J. D. Vance: Hillbilly-Elegie (OA 2016)

Ich heiße J. D. Vance, und ich denke, ich sollte mit einem Geständnis beginnen: Ich finde die Tatsache, dass es dieses Buch gibt, das Sie in Händen halten, einigermaßen absurd.

So beginnt das von Gregor Hens aus dem Amerikanischen übersetzte Buch, das von der Süddeutschen als das wichtigste politische Buch des Jahres bezeichnet worden ist.

Das Absurde an dem Buch ist laut Vance, dass er eigentlich gar nichts Besonderes zuwege gebracht habe, jedenfalls nichts, was rechtfertigen würde, dass Fremde Geld für die Lebensgeschichte eines gerade einmal Einundreißigjährigen ausgeben. Er habe bloß erfolgreich an der Yale University Jura studiert, sei glücklich verheiratet und habe eine gute Stelle und zwei Hunde. Das sei alles – aber das ist es eben nur fast.

Denn da gibt es durchaus noch etwas, was Vance von nahezu allen anderen erfolgreichen Menschen in Amerika unterscheidet: Er kommt aus dem Hillbilly-Milieu, einer ziemlich weit unten angesiedelten sozialen Schicht, die auch schon mal als White Trash bezeichnet wird und in der aufgrund Drogensucht, Kriminalität, Arbeitslosigkeit, Gewalt und fehlender familiärer Strukturen die Aufstiegschancen gleich Null sind.

Ich identifiziere mich eher mit den Millionen von weißen Arbeitern ulster-schottischer Herkunft, für die ein Studium nie in Frage kam. Für diese Menschen ist Armut Familientradition. Ihre Vorfahren waren Tagelöhner in der Sklavenhaltergesellschaft der Südstaaten, dann Farmpächter, dann Bergarbeiter, und schließlich arbeiteten sie als Maschinisten oder im Sägewerk. Amerikaner nennen sie Hillbillys, Rednecks oder White Trash. Ich nenne sie Nachbarn, Freunde und Verwandte. (S. 9)

Vance ist sich natürlich im Klaren darüber, dass die Schließung von Firmen katastrophale Auswirkungen auf die Arbeiterschicht hat, aber ihm geht es um noch etwas anderes:

Was passiert eigentlich im Leben wirklicher Menschen, wenn es mit der Industrie bergab geht? Es geht darum, dass diese Menschen auf die schlimmen Bedingungen denkbar schlecht reagieren. Es geht um eine Kultur, die den sozialen Verfall in zunehmendem Maße befördert, statt ihm entgegenzuwirken. (S. 14)

Als er jobbt, lernt er junge Männer kennen, die oft gar keinen Arbeitsplatz mehr halten können, weil sie notorisch unpünktlich, unzuverlässig und verlottert sind. Wird ihnen dann gekündigt, jammern sie, tun sich leid und geben ausschließlich anderen die Schuld.

Doch dann steigt Vance in seine eigene Lebensgeschichte ein und schildert diese so anschaulich – geradezu filmreif -, dass man als Leser manchmal nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll. Ein Trinker als Großvater, der zumindest in seinen späteren Jahren ein wunderbarer Opa für den kleinen J. D. ist, eine schießfreudige Großmutter mit ordinärem Mundwerk und einem Herzen aus Gold, eine drogensüchtige und deshalb oft gemeingefährlich durchgeknallte Mutter mit ständig wechselnden Partnern und eine wenig lernförderliche Umgebung.

Das Männlichkeitsgehabe – wehe, du beleidigst meine Familie – wirkt wie auf dem Schulhof oder aus einewird aber bitterernst gelebt. Da lernt der kleine Vance von seiner Großmutter, die von allen nur Mamaw genannt wird, die besten Tricks und den Ehrenkodex für Prügeleien: Fange nie zuerst an, aber wenn jemand deine Familie beleidigt, dann gehe als Sieger vom Platz.

