historisch und literarisch wertvoller Einblick in die Sitten und komplizierten Gepflogenheiten am Hofe einer vergangenen Epoche.

Und trotzdem: Irgendwann fand ich die Beschreibungen, wer welche Gewänder und Farbkombinationen trug und was die Herren anstellten, um doch einmal die Damen, von denen sie oft nur die Kleidersäume oder die weißgeschminkten Gesichter sahen, etwas genauer in Augenschein nehmen zu können, ein wenig ermüdend.

Man vertrieb sich die Zeit mit allerlei Künsten, Stegreifgedichten und Ausflügen zu religiösen Stätten. Stolz war man dabei auf guten Geschmack und ästhetische Empfindsamkeit.

Und wie überall, wo mächtige Menschen vergessen, wessen Hände Arbeit eigentlich die Grundlage für ihren Reichtum legen und wer die kostbaren Stoffe, Teppiche und Gefäße herstellt, ihre Gärten und Paläste in Ordnung hält und die leckeren Speisen kocht, ist die Überheblichkeit gegenüber ärmeren Menschen nicht weit.

Eine Bettlerin in schmutziger Kleidung wird da schon mal mit einem Affen verglichen.

Unpassend ist es, wenn Schnee auf die Hütten des niederen Volkes fällt, und um das Mondlicht, das bei ihnen hineinscheint, ist es auch zu schade. (S. 59)

Stein bekam übrigens für seine Neuübersetzung dieses Werkes im Herbst 2016 den Japan Foundation Übersetzerpreis. Hier geht’s lang zu einem Interview mit Stein.

P1120921

Advertisements

2 Kommentare zu “Fundstück von Sei Shōnagon

  1. Das mit der Neuübersetzung wusste ich noch nicht, danke. Kennst du den Film The Pillowbook von Peter Greenaway, den er irgendwann Mitte der Neunziger gedreht hat? Spielt in der Gegenwart, nimmt aber Bezüge auf zu Sei Shonagon und es werden auch sehr schöne Passagen aus ihrem Buch zitiert.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s