Fundstück von Sei Shōnagon

Unausstehliches

Ein Besucher, der genau dann kommt, wenn ich dringende Dinge zu erledigen habe, und dann endlos daherschwatzt. …

Langweiler, die unter widerwärtigem Lachen viel leeres Geplapper von sich geben. …

Unausstehlich sind Leute, die immerzu auf andere neidisch sind und sich über ihre eigene Lage beklagen, die über andere tratschen, jede noch so winzige Neuigkeit begierig aufsaugen und alles in Erfahrung bringen wollen, die jedem grollen, der sie nicht mit neuem Klatsch versorgt, und das Wenige, das sie aus zweiter Hand gehört haben, gleich aufblasen und wildfremden Leuten weitererzählen.

Säuglinge, die losplärren, wenn ich mich mit jemandem unterhalten möchte.

Eine Ansammlung von Krähen, die unentwegt hin- und herflattern und dabei laut krächzen.

Hunde, die laut losbellen, wenn der Geliebte nachts heimlich zu Besuch kommt. …

Ich bin todmüde und habe mich gerade zum Schlafen niedergelegt. Da meldet sich mit feinem Sirren eine einsame Schnake und summt mir immer wieder ums Gesicht herum. …

Jemand, der mir ins Wort fällt, wenn ich etwas erzähle, und dann dreist den Schluss vorwegnimmt. Jegliches Dreinreden, ob von Kindern oder von Erwachsenen, ist unausstehlich. …

Hunde, die im Verein mit anderen endlos heulen. …

Unausstehlich sind Leute, die beim Hereinkommen die Tür zwar öffnen, sie aber nicht wieder schließen.

(aus dem Kopfkissenbuch der japanischen Hofdame Sei Shōnagon, entstanden um 1000, zitiert nach der erstmals vollständig von Michael Stein aus dem Japanischen übersetzten Fassung, Manesse Verlag 2015, S. 33 – 36)

 

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8 Kommentare zu “Fundstück von Sei Shōnagon

  1. Diese Zitate aus dem Kopfkissenbuch finde ich höchst aktuell! Vor allem das Gesagte über die unausstehlichen Leute und jene, die einem ins Wort fallen, findet meine uneingeschränkte Zustimmung!
    Ich wünsche ein schönes Wochenende!

  2. Schönes Fundstück, schöne Zitate. Außerdem gefällt mir das Wort „Kopfkissenbuch“; und das Cover ist wunderschön. Ich werde gleich mal in die Leseprobe hineinschnuppern, um zu sehen, ob das Büchlein was für mich ist.

    Liebe Grüße,
    Tanja

  3. Liebe Anna,
    die wunderschönen, höchst aktuellen, aber eigentlich ja steinalten Zitate aus dem Kopfkissenbuch zeigen, dass sich manches am Menschen nie ändert. Brauchen wir uns ja eigentlich gar nicht mehr drüber ärgern und aufregen.
    Einen schönen Restsonntag wünscht Claudia

    • Ja, die menschliche Natur ändert sich wohl nicht, aber ich fand es erstaunlich, wie sehr diese Stellen die Jahrhunderte überspringen und uns ganz nah und vertraut sind. LG, Anna

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