J. D. Vance und seine Schwester Lindsay sind in dieser chaotischen und oft auch gefährlichen Kindheit hauptsächlich mit Überleben beschäftigt. Auf gute Noten legt in der Familie niemand Wert, aber J. D. hat am Ende des Schultages Angst vor der Glocke, weil er nicht weiß, in welchem Zustand er seine Mutter vorfinden wird, wenn er nach Hause kommt.

Der emotionale Halt kommt ausschließlich von seinen Großeltern, die er über alles liebt und auf die er sich – obwohl sie selbst sich oft eher asozial verhalten und noch nicht einmal zu einer Beerdigung ohne ihre Waffen fahren – hundertprozentig verlassen kann.

Doch auch wenn es Vance durch alle Krisen hindurch ja offensichtlich bis nach Yale geschafft hat, ist sein mühsamer Weg nicht zu Ende. Er stellt fest, dass die erlittenen Traumata sich auf Beziehungen und seine Fähigkeit, Konflikte friedlich zu lösen, langfristig auswirken.

Ich versuchte es mit einer Therapie, aber das fand ich dann doch zu bizarr. […] Stattdessen ging ich in die Bibliothek, und da lernte ich, dass ein Verhalten, wie ich es für ganz normal gehalten hatte, von Wissenschaftlern sehr intensiv erforscht und diskutiert wurde. (S. 260)

Darüber hinaus geht der gesellschaftliche Aufstieg einher mit einem anstrengenden kulturellen Wechsel: Plötzlich ist es verpönt, in Fastfood-Restaurants zu essen, und man weiß, wie französische Weißweine ausgesprochen werden. Man schreit sich nicht dauernd an und prügelt sich nicht. Dazu kommt, dass man als Arbeiterkind über nahezu null soziales Kapital verfügt, das man an der Universität und spätestens bei den Bewerbungen aber dringend benötigt.

In seiner eindrücklichen Schilderung bezieht Vance immer wieder auch Studien und Dokumentationen, z. B. zur Armutsverteilung, zu Patchworkfamilien und zu Gesundheits- oder Ernährungsfragen ein, um seine Geschichte in einen größeren gesellschaftlichen Kontext zu stellen. Er hat nicht auf alles eine Antwort, aber er zeigt, welche Fragen man stellen müsste und dass Regelungen von zwar wohlmeinenden, aber ahnungslosen Politikern manchmal eher kontraproduktiv sind.

Es ist ein großartiges Buch, es spricht nämlich nicht von oben herab über eine Schicht, die mir fremd und in diversen Verhaltensweisen durchaus suspekt ist, sondern zeigt unverwechselbare Menschen mit einer persönlichen Geschichte, die letztlich auch auf der Suche sind nach einem guten Leben, nach Liebe, nach einem gelingenden Familienleben, selbst wenn sie sich dabei mit katastrophalen Fehlentscheidungen dauerhaft ins Aus manövrieren.

Dadurch gibt Vance Menschen, die gedankenlos als White Trash abgewertet und aussortiert werden, ihre Würde zurück, da er sie nicht ausschließlich über ihre Opferrolle im Kapitalismus definiert, sondern auch auf die blinden Flecken in der Selbstwahrnehmung dieser Menschen hinweist und damit auf ihre Eigenverantwortung. Gleichzeitig mahnt er an, wie wichtig Erfahrungen von Selbstwirksamkeit sind. Das Gefühl, als er während seiner Zeit bei den US-Marines zum ersten Mal Geld verdient und damit seine Großmutter unterstützen kann, ist für ihn schier unbeschreiblich.

Gleichzeitig ist es auch ein beängstigendes Buch, denn die Folgen dieser Verelendung und Verwahrlosung ganzer Stadtteile und Landstriche sind ja noch gar nicht abzusehen.

Ach, und versteht man danach besser, warum manche dieser Hillbillys Trump so toll finden? Ja, natürlich, auch das. Vance zieht an einer Stelle das Resümee:

Was die Erfolgreichen von den Gescheiterten [aus seinem sozialen Umfeld] unterscheidet, sind die Erwartungen, die sie an ihr eigenes Leben gestellt haben. Aber was sie immer öfter von der politischen Rechten zu hören bekommen, ist: Es ist nicht deine Schuld, dass du ein Versager bist. Es ist die Schuld der Regierung. (S. 224)

Und ich denke, seine ordinäre, loyale Großmutter, die zusammen mit ihrem Mann mal eine Drogerie kurz und klein geschlagen hat, weil der Verkäufer nicht nett genug zu ihrem kleinen Sohn war, und die für ihren Enkel vermutlich ohne mit der Wimper zu zucken  gemordet hätte, wird mir lange im Gedächtnis bleiben.

Anscheinend war ich nicht die Einzige, die gern Fotos seiner Familie sehen wollte, auf der Homepage des Autors gibt es zumindest einige Schnappschüsse.

Die Süddeutsche Zeitung hat ein Interview mit dem Autor veröffentlicht. Und Sabine wies bei Literaturen auf seinen TED-Talk hin.

Hier geht es zur Besprechung von Lenz Jacobsen in der Zeit.

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12 Kommentare zu “J. D. Vance: Hillbilly-Elegie (OA 2016)

  1. Liebe Anna,
    nach dem Lesen deiner Besprechung kann ich sehr gut verstehen, warum die SZ dieses Buch als das wichtigste politische Buch dieses Jahres bezeichnet hat. Und ich frage mich, ob es diese Tendenzen der Verelendung und Verarmung nicht auch bei uns gibt. In einigen Klassen reagieren Schüler und Schülerinnen ja genauso, wie Vance es in seinem Buch beschreibt: aggressiv und wenig selbstkritisch – oder auch völlig resigniert. Das sind auf jeden Fall ganz kritische gesellschaftliche Entwicklungen.
    Viele Grüße, Claudia

    • Hallo Claudia,
      ja, das denke ich schon, dass es das bei uns auch gibt. Auch diese Antriebslosigkeit, durch Bildung aus der Misere auszusteigen, obwohl man die Intelligenz dazu hätte. Und wenn das erst auf ganze Stadtteile und Landstriche übergreift … Also, ich könnte mir gut vorstellen, dass das ein Buch für dich sein könnte. Und es liest sich einfach super. Und hat Hauptfiguren, die einem noch lange im Gedächtnis bleiben werden. Schade, dass er kein Foto seiner Großeltern gezeigt hat. LG und noch schöne Ferientage! Anna

  2. Liebe Anna,
    ich hab die Besprechungen bei Erscheinen auch gelesen, das Buch selbst allerdings noch nicht. Ich finde es sehr schön, dass du darauf hinweist, dass das Buch eine Schicht nicht ,,von oben herab“ beschreibt, diesen Punkt nahmen viele der Besprechungen in den größeren Zeitungen gar nicht in den manchmal allzu abschweifenden (Meta-)Blick. Sollte mir das Buch demnächst über den Weg laufen, werde ich es auch unbedingt lesen. Gerade vor ein paar Tagen habe ich eine erschreckende Statistik zu den Drogentoten aus der Heimatregion des Autors gesehen und war angenehm überrascht (wenn man das denn so nennen kann), wie gering die Zahlen im Gegensatz dazu in Deutschland sind.
    Viele Grüße, Jana

    • Hallo Jana,
      es freut mich, dass du das so aufmerksam wahrgenommen hast. Ich finde das persönlich besonders wichtig bei diesem Buch, dass da nicht einer von oben herab schreibt, aus einer Position, in der man meint, man wüsste alles besser. Und das kann vermutlich nur jemand, der aus dieser Bevölkerungsgruppe kommt und die Dinge hautnah erfahren hat. Bin gespannt, wie dir das Buch gefallen wird.
      LG, Anna

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